Tim

Kurzgeschichte zum Thema Allzu Menschliches

von  Quoth

„Da werden Weiber zu …“ Tim stockte, die ganze Klasse hing an seinem dünnlippigen Mund, aus den Mundwinkeln rann Speichel. Und dann sagte er das Wort, das er nicht sagen sollte: „Hydranten.“ „Es heißt Hyänen, Tim, sag bloß nicht Hydranten!“, hatten wir ihm hundert Mal eingeprägt. Wir wussten, was wir taten, wir liebten Tim, aber die Versuchung, diese seine Schwäche für einen Lacherfolg zu nutzen, war zu groß. Wir brachen fast zusammen über unseren Pulten vor Heiterkeit – und er freute sich mit uns. Danziger lachte nicht, aber er schalt uns auch nicht, er sah durchs Fenster auf Marktplatz und Kirche hinaus. „Tim, ich weiß, dass Sie das richtige Wort wissen. Sie haben sich mal wieder hereinlegen lassen. Sie sollten daraus lernen und in Zukunft nicht mehr auf vermeintlich gute, aber vergiftete Ratschläge hören.“ „Vergiftet“ war unser Ratschlag in der Tat gewesen. Wir wussten, was er bewirken würde. Aber hassten wir Tim? Nein, wir liebten ihn. Wir wussten: Trotz seiner vielen Schwächen war er einer der besten von uns. Er war unfähig zur Bosheit, immer fröhlich. Ließ alle abschreiben, sagte gnadenlos richtig vor. Er wäre unser Primus gewesen, wenn er nicht in einem nur Platt sprechenden Haushalt aufgewachsen wäre. In Deutsch eine Vier, aber ansonsten brillierte er - in Mathe, in Physik, Chemie, Bio – all den verhassten Fächern, und sogar in Latein räumte er eine Eins nach der anderen ab. Wir liebten ihn – trotz seiner Unsportlichkeit, Blässe, seines schütteren Haarwuchses und seines unauslöschlichen Grinsens. „Ich bin ein Inzuchtprodukt!“, pflegte er lachend zu sagen, wenn ihm der Handstand missglückte. Und sogar koppheister schießen misslang ihm. „Was für ein Unglückswurm!“, hatte meine Mutter mal gesagt. Das nahm ich ihr übel. Er war kein Unglückswurm. Er war ein Schatz.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (08.11.21)
"koppheister schießen" - was soll das sein? (bitte nicht hier im Kommentarstrang, besser im Text kurz erläutern).
Ansonsten gerne gelesen.

 Quoth meinte dazu am 08.11.21:
https://www.duden.de/rechtschreibung/koppheister
Vielen Dank für die Empfehlung!

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 08.11.21:
Ja, du hast "koppheister" korrekt geschrieben - doch das hatte ich nicht bemängelt.
pat (36) schrieb daraufhin am 08.11.21:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Quoth äußerte darauf am 08.11.21:
@Dieter_Rotmund: Im Onlineduden steht viel mehr als die Rechtschreibung!
@pat: Danke!

 Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 08.11.21:
Was interessiert hier der Online-Duden, hier geht es um die Qualität deines Textes!

 Graeculus (08.11.21)
Der vergiftete Ratschlag ist in diesem Falle aber besonders raffiniert, indem das Richtige vorgesagt und damit das falsche suggeriert wird. Und das bei jemandem, den die Spötter eigentlich mögen.
Potius amicum quam dictum perdendi!

Lieber einen Freund verlieren als eine Pointe.
(Quintilian: Institutio oratoria VI 3, 28)

 Quoth meinte dazu am 08.11.21:
Vielleicht hat die Psychologie einen Namen für das Syndrom, durch das wir förmlich gezwungen werden, das zu tun, von dem man uns dringlich abrät. Im Augeblick sehr aktuell in der Impfdiskussion: Je mehr vom Nichtimpfen abgeraten wird, desto mehr versteifen einige sich darauf. Danke auch für das schöne Zitat (kann man sich prägnanter als auf Lateinisch ausdrücken?). Gruß Quoth

 Graeculus meinte dazu am 08.11.21:
Ich frage mich, ob Gott dieses Syndrom schon kannte, als er unseren Stammeltern verboten hat, von diesem einen Baum im Paradies zu essen. Einem Allwissenden sollte man ein solches psychologisches Basiswissen schon zutrauen, oder?
pat (36) meinte dazu am 08.11.21:
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 AchterZwerg (09.11.21)
Vor dem Schultor wartet Struppi, und der humorverseuchte Tim muss sich keinen weiteren Giftanschlägen beugen.

:)

 harzgebirgler (09.11.21)
ich kannte auch mal so einen - wurde dann prof. mit doppeltem dr.
gruß
harzgebirgler

 Lluviagata (30.01.22, 16:37)
Eine herzenswarm geschriebene Geschichte. Wir alle kennen Tim und Trude.

Liebe Grüße
Llu ♥
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