Vertrauen

Essay zum Thema Politik

von  Terminator


1. Einleitung


„Wie können wir unseren Mitbürgern vertrauen?“ heißt ein Aufsatz von Claus Offe über horizontales Vertrauen in modernen Gesellschaften- dem Vertrauen der Bürger untereinander (Offe, Claus, 2001: Wie können wir unseren Mitbürgern vertrauen?, in: Hartmann, Martin/ Offe, Claus (Hrsg.), 2001: Vertrauen. Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts, Frankfurt a.M./ New York: Campus, S. 241-285). Offe macht das horizontale Vertrauen von der Qualität der Institutionen abhängig. Je verbindlicher die Institutionen sind, je mehr Wirkungskraft sie besitzen, umso mehr können wir unseren Mitbürgern vertrauen, da die Institutionen dafür sorgen, dass nicht für den Vertrauenden, sondern für den Vertrauensempfänger ein Nachteil entsteht, wenn er das Vertrauen missbraucht.


2. Bedeutung der „Medien der Koordnination“


Offe führt drei „Medien der Koordination“ auf: Geld, Macht und Wissen. Diese Medien steuern die Vorgänge in der Gesellschaft und sind für den einzelnen Bürger Mittel der Lebensqualitätsicherung. Je mehr Geld, Macht und Wissen ein Bürger in sich vereint, umso unabhängiger ist er von anderen Bürgern. Er kann sich leisten, seinen Mitbürgern zu vertrauen, ohne dass Institutionen bestehen, die den Vertrauensgeber schützen, denn er kann Vertrauensbrüche verkraften; er kann sich aber auch leisten, den Mitbürgern nicht zu vertrauen, und sich stattdessen mithilfe obengenannter „Medien der Koordination“ zu versichern. Ein armer, machtloser und unwissender Bürger ist dagegen auf Vertrauen angewiesen, welches es sich aber nicht leisten kann, da er durch Geld noch durch Macht und Wissen versichert ist.

Die Frage, ob eine Möglichkeit besteht, dass alle Bürger einer modernen demokratischen Gesellschaft einander vertrauen können, unabhängig von persönlichen Rücklagen an Geld, Macht und Wissen, mit der Schaffung mächtiger Institutionen zu beantworten, ist kein Novum bei Offe: der französische Theoretiker des Absolutismus Jean Bodin sowie der englische Philosoph Thomas Hobbes postulierten zu Beginn der Neuzeit die Notwendigkeit einer innenpolitisch allmächtigen Institution, eines absolut herrschenden Königs, um Frieden in der Gesellschaft zu garantieren. Der hypothetische Naturzustand, von dem Hobbes ausging, war nicht aus der Luft gegriffen, vielmehr lehrte die Erfahrung von mehr als einem Jahrhundert langen Religionskriegen, dass die Menschen nirgendwo voreinander sicher waren, dass die Lebenserhaltung des Einzelnen eine Frage des Zufalls war. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, dem ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas zum Opfer vielen, verfasste Hobbes sein Werk „Leviathan“, in dem er die Notwendigkeit einer absoluten politischen Institution postulierte.

Aus irgendwelchen verborgenen Gründen hält Offe die Lebenserhaltung des Einzelnen in modernen Gesellschaften als selbstverständlich gewährleistet. Er bezieht sich nicht auf Institutionen der Lebenssicherung, sondern nur auf Institutionen, die das materielle Wohlergehen aller garantieren, indem sie jedem ein Mindestmass an Lebensqualität zusichern. So ist auch verständlich, warum Offe Geld, Macht und Wissen als „Medien der Koordination“ bezeichnet: sie koordinieren das gesamte gesellschaftliche Geschehen in dem Rahmen, in dem Offe die Gesellschaft betrachtet. Offe nimmt also die Sicherung des Friedens in der Gesellschaft aus seinen Betrachtungen heraus und widmet sich ausschließlich der Sicherung von Besitz in Gesellschaften, in denen das Privateigentum die Schlüsselrolle spielt.

Nun könnte man versuchen, Offes „Medien der Koordination“ auf ein Einzelnes zu reduzieren, um rückwirkend festzustellen, von welcher Art von Gesellschaft er ausgeht. Reduziert man alle drei Medien auf das Medium Macht, so sprengt man den Rahmen, den Offe vorgibt. Macht geht über die Verfügungsgewalt über Besitztümer hinaus und schließt auch die Verfügungsgewalt über Leben der Unterworfenen mit ein. Obwohl unsere heutige Gesellschaft auch als Wissensgesellschaft bezeichnet wird, kann man die drei „Medien der Koordination“ nicht restlos auf das Medium Wissen reduzieren. Wissen allein ist zunächst nichts wert - gibt es keine Möglichkeit, das Wissen anzuwenden, so steht der Wissende mit leeren Händen da. Geld hingegen ist dasjenige Medium, auf welches sich in Offes Konzept die beiden anderen Medien restlos reduzieren lassen: Geld impliziert keine Verfügungsgewalt über fremdes Leben, entfaltet aber in dem von Offe vorgegebenen Rahmen seine optimale Wirksamkeit. Reichtum bedeutet relative Macht, und für Geld kann man auch Wissen kaufen. Die relative Macht des Geldes kann man als Kaufkraft, oder, was für Offes Fragestellung entscheidender ist, als Versicherungsmacht darstellen. Je mehr Geld ein Bürger besitzt, umso mehr Vertrauensbrüche kann er verkraften und umso mehr Sicherheitsvorkehrungen kann er treffen, um überhaupt nicht vertrauen zu müssen. Für weniger wohlhabende Bürger stellt sich das Problem, dass sie auf Vertrauen angewiesen sind, dieses aber nicht leisten können. Da kommen die Institutionen ins Spiel, die den Vertrauensgeber gegenüber dem Vertrauensempfänger absichern. So kann sich der Vertrauensgeber bei seinen finanziellen Interaktionen des wenigen Geldes, das er hat, sicher sein, während die Schuld des Vertrauensempfängers im Falle einer Leihgabe verbindlich wird. Die Institutionen stellen also sicher, dass das Geld gilt.

Bei Thomas Hobbes ist Macht dasjenige „Medium der Koordination“, auf welches sich die beiden anderen restlos reduzieren lassen. Wissen spielt bei Hobbes eine noch geringere Rolle als bei Offe, Geld ist nichts wert, solange das eigene Überleben nicht gewährleistet ist. Die innenpolitisch allmächtige Institution, der absolute Herrscher, verleiht seinen Stellvertretern auf lokaler Ebene relative Macht, und diese stellen sicher, dass niemand mehr Macht ergreift, als ihm vom Gesetz her zusteht. In der Hobbesschen Betrachtungsweise stellen die Institutionen sicher, dass die Macht gilt.

Hobbes bedurfte eines absoluten Herrschers, um die Sicherung der Friedens in der Gesellschaft zu gewährleisten. Bedarf Offes Konzept eines absoluten Eigentümers, der mithilfe des Mediums Geld die Vorgänge in der Gesellschaft reguliert? Ja, denn damit die absolute Gültigkeit des Geldes garantiert ist, muss es eine Institution geben, die über allen Bürgern der Gesellschaft steht und von keinem unterwandert werden darf. Diese Institution ist der Staat. Man stelle sich vor, ein Unternehmen druckt seine eigene Währung und verpflichtet seine Mitarbeiter, sich ihren Lohn in ausschließlich dieser Währung auszahlen zu lassen. Solange das Unternehmen gut wirtschaftet, gilt seine Währung, und die Mitarbeiter lassen das Geld zu dem Unternehmen zurückfließen, indem sie ihr Geld in ihrem Unternehmen wieder ausgeben – sie können es nicht woanders ausgeben, da das Geld nur in den Räumlichkeiten ihres Unternehmens seine Gültigkeit hat. Geht das Unternehmen pleite, ist seine Währung nichts mehr wert, und die ehemaligen Mitarbeiter stehen ohne Geld da. Dieses Beispiel ist nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: in Russland zu Beginn der

1990-er Jahre, zu Zeiten extremer Inflation, warben zahlreiche Aktiengesellschaften um das Geld der Bürger, um es angeblich vor der Inflation zu schützen. Viele dieser Aktiengesellschaften wurden über Nacht aufgelöst und die teuren Aktien wurden zu wertlosem Papier.

Der Staat muss also die Gültigkeit des Geldes garantieren. Er muss finanziell stark sein, denn ein schwacher Staat vermag nichts gegen die Geldentwertung zu unternehmen, die eine eventuelle Phase wirtschaftlicher Unsicherheit mit sich bringen kann. So bringt eine Rezession ein Entwicklungsland oft in eine finanzielle Krise, die nicht selten bis zu einem Staatsbankrott reicht, was bedeutet, dass der Staat für die Gültigkeit seiner Währung überhaupt nicht mehr garantiert.

Die „Medien der Koordination“, von denen Offe spricht, sind folgendermaßen zu präzisieren: unter Geld ist eine stabile, durch den Staat gesicherte Währung zu verstehen; Macht bedeutet relative Macht im Rahmen des von den Gesetzen des Staates Erlaubten; Wissen ist nicht eindeutig differenzierbar, da es noch keine entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielt, - je mehr aber das Zeitalter des Kapitals sich zu einem Zeitalter der Information wandelt

( Beispiel: Die Kosten für Fernsehübertragungsrechte für Sportereignisse haben sich in den letzten 25 Jahren mehr als verzehnfacht), umso entscheidender wird die Rolle des Wissens als Quelle der Information. Das Fachwissen spielt schon heute eine nicht geringe Rolle auf dem Arbeitsmarkt und wird in Zukunft, infolge einer immer engeren Spezialisierung der Arbeitskräfte, an Bedeutung noch zunehmen.


3. Institutionen als Eckpfeiler moderner Gesellschaften


Die Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihrem Verlauf konkrete Personen durch abstrakte Institutionen ersetzt werden, zuerst im Bereich der Staatsmacht, dann im sozialen und ökonomischen Bereich.

Zu Beginn der Neuzeit manifestiert sich der Absolutismus in Europa – eine zu der Zeit aus dem folgenden Grund fortschrittliche Entwicklung: Die Willkür von Machthabern, von einzelnen Personen an der Macht der Staatstädte und Fürstentümer, wird durch eine nationalstaatliche Zentralgewalt beendet. Die Bevölkerung ist nicht mehr das Opfer umherziehender Söldnerheere, sondern nur noch einem einzigen Herrscher untertan, welcher zunehmend zu einer Institution wird. Die Person des absoluten Herrschers spielt im Absolutismus keine Rolle, wichtig ist nur, dass eine solche Institution besteht, und mit dem Tod des Machthabers nicht aufgelöst wird. Das Staatsapparat sorgt dafür, dass nach dem Tod des Königs keine Herrschaftsansprüche auf lokaler Ebene aufflammen, sondern dass ein Nachfolger gefunden wird, welcher die Institution des absoluten Herrschers übernimmt.

Mit dem Aufkommen des politischen Liberalismus entsteht ein Bedarf an weiteren Institutionen, die nicht mehr nur das Überleben des Staatsbürgers garantieren, sondern auch die Sicherheit seines Eigentums gewährleisten. Der absolute Herrscher wird durch den konstitutionellen Monarchen ersetzt; war der König im Absolutismus souverän, so unterliegt auch er nun den Gesetzen. Ohne dass vorher die Sicherung des Überlebens des Einzelnen gewährleistet wurde, konnte sich kein Anspruch auf die Sicherung des Eigentums herausbilden. Der Nationalstaat und seine Souveränität, zunächst in der Person des absoluten Herrschers, waren eine notwendige Bedingung für die Entstehung des Liberalismus.

Die Macht wird im Liberalismus also weiter institutionalisiert, es wird eine Gewaltenteilung vorgenommen. Die Theoretiker der Gewaltenteilung, John Locke und Charles Louis de Secondat, Baron de la Bréde et de Montesquieu, treten zwei Jahrhunderte nach den Theoretikern des Absolutismus, Jean Bodin und Thomas Hobbes, auf. Mit den Theorien der Gewaltenteilung und der darauf entstehenden liberalen bürgerlichen Gesellschaft beginnt die politische Moderne. Alexis de Tocqueville lebt bereits in der Moderne, in seiner Forschungsreise durch die USA beschäftigt sich dieser konservative Theoretiker vor Allem mit ihren negativen Nebenwirkungen.

In vielen Staaten wird die Monarchie abgeschafft, es entstehen Republiken. Diese verschärfen die Institutionalisierung politischer Macht nochmals: Nun wird eine Regierung für eine Legislaturperiode vom Volk gewählt; sie vertritt den Willen der Mehrheit im Volk, und der Einzelne ist nicht mehr der Staatsmacht, sondern der Masse aller anderen Staatsbürger ausgeliefert. Das ist der Punkt, an dem horizontales Vertrauen der Bürger zueinander für die Politik interessant wird: Bezweckte die Gewaltenteilung zu Beginn der Moderne eine Festigung des vertikalen Vertrauens der Bürger zu der Regierung, so sind es diesmal die Bürger selbst, die der Regierung vorgeben, was sie durchzusetzen hat. Alle Gewalt geht nun vom Volke aus, mit der Nebenwirkung einer Tyrannei der Mehrheit aus dem Blickpunkt des einzelnen Bürgers.

Die politischen Institutionen garantieren den Frieden im Staat. Die sozialen (oder sozioökonomischen) Institutionen sorgen für das Wohlergehen der Bürger. Zivile Gerichtsbarkeit, das Versicherungswesen und das staatliche Steuersystem bieten den Rahmen für die Sicherung des Privateigentums bzw. eines Minimaleinkommens, welches die Grundlebenskosten abdeckt. Von der Qualität der Banken, der Schiedsgerichte und der Versicherungen hängt die ökonomische Sicherheit der Bürger ab; die Versicherungen sichern gegen eventuelle Risiken ab, so dass die Anzahl der möglichen riskanten Situationen minimiert wird. Wer eine Haftpflichtversicherung hat, wird sich eher ein Auto ausleihen, als jemand, der eine solche Versicherung nicht hat. So profitieren von der Existenz der Haftpflichtversicherungen sowohl die Autoverleihfirmen als auch ihre Kunden. Die Rentenversicherung hat zweifelsohne die Familie liberalisiert: galten früher Kinder als unentbehrliche Altersvorsorge, so besteht heute eine Institution zur Sicherung des Einkommens nicht mehr erwerbsfähiger älterer Bürger, die die Kinder von dieser Last entbindet. Wer in die Rentenkasse einzahlt, bekommt auch dann beim Erreichen des Renteneintrittsalters seine Rente, wenn eine andere Regierung an der Macht ist oder wenn all die Personen, welche Zeugen des Rentenversicherungsabschlusses waren, nicht mehr leben.

Die Qualität der Institutionen einer Gesellschaft erhöht die Lebensqualität der Bürger und senkt die Risiken bei sozialen Interaktionen. In einer Gesellschaft, in der die Institutionen einwandfrei funktionieren und die Risiken weitgehend minimiert sind, sind die Bürger nicht darauf angewiesen, einander zu vertrauen. Nur bei Interaktionen mit einem Restrisiko spielt das Vertrauen eine Rolle und wird im Regelfall überflüssig. Paradoxerweise handelt es sich genau in diesem Fall um eine Gesellschaft mit einem hohen Grad an Vertrauen. Wenn man meint, nicht auf Vertrauen angewiesen zu sein, dann ist das eine Sache des Vertrauens: Man vertraut darauf, dass man nicht vertrauen muss. Wenn Institutionen zuverlässig arbeiten, dann steigern sie das Vertrauen der Bürger in sich; wenn die Bürger, institutionell abgesichert, miteinander bedenkenlos interagieren, dann wirkt sich genau dieses institutionell geschaffene Vertrauen aus. So vertrauen die Bürger weder ausdrücklich einander, noch vertrauen sie ausdrücklich den Institutionen, aber sie vertrauen der Gesellschaft als Ganzem.


4. Horizontales Vertrauen in der anonymen Gesellschaft


Ein Bürger kommt nicht in fertiger Form in die Gesellschaft, er durchläuft ein langes und komplexes Stadium der Entwicklung, auch bekannt als Kindheit, bevor er sich bewusst in die Gesellschaft eingliedert, also ihre Normen einsieht und sich ihre Wertvorstellungen einverleibt.

Ein Neugeborenes ist zunächst auf seine Mutter angewiesen, es lernt, ihr zu vertrauen, wenn sie sich als zuverlässig erweist. Wenn dies nicht der Fall ist, dann ist das Neugeborene sehr bald ein Fall für die Psychiatrie, falls es denn die Unzuverlässigkeit der Mutter überhaupt überlebt – die große Anzahl der in den letzten Jahren aufgedeckten Fälle von Kindesvernachlässigung mit Todesfolge zeigt, dass selbst in unserer demokratischen Gesellschaft mit Menschen- und gar separat ausgearbeiteten Kinderrechten die Gewährleistung des Überlebens von Neugeborenen keineswegs eine vollkommen sichere Sache ist. Wenn Kinder im Vorschulalter zum ersten Mal im Leben mit Wertvorstellungen konfrontiert werden, ist die Stabilität des Wertsystems, in dem sie aufwachsen, von entscheidender Bedeutung. Erfährt das Kind eine willkürliche Wertsetzung, gilt eine und dieselbe Handlung einmal als gut und das andere Mal als schlecht, so beeinträchtigt das schwer die ethische Bildung des Kindes. Für das Vertrauen hat dies ebenso gravierende Folgen – das Kind lernt nicht, zu vertrauen, da es nichts und niemandem, keiner Person und keinem Gebot vertrauen kann. Das Kind lernt zu misstrauen und wird als ein von vornherein misstrauendes Mitglied in die Gesellschaft entlassen.

Im Normalfall vertraut ein Mensch also zunächst seiner familiären Umgebung. Dieses Gewohnheitsvertrauen wird im Laufe der Erweiterung des Lebensbereichs auf die neue Umgebung übertragen, diese bekommt einen Vertrauensvorschuss. Wird das Vertrauen in der neuen Umgebung nicht enttäuscht, so weitet es sich automatisch auf immer neue Lebensbereiche aus. Im Idealfall vertraut der Erwachsene dann letzten Endes der gesamten Gesellschaft, in der er lebt. Wird das Vertrauen auf einer bestimmten Stufe der Erweiterung des Lebensbereich enttäuscht, zieht sich der Mensch wieder in den engeren Lebensbereich zurück. Ein Schüler, der einmal von seinen Mitschülern betrogen wird, verliert den Glauben an die Unbedenklichkeit des Lebensbereichs Schule und begegnet bis auf Weiteres den Vertretern dieses Lebensbereichs mit Misstrauen. Macht ein Einheimischer eine schlechte Erfahrung mit einem oder mehreren ausländischen Mitbürgern, so zieht er seinen Vertrauensvorschuss, welchen er ihnen bis dahin gewährt hatte, zurück, und vertraut zunächst wieder nur den Einheimischen, wie zu den Zeiten, bevor er überhaupt das erste Mal Vertrauen einem ausländischen Mitbürger geschenkt hat. Das Beispiel mit dem ausländischen Mitbürger will nicht als eine Warnung vor Ausländern verstanden werden, sondern soll zu der Frage überleiten, wie wir als fertige Bürger unserer Gesellschaft, d.h. als erwachsene und zur Reflexion, zur kritischen Betrachtung unseres Weltbildes fähige Menschen, uns sicher sein können, dass die Fremden, die Angehörigen anderer Kulturkreise, die unsere Wertvorstellungen womöglich nicht teilen, sich so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten, also kein Risiko und keine Gefahr für uns darstellen.

Eine wertliberale demokratische Gesellschaft toleriert verschiedene Wertvorstellungen und Handlungsweisen, solange diese nicht verfassungswidrig sind. Dieser Einwand ist nötig, damit überhaupt eine solche pluralistische Gesellschaft bestehen kann – werden Gruppierungen toleriert, die sich intolerant verhalten, so ist eine tolerante Gesellschaft nicht mehr gewährleistet. Die Verfassungen der modernen Demokratien beugen allen Bestrebungen der Aufhebung von Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung vor, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie in der Realität nicht von Machthabern unterwandert werden können. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurden die Bürgerrechte in den USA erheblich zu Gunsten der allgemeinen Sicherheit eingeschränkt. Die allgemeine Sicherheit erreicht man am Wirksamsten durch Überwachung, durch systematischen Erwerb des Wissens über die Bürger mittels der Exekutivorgane. Diese Überwachungsmaßnahmen zur Ermittlung potentieller islamisch motivierter Terroristen machen deutlich, dass die Allgemeinheit, durch die Staatsmacht repräsentiert, den Fremden, hier einer bestimmten Gruppe unter den Fremden, der religiösen Gemeinschaft der Muslime, nicht mehr traut.

Wo ein Vertrauensschwund auftritt, wird der Mangel an Vertrauen durch einen zusätzlichen Erwerb von Wissen kompensiert. Die liberale, also freiheitliche Gesellschaft der modernen Demokratien ist eine Gesellschaft der Anonymität. Die Freiheit des Bürgers beinhaltet auch das Recht, Anderen Wissen über sich selbst zu verweigern. Diese Freiheit wird dann eingeschränkt, wenn die Gefahr besteht, dass bestimmte Geheimnisse anonymer Mitglieder der Gesellschaft zur Bedrohung für diese Gesellschaft werden. Eine Zunahme der staatlichen Überwachung, also ein vermehrter Wissenserwerb des Staates über seine Bürger, bedeutet eine Zunahme staatlicher Kontrolle über die Bürger. In der anonymen Gesellschaft kann somit Wissen als ein Mittel zur Kontrolle dienen. Je mehr nun eine Gesellschaft den Fremden in ihren Reihen vertraut, umso weniger Wissen über diese wird sie zu erwerben trachten. Je weniger eine Gesellschaft den Fremden vertraut, umso mehr Wissen über diese wird sie anhäufen, um sich vor einer eventuellen Gefahr zu schützen.

Der Staat verfügt über mehrere Lösungsansätze für das Problem des Verlustes von Vertrauen in bestimmte Personengruppen. Neben den Überwachungsmaßnahmen verfügt der Staat über Optionen von Verschärfungen bestimmter Gesetze bis zur offenen Segregation. Wie kann aber der einzelne Bürger auf den Vertrauensschwund gegenüber einer bestimmten Gemeinschaft unter den Fremden reagieren? Wie kann sich ein Hausbesitzer in Minneapolis versichern, dass der muslimische Nachbar kein Schläfer einer terroristischen Organisation ist? Ein professioneller Terrorist ist darauf bedacht, sich in der Gesellschaft möglichst unauffällig zu verhalten. Es gibt keine sicheren Merkmale, die einen Terroristen verraten bzw. ausschließen, dass jemand ein Terrorist ist. Treten solche Merkmale durch die Entlarvung eines Terroristen oder einer Terrorzelle zutage, so werden sie von den anderen Terrorzellen ausgemerzt. Die anderen Terroristen werden sich nicht mehr so verhalten, wie sich Terroristen nach neuesten Informationen angeblich verhalten sollten, um nicht identifiziert zu werden.

Der einzelne Bürger hat also in der Regel keine Möglichkeit, einen Terroristen zu durchschauen. Der Hausbesitzer aus Minneapolis muss eine Entscheidung treffen, ob er dem muslimischen Nachbar Vertrauen schenkt oder ob er ihm misstraut, denn die Gedanken seines Nachbars lesen kann er nicht. Konsequenterweise muss dieser Hausbesitzer aus Minneapolis aber auch seinem weißen angelsächsisch-protestantischen Nachbar misstrauen, denn auch dessen Gedanken kann er nicht lesen. Nicht nur religiös oder politisch motivierter Terrorismus bildet eine Gefahrenquelle für die Bürger liberaler Demokratien – die Kriminalität ist eine viel weiter verbreitete Erscheinung in der freien Gesellschaft. Der Hausbesitzer aus Minneapolis ist ein Arzt, seine Ehefrau ist eine Anwältin. Der weiße Nachbar ist aber weder Arzt noch Anwalt, er geht viel mehr einem exotischen künstlerischen Beruf nach – er ist Rockmusiker. In den Medien wird die Rockmusik meist mit frivoler Sexualmoral und vermehrtem Drogenkonsum in Verbindung gebracht – muss der Hausbesitzer aus Minneapolis nicht befürchten, dass der weiße Nachbar seine minderjährige Tochter zu sexuellen Handlungen verführen und ihr Drogen verabreichen könnte? Es soll deutlich werden, dass in der anonymen Gesellschaft des urbanen industriellen Zeitalters die meisten Menschen füreinander Fremde sind. Nicht nur alle Ausländer und alle Muslime sind für den Arzt und die Anwältin aus Minneapolis fremd, sondern ebenso alle anderen Mitbürger, die sie nicht persönlich kennen, auch alle anderen Ärzte und Anwälte.

Eine Gesellschaft, in der die meisten Menschen füreinander Fremde sind, kann dennoch sehr stabil sein und den Bürgern viele Freiheiten erlauben. Wie ist das möglich? Erstens unterliegen alle Bürger einem und demselben Gesetz. Funktioniert die Rechtsprechung einwandfrei, kennt jeder Bürger das Strafmass für ein unter gewissen Umständen verlockendes Verbrechen. Wird die Rechtsprechung von einer verlässlichen Exekutiven, in diesem Fall der Polizei, unterstützt, so kommt jeder Bürger unabhängig voneinander meist zu dem Ergebnis, dass sich das Verbrechen nicht lohnt. Zweitens sind alle Bürger am eigenen Wohlergehen interessiert. Eine Staatsgemeinschaft ist immer eine Wirtschaftsgemeinschaft, eine Zweckgemeinschaft, die jeweils das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. So kann jeder Bürger damit rechnen, dass die Anderen konstruktiv handeln, sich also an der Wertschöpfung und der Wertsicherung beteiligen. In einer Gesellschaft ohne stabile Wirtschaftsordnung sowie in einer vandalistischen oder kleptokratischen Gesellschaft kann niemand leben, und alle Gesellschaftsformen konvergieren zwangsläufig im Laufe ihrer soziokulturellen Entwicklung zu einer Gesellschaftsform, die die Grundbedürfnisse ihrer Mitglieder bestmöglich befriedigt. Drittens liegt das Lebenszentrum des Menschen in einem vertrauten Lebensbereich – in der Familie. Der Bürger verbringt die meiste Zeit seines Lebens in einer vertrauten Gesellschaft und hat nicht permanent mit Fremden zu tun. Die Nichtpermanenz des Anonymen ist ein wichtiger psychologischer Faktor, der die Anonymität in modernen Gesellschaften für den Einzelnen stark relativiert. Der Bürger ist meist von Menschen umgeben, denen er a priori vertraut, deren Vertrauenswürdigkeit er nicht in Frage stellt. So spielt sich das konkrete tägliche Leben mehr im privaten, vertrauten Bereich ab, während die anonymen Anderen weitgehend ein Abstraktum bleiben. Zu bemerken wäre noch, dass der Einzelne im Laufe seines Lebens keineswegs mit allen fremden, nicht vertrauten Personen in Berührung kommt, sondern vielmehr nur mit einer verschwindend geringen Prozentzahl aller Fremden in Kontakt tritt.




5. Schlusswort


Wir leben in einer anonymen pluralistischen Gesellschaft. Die meisten unserer Mitbürger kennen wir nicht persönlich, und die kontinuierlich steigende Mobilität unserer Lebensweise führt dazu, dass wir nur die wenigsten Menschen aus unserer räumlichen Umgebung persönlich kennen lernen. Die Ungewissheit darüber, was wir von den Menschen, die uns nicht vertraut sind, von den Fremden, zu erwarten haben, sorgt für ein diffuses Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht. Für wie gefährlich wir einen Fremden einstufen, hängt in der Praxis davon ab, in welchem Sozialisierungsverhältnis wir aufgewachsen sind, welche Wertvorstellungen uns vermittelt wurden und welche Erfahrungen wir selber mit den Fremden bisher gemacht haben.

In der Reflexion über unsere Denk- und Verhaltensweisen sollten wir nicht vergessen, dass wir für jeden anderen Mitbürger genauso Fremde sind, wie er für uns. Der andere Mitbürger, der Fremde, ist sich in Bezug auf uns genauso unsicher wie wir in Bezug auf ihn. Die Einzigartigkeit unserer Identität und die Exklusivität unserer persönlichen Zugangsweise zur Wirklichkeit unterscheidet uns alle voneinander. Das Nichtwissen über die wahren Ansichten und Absichten voneinander trennt uns, aber uns verbindet die Tatsache, dass wir alle in der gleichen Situation sind. Jeder sieht sich einer unberechenbaren Masse aller Anderen machtlos gegenübergestellt und jeder bezweckt, möglichst viel Klarheit über eventuelle Chancen und Risiken, die uns das gesellschaftliche Miteinander bereit hält, zu erreichen, und sich optimal gegen eventuelle Gefahren, die potentiell in jedem Kontakt mit einem Fremden enthalten sind, abzusichern. Der beste Weg, um sicherzustellen, dass man seinen Mitbürgern vertrauen kann ist, sich selbst als vertrauenswürdig zu erweisen.





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