Tod meines Zynismus'

Text zum Thema Selbstbild/Selbstbetrachtung

von  Navarone

Es fühlt sich unnatürlich an, wenn ein Mann seinen Zynismus zu Grabe trägt.

Jenes Kind, dass mir stets die Inspiration und Sicherheit gab.

In dessen Augen ich stets ein Held war.

Was geschieht mit mir, wenn mein Sohn, den ich über Jahre nährte und heranwachsen sah, mich verlässt?

Er wurde groß und stark. Er wurde selbstständig und ich sah zu ihm herüber, voller Stolz.

Aus einem Sohn wurde ein Partner und aus einem Partner ein Freund.

Nun stehe ich einem seinem Grabe, voller Trauer und voller Glück.


"Ich werde dich vermissen, mein Gefährte und ich freue mich über deinen Tod," flüstere ich und werfe einen Strauß lieblich – süß duftender Narzissen auf sein frisches Grab.


Ich habe Angst davor eine Zukunft zu haben, denn dadurch haben meine Taten eine Bedeutung.



Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (02.12.21, 18:37)
Woran mag er gestorben sein? Schon von vielen Bekehrungen habe ich gehört, aber noch nie von einem bekehrten Zyniker.
Ich mag am Zynismus seine vollendete Illusionslosigkeit, gepaart mit Heiterkeit - wie etwa bei einem der Philosophen, die dem Zynismus seinem Namen gegeben haben, dem Kyniker Diogenes von Sinope:

Auf die Frage, ob er einen Burschen oder eine Magd habe, sagte er: „Nein.“ Und auf die weitere Frage: „Wenn du nun stirbst, wer wird dich aus dem Hause wegtragen?“ entgegnete er: „Der, der das Haus nötig hat.“
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