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Abwägungen

Erzählung zum Thema Gedanken

von  Navarone

Im Gegensatz zu jenen, bei denen sich der Magen schon beim bloßen Wort "Kater" umdreht, sind unter Ihnen sicherlich auch einige Leser, denen das Gefühl eines Katers nicht präsent ist.
Ein Gefühl, das für mich für einige Jahre zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden war. Nicht, dass Sie davon profitieren würden, wenn ich Ihnen dieses Gefühl ins Gedächtnis rufe aber das ist auch nicht meine Absicht.
Ich hoffe Ihnen ist an diesem Punkt meiner Geschichte bereits bewusst, dass Sie hier keine Feel-Good-Geschichte lesen, die zwar tragisch beginnt aber dann auf ein sicheres Happy End zusteuert. Das überlassen wir mal lieber den Mitarbeitern, am Drehbuchfließband in Hollywood.
Ehe mich am nächsten Morgen die klassische Katersymptomatik heimsuchte, roch ich den Geruch von altem Bier und kaltem Rauch, der sich in meiner Kleidung festgesetzt hat, die ich zum Teil noch trug und zum anderen Teil auf dem Fußboden meines kleinen Schlafzimmers verteilt hatte.
Ich rang durch meine verschleimte Nase nach Luft; Vergebens. Das stundenlange Atmen in der verqualmten Kneipe hatte meine Schleimhäute derart gereizt, dass sie solange Sekret produzierten, dass ein Atmen unmöglich wurde. Also stand das Atmen durch den Mund an, was zumindest etwas besser ging. Zwei Atemzüge hielt ich durch, ehe ich jenen bekannten Gelb-braunen Dreck aus hustete, der meine Atmung erschwerte.
Meine Glieder waren tonnenschwer und ich verspürte den Durst meines Lebens. Das alles begleitet von Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit.
Die Wasserflasche die meist neben meinem Bett stand, fehlte heute natürlich also schleppte ich mich halb nackt mit schweren Schritten in die Küche, wo mich eine strahlende Sonne blendete.
Trinken und wieder ins Bett, so der Plan. Im ersehnten Bett angekommen fiel mir auf, dass ich die Flasche, statt sie mitzunehmen wieder auf der Arbeitsfläche in der Küche abgestellt hatte.
„Scheiße, nochmal aufstehen? Nein, erst, wenn ich auf Klo muss,“ beschloss ich, starrte an die Decke und horchte in meinen Körper. Das Schlimmste hatte er überstanden, von jetzt an würde es langsam besser werden und Montag würde ich wieder fit sein. Kaum hatte ich den Gedanken zu ende geführt, meldete sich auch schon die Blase. Es war soweit; wieder aufstehen.

Den Rest des Wochenendes war ich meinen Gedanken ausgeliefert. Die Trägheit des Katers zog sich und unterdrückte jedes Interesse raus zu gehen oder (im Schlimmsten falle) mit irgendjemanden zu interagieren. Selbst das Einkaufen im Supermarkt am Nachmittag wurde zur Herausforderung.
Was muss man da nochmal sagen? „Hallo, Ja, gerne,“ Geld auf den Tisch legen, Einkäufe einpacken, „Tschüss“.
Das musste doch machbar sein.
Ich versaute jedoch den Teil mit dem Geld, für einen kurzen Moment, was die gestressten Kunden, hinter mir in der Schlange, dazu brachte missbilligend zu stöhnen.

In einigen arabischen Ländern kursiert angeblich das Sprichwort: „Ihr habt die Uhren und wir die Zeit.“ Ist vielleicht aber auch nur ein Sprichwort, dass wir denen in die Schuhe geschoben haben.
Basierend auf einer romantisierten Vorstellung, dass es irgendwo anders, besser, ist.
Ich lag also im Bett. Es waren noch 35 Stunden bis ich wieder zur Arbeit musste. Ein Gedanke, der mich im Gegensatz zu den anderen Wochenenden diesmal nur hin und wieder heimsuchte. Ich dachte viel über die fremde Frau nach.
Sie hatte mich auf eine seltsame Weise ertappt.
Überall in meinem Schlafzimmer lagen Klamotten verstreut. Nur die etwas bessere Kleidung, die ich auf der Arbeit tragen musste, lag sauber zusammengelegt im Schrank.
Es gab bei uns im Büro keine Kleiderordnung aber Bandshirts und verwaschene Jeans waren nicht gern gesehen. Während ich meine Kleidung in der Freizeit meist nach dem Geruchstest auswählte, weil ich immer wieder vergaß, welcher wilde Haufen in die Kategorie 'frisch gewaschen', 'geht noch' oder 'igitt' fiel, mussten meine Büroklamotten stets sauber und wohlriechend sein.
Eine Analogie, die alle Bereiche meines Lebens betraf. 
Ich versuchte etwas zu schlafen, was mir aber kaum gelang. Zum Einen, weil ich den ganzen Tag lang immer wieder kurz eingeschlafen war und zum Anderen, weil meine Gedanke um das kreisten, was die Frau gesagt hatte.
"....du sitzt hier und schimpfst auf das System, weil du zu feige bist auszusteigen."
Der Satz wiederholte sich Mantra artig in meinen Gedanken. Hatte Sie wohl recht? Konnte ich einfach gehen? Würde ich das schaffen?"
Ich wälzte mich noch einige Stunden hin und her, bis ich endlich in einen Zustand des Halbschlafes verfiel, der von wilden Träumen begleitet war.

Montag saß ich wieder im Büro und sah den Uhren beim stehen bleiben zu.
Dienstag beschloss ich, die nun vollends losgetretene Sehnsucht nach Flucht und Abenteuer zu unterdrücken.
Mittwoch beschloss ich mich Freitag zu betrinken
Donnerstag redete ich mir ein, dass das alles Quatsch sei. Niemand mag seine Arbeit. Vielleicht litt ich ja nur an einer verfrühten Midlifecrisis.
Ich nahm mir vor, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und mich am Wochenende woanders zu bewerben.
Freitag betrank ich mich.
Samstag war ich zu verkatert und eine Bewerbung zu schreiben. Wer garantierte es mir denn, dass es in einem anderen Büro besser sei? So schlimm war es ja eigentlich auch nicht. Ich lag wieder da und versuchte den Verstand nicht, über die wild rotierenden Gedanken, zu verlieren.
Sonntag machte ich ein Spaziergang, in der Hoffnung, meine Gedanken verdrängen zu können. 
Gegen meinen Willen formte sich immer mehr ein fester Plan im Kopf.
Es war Monatsanfang. Ich hatte durchaus Geld auf dem Konto, Zudem noch ein paar Euro Ersparnisse (Vielleicht 1000 €). Ich könnte mir durchaus ein Mindestmaß an Ausrüstung Kaufen und einfach fliehen.
Bis mich jemand wirklich vermisste konnten Wochen vergehen. Wenn mein Arzt mich zwei Wochen Krankschreiben würde, dann hätte ich einen beachtlichen Vorsprung.
Wenn alles schon in den ersten Wochen schiefging, dann war es mir ja noch möglich wieder zu kommen und mein Leben wieder aufnehmen.   
Irgendwie würde das schon klappen. Was sollte schon passieren? Irgendwie war es ohnehin schon zu spät mein Leben zu ruinieren, das war es ja schließlich schon, nur anders.
Aus lauter Angst etwas falsch zu machen, war ich den Weg gegangen, den meine Eltern mir beigebracht hatten und der hat mich an diesen Punkt geführt, an dem ich jetzt war. Zutiefst unglücklich und am Rande der Alkoholabhängigkeit.
Komplett im Gedanken versunken lief ich durch die nassgeregneten Straßen, dieser, meiner, grauen Stadt. Der Duft des Frischen Sommerregens auf dem Asphalt erfüllte meine Nase und drang in mein Hirn, wie ein Abbild der Schönheit. Die Straßen waren ruhig, denn Sonntags fuhren kaum Autos. Die Geschäfte waren zu und niemand musste zur Arbeit. Für die meisten Menschen bedeutete das, dass es keinen Grund gab die eignen vier Wände zu verlassen.
Irgendwann riss mich der Klang einer Gitarre aus dem Gedanken. Es war noch kein Musiker zu sehen, doch ich folgte dem Klang der Musik, welcher, über die feuchte Luft, zu mir getragen wurde.
Er wurde lauter und lauter. Aus einem sanften, rhythmischen Säuseln, wurden mit jeden Schritt klarer erkennbare Töne.
Schließlich offenbarten sich mir ein junger Mann und eine junge Frau, die auf Kisten saßen und spielten. Um sie herum standen drei Leute, die ihnen zuhörten.
Ich stellte mich dazu und hörte mir an, was sie präsentierten. Es waren Melodien ohne Gesang, die an Klassiker der Beatles und der Rolling Stones erinnerten.
Während er langsam und gemächlich vor sich hin zupfte, trommelte sie im passenden Rhythmus auf der Cajon, die unter ihr stand.
Ich begann mir eine Geschichte für Beiden zu überlegen. Ihre Kleidung war etwas abgewetzt aber durchaus modisch - alternativ.
Sie lebten vermutlich in der alten Fabrik, die seit Jahren von einigen Linken besetzt war. Ich war einige male dort gewesen, wenn dort Veranstaltungen stattfanden. Diese Beiden passten genau ins Bild, das dort vorherrschte. 
Vermutlich waren sie aus irgendwelchen Dörfern und Kleinstädten nach Kiel gekommen um etwas zu erleben.
Linksautonome Lebenskultur war nicht, was man in irgendeinem Nindorf oder Aukrug ausleben konnte. Dafür mangelte es dort an Gleichgesinnten. Also machten sie sich auf nach Kiel und Hamburg. Was ich nicht negativ fand. Junge Linke neigen zwar etwas zur Besserwisserei aber sind eigentlich sehr umgänglich.

Wahrscheinlich würden die Beiden das Kleingeld, das sich im ausgelegten Gitarrenkoffer gesammelt hatte, später nutzen um sich was zu essen und ein paar Bier zu kaufen und ihren Mitbewohnern in der alten Fabrik einen ausgeben.
Ich würde gleich nach Hause und morgen zur Arbeit. Immerhin mit der Sicherheit stets genug Geld zu haben, damit ich um die Runden kam.  War es das Wert? Wer weiß.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (20.10.21)
Dieser Kommentar und die Antworten dazu sind nur für Teilnehmer an diesem Kommentarthread lesbar.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 25.10.21:
Diete* *** *****! :-) *.*.: &****;*** **********, **** *** *****&****;
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