Die Krähe auf der Schulter des Fräuleins ( 2 )

Erzählung

von  klausKuckuck

Eine lastende Gleichgültigkeit war auf einmal über Herrn Glockbergl hereingebrochen. Lastend und erdrückend. Nichts interessierte ihn mehr. Nicht die spektakuläre Geschlechtsumwandlung eines ehemaligen Schwergewichtsboxers, worüber das Heute-Journal in einer Sondersendung berichtete, nicht der Goldfund im Garten seines Nachbarn, den er nun bedenkenlos hätte anpumpen können, nicht die rothaarige Frau Rümerhundl, die er in Gedanken schon etliche Male verführt hatte, immer in der Hoffnung, es eines schönen Abends in tatsächlicher Handgreiflichkeit tun zu dürfen. All das war ihm auf einmal ungeheuer gleichgültig geworden. Herr Glockbergl war zu einem Menschen geworden, der in den Weiten dieser Welt auf nichts mehr zu hoffen ­wagte,­ dem jedwede Neugier abhanden gekommen war, der sich keiner Seele mehr verpflichtet fühlte. Ein Mensch, der sogar seinen Hund im Tierheim einquartierte, weil er ihm keine Zuneigung mehr entgegenzubringen vermochte. Und irgendwann hatte Herr Glockbergl dann beschlossen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Er wollte dem Tod zuvorkommen. Eine Tat sollte es sein, die er bei ungetrübtem Bewusstsein geplant hatte, und die er nun ohne einen Anflug von Wehmut durchzuführen gedachte. Ehe sein Interesse auch daran sich verflüchtigte.
Die Krähe hatte gerade einen Kreis über der Parkbank gezogen und war wieder ins Unbestimmte abgedriftet. Herrn Glockbergl schwindelte es auf einmal leicht. Er blickte der Krähe nach. Und er hatte sekundenlang das Gefühl, als habe ihm diese Krähe beim Davonfliegen ein Auge zugeknipst. Deuteten sich da schon Halluzinationen an? Verlor er jetzt allmählich die Kontrolle über sein Wahrnehmungsvermögen? Es wurde Zeit! «Dann wollen wir beide mal ins Geschäft kommen, Tod!» murmelte Herr Glockbergl. Er griff in die Hosentasche. Nahm die Giftampulle heraus, die er bei seinem Freund, dem Apotheker Henderle ­heimlich aus dem Regalschrank genommen hatte. «Ich hoffe, du stellst dich heute geschickter an als sonst, Tod!» Herr Glockbergl schraubte die Ampulle auf.
«Ich könnte dich allerdings auch noch eine Weile hinhalten.» Er schraubte die Ampulle wieder zu.
«Ich habe es in der Hand, Tod! Ich! Nicht du!» Er schraubte die Ampulle um eine knappe Drehung wieder auf und las vom Ampullenaufkleber den Hinweis ab: «Lebensgefahr! Sofortiger Herzstillstand!» Herr Glockbergl nickte zufrieden. Und er entschloss sich zu einer weiteren Drehung. Dann bremste er sich jäh wieder ab. Hatte da gerade eine innere Stimme zu ihm gesprochen? «Entschuldigen Sie, wenn ich Sie anrede …», hatte die Stimme gesagt. Oder war das eine dieser Bewusstseinsstörungen? «Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?» fragte die Stimme.
Herr Glockbergl schaute auf.
Eine Frau stand vor Herrn Glockbergl. Eine junge Frau. Ein bezwingend schönes Fräulein mit tränenschimmernden Augen.
Sie kommen ungelegen!, wollte Herr Glockbergl sagen, aber er sagte: «Bitte. Hier ist ja noch Platz!»
«Wissen Sie», flüsterte das bezwingend schöne Fräulein – nein, es flötete die Worte – «hätten Sie jetzt nicht hier gesessen, ich glaube, ich hätte es schon hinter mir!»
«Ach, ja?»
«Sie wollen gar nicht wissen, wovon ich spreche, Herr … Herr …?»
«Glockbergl! Nein, will ich eigentlich nicht. Ich bin mit mir selbst beschäftigt.»
«Es hat mich in den Park verschlagen», fuhr das bezwingend schöne Fräulein unbeirrt fort, «weil ich mich umbringen möchte. Ich muss es tun. Mein Freund hat mich verlassen. Ein reizloses Vakuum hat er mich genannt. Das Leben ist mir keinen Pfifferling mehr wert, was sagen Sie dazu?»
«Was könnte ich schon dazu sagen?»
«Ich will Sie mit meinem Schmerz natürlich nicht belästigen», sagte das Fräulein.
«Sie … belästigen mich nicht.»
«Weil Sie zufälligerweise hier sitzen, Herr Glockbergl, fällt es mir aber jetzt doch ziemlich schwer.»
«Was denn?»
«Das Umbringen. In Ihrer Gegenwart. Aber …»
«Aber?»
«Ich muss es tun, was meinen Sie?»
«Sie könnten es auch lassen.»
«Sie haben gut reden! Wenn Sie wüssten!»
«Ich weiß …» sagte Herr Glockbergl.
«Gar nichts wissen Sie!» konterte das Fräulein. «Mein Freund hat eine Andere! Allerdings, Sie haben recht: Die müsste ich umbringen!»
«Warum tun Sie es nicht?»
«Weil ich ihn mit meinem Tod bestrafen will! Verstehen Sie? Mit meinem! Es sei denn, Sie halten mich zurück.»
«Eigentlich habe ich andere Sorgen.»
«Vielleicht vergessen Sie Ihre Sorgen für eine Weile, Herr Glockbergl? Mir zu Gefallen?»
«Aber … ich habe beschlossen, heute nur an mich selbst zu denken …»
«Sie sind nicht verheiratet?»
«Woher wissen Sie das?»
«Ich sehe es Ihnen an.»
«Und was sehen Sie da?»
«Unbenutztes, Herr Glockbergl.»
«Wie meinen Sie das, mein Fräulein?»
«Ich meine, das Leben hat Sie noch gar nicht, wie soll ich es ausdrücken, mit Volldampf auf Entdeckungsreise geschickt.»
«Sie meinen …»
«Der Satz ist nicht von mir, hab‘ ich aus einem Liebesroman! Aber genau das meine ich!»
«Ich hatte selbstverständlich meine Affären, wenn Sie das meinen», sagte Herr Glockbergl.
«Und welche?»
«Nun ja …»
«Ach, wenn Sie schon so anfangen: nun ja … dann kann da nicht viel passiert sein.»
«Auf jeden Fall hatte ich meine Träume! Fragen Sie die Frau Rümerhundl, oder fragen Sie besser nicht, sie wird nicht darüber sprechen wollen. Ach, Sie bringen mich ganz durcheinander!»
«Könnten Sie auch von mir träumen, Herr Glockbergl?»
«Ich wollte heute eigentlich ungestört bei mir selber bleiben, mein Fräulein, weil … aber das wird Sie nicht interessieren. Warum blinzeln Sie mich an?»
«Ein Versuch, Herr Glockbergl. Mein Freund hat oft zu mir gesagt: Wenn du so blinzelst, könnt‘ ich in die Knie gehen! Und Sie?»
«Eher nicht, oder?»
«Oder was?»
Herr Glockbergl schwieg.
«Wenn ich von Ihnen keine Antwort bekomme … ja, na, dann!» Das bezwingend schöne Fräulein blinzelte wieder, dann begann es zu nesteln.
«Was … was tun Sie denn da?» Mit einem ungeschickten Hopser war Herr Glockbergl um einige Zentimeter zur Seite gerückt. Das bezwingend schöne Fräulein hatte angefangen, sich die Bluse aufzunesteln.

Das Ende der Geschichte folgt …

Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (30.10.21)
Eine Geschichte - komplett aus dem Leben gerissen!

Erst neulich begegnete mir selber wieder ein Exihibitionist, der dringend seinem armseligen Schniedel vorzeigen wollte.
Als ich ihn fragte, ob ihm nicht kalt sei, wars zügig vorbei mit der "Erotik."
Ähnlich wird es bei dir wohl Gevatter Tod ergehen ...
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