P s a l m

Interpretation zum Thema Gott

von  HerzDenker

PSALM

 

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,

niemand bespricht unseren Staub.

Niemand.

 

Gelobet seist du, Niemand.

Dir zulieb wollen

wir blühn.

Dir

entgegen.

 

Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.

 

Mit

Dem Griffel seelenhell,

dem Staubfaden himmelswüst,

der Krone rot

vom Purpurwort, das wir sangen

über, o über

dem Dorn.

 



Deutung des Gedichtes

 

   Mir scheint dieses Gedicht fast in einer Reinform die als Negative Theologie bekanntgewordene Denkrichtung zu versinnBILDlichen: Zwar erfolgt zunächst eine Aussage, die nur zu betonen scheint, dass der biblisch erzählte Schöpfungsvorgang des Menschen wohl nicht mehr wiederholt wird:

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,

   Doch bereits in den nächsten Zeilen verschwindet das wieder und es manifestiert sich in der Zeile Drei im Einzelwort der Schwerpunkt seiner Gedankenführung: Niemand.

   Mag diese Deutung kühn erscheinen, so erscheint sie mir im Gesamtbild des über Celans Denken Bekanntem in dieser Variante gut begründbar: Für die Zukunft der Menschheit können wir Menschen voll die Verantwortung übernehmen, als ob da kein Gott als Wesen über uns existieren würde. Und Celan ist bekannterweise kein Anhänger eines personalen Gottesverständnisses, jedoch sehr offen gegenüber dem Erahnen einer liebevoll geprägten höheren Ordnung, einer Transzendenz.  

So  geht Celan in der zweiten Zeilengruppe dazu über, das Niemand zu personifizieren, es sozusagen an die Stelle der konventionellen Glaubensformen zu setzen:

Gelobt seist du, Niemand.

   Mutig erklärt er das Ziel der Menschen in der Wir-Form: Dem Nichts (da oben) entgegenblühen. Nietzsches Übermensch erscheint sowohl am Horizont als auch der von Teilhard vorausgesehene neue Mensch, der gottähnliche Züge tragen soll. Nichts und Niemand soll also mehr zwischen einem wie auch immer vorgestellten Gott und uns Menschen stehen. Aber, so ist anzunehmen, der Mensch muss dazu nach Celans Auffassung  Dir (also dem Niemand) entgegenblühen.  

     All diese Zusammenhänge geschehen in einem zeitlosen Raum, was an die sinngemäße alttestamentliche Aussage Gottes erinnern kann: „Ich war und ich bin, der ich sein werde.“

Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben,…

Die Wortschöpfung am Ende der dritten Zeilengruppe Niemandsrose bedient sich dann jener spirituellen Symbolik von Schönheit und Vollkommenheit dieser traditionsreichen (meist rot auftretenden) Liebes-Blume, der sich auch Gruppen wie die Rosenkreuzer annahmen und die ja überhaupt eine Lieblingsblume der Dichter ist und die bei Dante unmittelbar auf die Mystik anspielt.  

  Die vierte und letzte Zeilengruppe bringt den (Priester-) Dichter und seine Berufung wieder direkter ins Spiel, wenn er vom Griffel spricht, der seelenhell Purpurworte singen wird. Gleichzeitig greift Celan die bei ihm sehr beliebte Verbindung zur Biologie der Natur auf, die ja auch den Griffel kennt. Wenn er in der nächsten Zeile den Staubfaden himmelswüst nennt, dann füge ich die Deutung von Klaus Reichert gerne hinzu, der schreibt: „Die Verbindung zur Schöpfung wird noch deutlicher in „himmelswüst“. Unmittelbar vor der zitierten Moses-Stelle heißt es: „Und die Erde war wüst und leer“, wobei Luther mit „wüst und leer“ das hebräische „Tohuvabohu“, das Urchaos, übersetzt. Celan kehrt das um: Nicht die Erde ist „wüst“, sondern der zuerst, vor der Erde, geschaffene Himmel. Das ist nichts weniger als eine Zurücknahme oder Verkehrung des Schöpfungsberichts: „da oben“ ist schon das Chaos, nicht erst in der Menschenwelt. Oder umgekehrt: Das hier Geschehene hat zum Himmel geschrien, der dadurch nicht länger fern und ungreifbar ist, sondern in den Strudel des Chaos hineingezogen wurde. Mit „himmelswüst“ ist der „Staubfaden“ näher bestimmt: Die winzige Partikel, von der Leben seinen Anfang nimmt, entstammt dem Chaos, …“.
  Königliche Qualitäten der Liebe werden danach angeführt, die den Menschen in eine Sphäre führen, die oberhalb des leiden Müssens als Prüfung liegt:  

Purpurwort, das wir sangen über dem Dorn.

  Die Dornenkrone kann heilsgeschichtlich also als überwunden gelten, es soll nun die liebeserfüllte Krone einer königlich entwickelten Nähe herrschen, die man in der alten Epoche Gottesvereinigung oder Unio mystica genannt hat, die aber jetzt als Liebe zu einem chiffreartig zu verstehenden Niemand gesehen werden kann. Einem Niemand als personales Nichts, das –wie auch nach Kusanus- gleichzeitig alles ist. Ein Gedanke, der auch in Zeilen von Liebesliedern anklingt, wenn ein Motto wie „Nichts kann uns trennen!“ angeführt wird.                                        

   Zum Abschluss möchte ich Klaus Reichert zitieren, der in Teilaspekten die theologisch-mystische Ebene mit einbezieht, summarisch aber insgesamt eher den Holocoust-Bezug in den Vordergrund stellt, wie die Mehrzahl der Celan-Interpreten:

   So gesehen wäre also der Name „Niemand“ als Negation einer Negation, als Litotes, der – oder ein – Name Gottes. Niemand ist in eins die Streichung Gottes als eines Niemand und die Setzung des Gottesnamens als „Niemand“. Das erste ist alltäglicher Sprachgebrauch, das zweite kabbalistische Lehre. Nach den Vorstellungen der jüdischen Mystiker des Mittelalters ist die höchste Form Gottes – genannt „Ein-Sof“, der „Ewige“ – das dem Menschen nie begreifliche, unvorstellbare Nichts, das freilich nicht leer ist, sondern unendlich gefüllt, eine Substanz in einer anderen als der dem Menschen zugänglichen Dimension. „Niemand“ ist dann die Personifikation dieses Nichts, und Celans Vers, der sich in einer ersten Schicht wie eine Verhöhnung des Gottesnamens las, kann jetzt als das gelesen werden, was er sagt, als Lob des Unbegreiflichen, Erfüllten. Einen, des noch Ungeschiedenen vor der Schöpfung.    (………………)

 



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Kommentare zu diesem Text


 Dieter Wal (19.12.21, 09:16)
Kronen enthalten oft (rote) Rubine, die mutmaßlich mit der Farbe des Granatapfels für Fruchtbarkeit, Gedeihen, aber auch als wichtigste Signalfarbe für Macht galten.

Insofern ist mir Deine Deutung für einen jüdischen Autor zu christlich in Sachen "Dornenkrone". Doch es ist ja auch Deine, eines Christen, Deutung. Womit sie völlig ok ist.

Celans Gedichtsprache finde ich unendlich schön. Danke für diese weitere Erschließung eines wundervollen Celan-Gedichtes!

Bei Theologia Negativa als Deutungsrahmen bin ich wieder völlig bei Dir. Damit vage vergleichbare Vorstellungen finden sich auch bei Isaac Luria. Schwer zu sagen, wer da von wem abschrieb und wer da wie welche Gedanken übernahm. Las bisher relativ wenige Celan-Sekundärliteratur.

Interessierte sich Celan für Theologia Negativa? Er scheint im französischen Exil beruflich vor allem als Übersetzer tätig gewesen zu sein und als Lyriker. Doch dass er damit nennenswert verdiente, kann ich mir kaum vorstellen. Ich gehe davon aus, hermetische Gedichte waren damals so wenig wie heute im Kurs.

Nur SOLCHE hermetische Gedichte sollten es unbedingt werden!!

Welche Celan-Sekundärliteratur empfiehlst Du?

Klaus Reichert? Woraus zitierst Du?

Bitte setze auch in die Anmerkung Deines Textes Literaturangaben. Es handelt sich in der Bearbeitungsmaske um das Feld unterhalb der Textmaske.

Titel: "Anmerkungen von HerzDenker".

Kommentar geändert am 19.12.2021 um 09:20 Uhr

 HerzDenker meinte dazu am 19.12.21 um 09:40:
Lieber Dieter, danke für Deinen qualifizierten Kommentar! Ich habe es nicht so mit der wissenschaftlichen Korrektheit und habe mein Opus auch "Essay" genannt, um mich da etwas fernhalten zu dürfen. Aber hier die Quellenangaben, die ich dort angegeben habe: Die Gedichte: kommentierte Gesamtausgabe in einem Band,  Wiedemann, Barbara 1. Aufl. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2003. - 1000 S.
Theo Buck, Auf Atemwegen, Rimbaud, Aachen 2004, in : Celan-Studien VI
Bezüglich jüdisch-christlicher Deutungswege: Als universalreligiöser Mensch läuft es für mich ohnehin oft auf denselben Punkt hinaus.  
 Celan wird wohl Nähe zum Chassisdimus nachgesagt. Damit sind wir bei der Mystik und diese wiederum kann als Negative Theologie gesehen werden. (Während die hahnebüchen daneben greifenden "Bilderstürmer" alle Bilder aus den Kirchen verbannen wollten, haben Mystiker die Forderung, Bilder wegzulassen als "Jede Vorstellung von Gott beiseite lassen!" gedeutet. Das dahinterstehend Gemeinte übersteigt nämlich unser rationales, ego-betontes Fassungsvermögen.  

 wa Bash antwortete darauf am 19.12.21 um 13:22:
man könnte "niemand" auch als eine Art entmenschlichstes Wesen in Anbetracht ziehen, was dann direkt auf uns Menschen zurückreflektiert. etwas als nicht existent anzusehen, obwohl es uns selbst nach seinem Ebenbild schuf, laut theologischer Lehrmeinung, wirkt gleichzeitig auf den Menschen selbst zurück, die totale Entmenschlichtung, die ja Celan nur zu gut Erlebte. ich meine der PSALM ist auch super geschrieben. interessante Interpretation...

 HerzDenker schrieb daraufhin am 19.12.21 um 14:54:
Zum Niemand: Oder eben "der ganz Andere", der mit unserem Begriff von "Jemand" so wenig verwandt ist, dass man einfach eine möglichst stark negierende Bezeichnung finden muss.
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