Die Krähe auf der Schulter des Fräuleins ( 1 )

Erzählung

von  klausKuckuck

Herr Glockbergl steuerte auf die Parkbank zu. Er wollte einen Moment lang durchatmen. Nachdenken. Einen Entschluss fassen. Die Parkbank war unbesetzt. Nur eine Krähe hockte oben auf der Rückenlehne und starrte aufmerksam dem Herankommenden entgegen. Herr Glockbergl hoffte, sie würde dort hocken bleiben, er wünschte sich Gesellschaft. Keine Spaziergänger. Er wollte mit niemandem reden. Ein stummer Zuschauer wäre ihm willkommen gewesen. Der hätte ihn eine Weile noch ans Leben erinnert. Die Krähe flog auf.
Nachdem Herr Glockbergl sich gesetzt hatte, versuchte er es mit dem Nachdenken. Aber er schaffte es nicht, seine Gedanken zusammenzuhalten. Sie fuhren im Kopf Karussell. Das beunruhigte ihn. Er atmete stoßweise. Verfiel in ein kreisendes Schwanken. Von Bewusstseinsstörungen hatte der Hausarzt gesprochen, die sich mit der Zeit verstärken könnten. Herr Glockbergl tupfte sich mit dem Handrücken Schweißperlen von der Stirn. Sollte er jetzt einfach die Augen schließen, nach der Giftampulle in seiner Hosentasche greifen, vielleicht noch einmal laut auflachen, um sich dann mit seinem letzten Lachen aus der Welt zu verabschieden? Eine Wolke fiel ihm auf, die über seinen Kopf hinwegschwebte. Die ihn an ein Schaf erinnerte. Als Kind hatte er ein Schaf geliebt. Das schwebte jetzt über ihm, so kam es ihm vor. Er blickte dem Schaf gebannt nach.
Herr Glockbergl hatte sich für das, was er vorhatte, den Stadtpark seines Heimatortes Kleinwedel ausgesucht, der um die Mittagszeit immer in eine geheimnisvolle Stille getaucht war. Oft war er mittags hier an den hohen Bäumen entlang gebummelt und hatte diese Stille genossen. Aber heute schien ihm der Park auf einmal voller Lärm zu sein. Die Krähe hatte sich plötzlich von weither mit Gekreisch gemeldet, das nun aus allen Richtungen zu kommen schien.
Sein Tod war beschlossene Sache. An der es nichts mehr zu rütteln gab. Herr Glockbergl hatte die Rolle des Vollstreckers erhobenen Hauptes angenommen. Niemand sollte ihm da hineinreden. Auch der Tod selbst nicht.
In seinem bisherigen Leben war ihm der Tod immer aus dem Weg gegangen. Hatte ihn großzügigerweise übersehen, einen Bogen um ihn geschlagen. So schätzte Herr Glockbergl es ein. Einen Verkehrsunfall hatte der einstige Bibliothekar und jetzige Rentner Glockbergl unbeschadet überlebt. Drei Leute hatten dabei ihr Leben verloren, er jedoch auf dem Beifahrersitz, aus Vergesslichkeit nicht einmal angeschnallt, war mit dem Leben davongekommen. Ohne einen Kratzer. Auch als er eines Abends betrunken eine Uferböschung hinuntergerollt war, hatte sich sein Freund Tömmelmann, mit dem zusammen er Geburtstag gefeiert hatte, beim Rettungsversuch das Genick gebrochen – der betrunkene Herr Glockbergl war am Leben geblieben. Der Tod hatte sich nicht an ihn herangetraut. Damals nicht und später erst recht nicht. Nie war ein Zugriff erfolgt. Auch nicht, als ihm die eisenbeschlagene Schiebeleiter, die zum Dachboden seiner Wohnung führte, aus den Händen geglitten war und auf ihn herunterkrachte. Kein Schädelbruch, kaum eine Beule. Er schien gegen die Attacken des Todes immun zu sein. Anders konnte Herr Glockbergl sich sein Überlebensglück nicht erklären. Und diese Erkenntnis ließ ihn eines Tages tollkühn werden: Er forderte den Tod heraus. An jenem Tag kletterte er im zoologischen Garten der Nachbarstadt unbemerkt über einen Zaun und gelangte zu einem großen Wasserbecken, in dem es von Krokodilen wimmelte. Er wollte sein Leben aufs Spiel setzen – auf ein Spiel mit dem Tod. Der Tod verlor. Als Herr Glockbergl den Beckenrand erreicht hatte, nahmen die wild auffauchenden Bestien Reißaus.
Dann aber, vor einem Jahr, war ihm an einem Sonntagnachmittag unversehens schwindelig geworden. Beim Parkspaziergang. Für Sekunden musste er in die Hocke gehen, um wieder Halt zu finden. Und er fühlte einen Stich in der Herzgegend. Am folgenden Montagmorgen sprach er beim Hausarzt vor, und der erklärte ihm nach einer gründlichen Untersuchung: «Mein lieber Herr Glockbergl, mit ­Ihren­ beinahe achtzig Jahren sollten Sie vernünftig genug sein und auf Vorsicht umschalten. Sie sind ein Fall für den Kardiologen. Sie gehen ohne Widerspruch sofort dorthin. Wenn ich mich nicht täusche, wird man Ihnen eine neue Herzklappe einsetzen müssen.»
«Und wenn ich nicht hingehe?»
«Werden die Schmerzen heftiger!»
«Und ich sterbe?»
«Das könnte Ihnen so passen! So schnell ist der Tod nicht zu haben! Sie werden erst einmal leiden.»
Nachdem Herr Glockbergl die Praxis verlassen hatte, versuchte er eine Entscheidung zu treffen: Würde er beim Kardiologen vorsprechen? Sollte er es aufschieben? Er schob es auf.
Im Kleinwedeler Stadtpark war die Krähe verstummt. Es war wieder leise geworden. Ein Käfer krabbelte Herrn Glockbergl am Hosenbein hoch. Er betrachtete ihn. Dann schnippte er ihn weg. Der Käfer fiel auf den Rücken, zappelte wie irrsinnig mit den Beinen, konnte sich herumwerfen und tackelte davon. Auch so ein Überlebenskünstler, dachte Herr Glockbergl. Für einen Augenblick fühlte er sich dem Käfer freundschaftlich verbunden. Auch so einer, an den sich der Tod nicht nach Belieben heranmachen konnte! Und Herr Glockbergl staunte über sich selbst: Da war ihm doch gerade eine beinahe philosophische Erkenntnis herausgerutscht! Sein Verstand arbeitete offenbar noch auf beachtlichem Niveau! Herr Glockbergl streckte sich. Die Parkbankbretter knarrten.
Wenn da bloß nicht diese Lustlosigkeit wäre! – dachte Herr Glockbergl. Diesen Gedanken wurde er seit Wochen nicht los. Mit großem Erschrecken hatte er eines Morgens festgestellt, dass ihm die Neugier abhanden zu kommen schien. War so etwas möglich? Eine Folge der Bewusstseinsstörungen? Hatte er über Nacht verlernt, neugierig zu sein? Zum Beispiel interessierte es ihn überhaupt nicht mehr, wenn man ihn in der abendlichen Tagesschau darauf hinwies: Eine Naturkatastrophe drohe über Europa hereinzubrechen. Es war Herrn Glockbergl nun auch geradezu wurscht, dass der Bürgermeister von Kleinwedel, mit dem er auf der Schulbank gesessen hatte, als Heiratsschwindler enttarnt wurde. Solche Ereignisse hätten den engagierten Stammtischbruder Glockbergl in früheren Zeiten zu ­rhetorischer Hochform auflaufen lassen, keine Frage. Das Interesse an solchen lebensversüßenden Alltäglichkeiten war für ihn immer ein Markenzeichen des gesund empfindenden Bürgertums gewesen. Und jetzt das: Sein Interesse daran ließ nach! Löste sich ins Nebulöse auf!
Das Ende kam überraschend schnell. Die Neugier in Herrn Glockbergl verflüchtigte sich zunehmend – und eines Morgens war sie gänzlich versiegt.

Fortsetzung folgt …

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (29.10.21)
Tagfüllend und philosophisch.
Für die gleichsam existenzielle Frage des Kleinwedlers:

"Sollte er jetzt einfach die Augen schließen, ... vielleicht noch einmal laut auflachen, um sich dann mit seinem letzten Lachen aus der Welt zu verabschieden?"

erhältst du ein paar besonders
herznahe Grüße

der8.

 klausKuckuck meinte dazu am 29.10.21:
Der Kleinwedler dankt für Herznähe und Gruß!

 BeBa (29.10.21)
weiter bitte ...

 klausKuckuck antwortete darauf am 29.10.21:
:D

 Létranger (29.10.21)
Hallo Klaus,

sehr unterhaltsam und hintersinnig geschrieben. Allein die Krokodile schienen mir ein wenig zu dick aufgetragen. Aber ein gute Geschichte.

LG Lé.

 klausKuckuck schrieb daraufhin am 29.10.21:
Mir gings ähnlich mit den Krokodilen, ein maulfaufreißendes hätte womöglich genügt. Oder es waren Jungreptilien, wer weiß.
Grüße

 Tula (29.10.21)
Nee, alles logisch, auch Krokodile bevorzugen frisches Fleisch ... :)

LG
Tula
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