Impffanatiker und Impfgegner

Tweet zum Thema Wissenschaft

von  Terminator

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte

Leider bin ich nicht kompetent genug, um mit Sicherheit sagen zu können, ob Bedenken gegen die zur Zeit verfügbaren Corona-Impfstoffe gerechtfertigt sind. Alle "seriösen" Quellen tendieren dazu, Unbedenklichkeit zu attestieren. Alle "systemkritischen" Informationskanäle warnen vor Impfungen, und zwar mit bedenklicher Interdependenz zwischen antisystemischer (anti-staatlicher, anti-gesellschaftlicher, anti-schulwissenschaftlicher) Haltung und Impfskepsis: so, als wäre es die moralische Pflicht der außerparlamentarischen Opposition bzw. jeden sich als systemkritisch verstehenden Menschen, automatisch auch Impfgegner zu sein.


Einige medizinisch kompetente Experten gehen so weit, sich Impfgegner im Gefängnis zu wünschen, weil sie durch ihr egoistisches und verantwortungsloses Verhalten andere Menschen gefährden. Doch weiter als einen Lockdown zu verhängen sollten meines Erachtens staatliche Maßnahmen nicht greifen; eine Impfpflicht, oder sogar ein Impfzwang, wäre eine Verletzung der Grundrechte. Hier sind es eher die Philosophen, die vor einem Ausufern der Staatsmacht warnen und eine Quasi-Gesundheitsdiktatur verhindern wollen.


Es sind schwer abzuwägende Entscheidungen. Was ist wichtiger, meine Freiheit oder die Gesundheit gefährdeter Personen? Wie weit würde eine Impfpflicht tatsächlich meine Freiheit einschränken? Würde ein jugendlicher, aufrichtig sich um seine Freiheit sorgender Mensch, die Güter anders abwägen, wenn sich seine Großmutter am Coronavirus ansteckt und schwer erkrankt, möglicherweise sogar stirbt?


Ich habe einen Master in Philosophie mit dem Schwerpunkt praktische Philosophie. Es geht um Ethik, Moralität, Sittlichkeit, und es war meine eigene Entscheidung, mit diesem Schwerpunkt zu studieren. Das heißt, ich war schon immer dazu geneigt, die Freiheit als einen höheren Wert gegenüber Fürsorge oder Solidarität zu betrachten. Doch ich bin nicht ideologisch verblendet, nicht derart radikal libertär, dass ich eine antisoziale Interpretation der Freiheit befürworten kann. Freiheit muss Rücksicht nehmen, im mindesten auf die Freiheit anderer. Aber diese gibt es nicht im Fall von durch Aerosole übertragbaren Viren. Wer sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit konfrontiert sieht, kann den Sexualakt mit dem ansteckenden Mitmenschen verweigern. In einer urbanen Gesellschaft bedeutet aber, Überträger des Coronavirus zu sein, anderen, zu denen man keinen persönlichen Kontakt hat, und die man nicht um ihre Zustimmung zum Risiko fragen kann, keine Wahl zu lassen, d. i. ihre Freiheit zu nehmen.


Es gibt Gründe dafür, von der Gefährlichkeit der Impfung überzeugt zu sein. Es gibt, wie ich es sehe, mehr Gründe dafür, sich impfen zu lassen. Doch als wissenschafts-optimistischer Mensch bin ich da zu wenig kritisch und verfüge über zu wenig wissen, um kategorisch die Impfpflicht befürworten zu können. Am schuldigsten macht sich, wer sich die Entscheidung leicht macht, wer sich unreflektiert aus politischer Überzeugung, privater Frustration, Gedankenlosigkeit oder Opportunismus für eine Impfung oder dagegen entscheidet.  




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Kommentare zu diesem Text


 Judas (29.12.21, 19:25)
Nun, du hast einen Master in Philosophie.
Ich hab einen in Kulturanthropologie/Ethonologie.
Was ich da über menschliche Gesellschaft gelernt habe:
der Mensch als solcher ist dumm. Als Gruppe, sozusagen. Und egal in welchem Jahrtausend oder Jahrhundert wir uns befinden:
er wird immer Angst haben vor dem Fremden, Feuer und vielleicht nach davor, gefressen zu werden.

 Terminator meinte dazu am 29.12.21 um 19:42:
Du hast einen interessanteren Master. Mein Hauptinteresse, die "anthropologische Trias", passt eher in deinen, wobei ich diese als interdisziplinäre philosophische Forschung sehe. Jetzt verstehe ich mehr deinen Hintergrund, wo ich früher von aus meiner Perspektive wahrgenommener arroganter Misanthropie bei dir etwas befremdet war (da muss ich mich aber nicht verstecken: "Alles Idioten").

Eine Pandemie schürt Urängste, die wenigsten bleiben da rational. Vor zwei Wochen erzählte mir ein geimpfter Kollege, der, genau wie ich, Verständnis für die Freiheitssorgen der Ungeimpften hat, dass bei seinen Bekannten Freundschaften an der Frontlinie Impffanatiker/Impfgegner zerbrechen. Keiner hat mehr Verständnis für die andere Seite, beide Seiten radikalisieren sich. Ich wähnte in diesem Gespräch meinen Freundeskreis darüber erhaben.

 Judas antwortete darauf am 29.12.21 um 19:54:
"Eine Pandemie schürt Urängste, die wenigsten bleiben da rational." Das ist was ich meine, genau. Ich hatte meinen Fokus im Master auf Erzählforschung. Märchen, Sagen, Mythen, Legenden, fof tales, modern urban legends, Gerüchte... all diese mündlich tradierten Sachen (zu mündlich tradiert wird heute tatsächlich in der Forschung auch so etwas wie der tweet gezählt) befassen sich letztlich mit einer übersichtlichen Handvoll an Themen.
Schon immer.
Am Ende lässt sich alles auf besagte Urängste runter brechen.
Alles also wie immer.
Und in Zeiten von Krisen wird das extremer, wie du schon sagtest, Freundschaften zerbrechen, Verständnis fehlt.
Guck halt zum Zenit der Flüchtlingskrise, wo besonders Xenophobie im Menschen angesprochen wurde. Kann man herrliche Parallelen zu jetzt ziehen, obwohl wir es mit einer vollkommen anderen Krise zu tun haben.

edit: ich fürchte ein arroganter Misantroph bin ich trotzdem.
Witzig jedoch: ich beginne mehr Verständnis für dich zu haben, wo ich es vorher nicht hatte. Hm! :D

Antwort geändert am 29.12.2021 um 19:55 Uhr

Antwort geändert am 29.12.2021 um 19:55 Uhr

 Tula (30.12.21, 00:10)
Hallo

Freiheit muss Rücksicht nehmen, im mindesten auf die Freiheit anderer.
Damit ist eigentlich alles (im Kontext dieses Teils der Debatte) gesagt. Leider sind viele Menschen nicht nur dumm bzw. irrational, sondern auch ausgesprochen egozentrisch. Denn es geht eben nicht nur um die Gesundheit des Einzelnen, sondern um alle.


Es gibt übrigens gute Gründe, bei jedem Arzneimittel über deren Gefährlichkeit nachzudenken. Wer aber liest schon die Packungsbeilagen, bei denen man ohnehin eine Lupe braucht? 

Und warum fahren die Leute Auto? Die Wahrscheinlichkeit, sich dabei erheblich zu verletzen, dürfte mit Hinsicht auf vergleichbare Folgen einer Impfung weitaus höher liegen.

Aber gut, dass das so viele nicht verstehen. Sonst würde niemand mehr Lotto spielen. Und selbst beim Fußball, die Wahrscheinlichkeit, dass Bayern nicht schon wieder Meister wird ...

LG
Tula



 Terminator schrieb daraufhin am 30.12.21 um 00:31:
Es gibt übrigens gute Gründe, bei jedem Arzneimittel über deren Gefährlichkeit nachzudenken. Wer aber liest schon die Packungsbeilagen, bei denen man ohnehin eine Lupe braucht?
Eben! Neulich standen in einer Zeitung Berichte über erschreckende Nebenwirkingen von Paracetamol (welche, habe ich vergessen, denn ich nehme ausschließlich Ibuprofen), aber wer wird dadurch vorsichtig? Nein, die schmeißen alles in sich rein. Aber die Corona-Impfstoffe sollen plötzlich eine Gefahr für Leib und Leben sein. Es gab schon im 19. Jahrhundert Ärzte, die vor Impfungen warnten, sogar Lügen verbreiteten (das Ziel wird Geld und Ruhm gewesen sein). Das Zynische ist: diese Impfkritiker waren meistens selbst geimpft.


Doch Zwang darf auch im Guten nicht sein. Hat man die Freiheit einmal aufgegeben, bekommt man sie nie wieder zurück. Ausnahmezustände werden für eine begrenzte Zeit verabschiedet, gelten dann aber stillschweigend für immer. Die Freiheitseinschränkungen gegen die außerparlamentarische Opposition Ende der 60-er und gegen die RAF in den 70-ern gerichtet, sind die nicht immer noch in Kraft? Der Patriot Act in den USA sollte ausnahmsweise wegen der Terroranschläge für kurze Zeit... und jetzt haben wir einen Überwachungsstaat (übrigens nicht nur durch staatliche Gewalt, sondern auch durch freie Entscheidungen, die eigene Privatsphäre an Facebook und Instagram herzuschenken).

Es ist nicht einfach, in einer freiheitlichen Gesellschaft zu leben. In Autokratien und Diktaturen ist es einfacher. Da wird das Denken vom Staat übernommen, der Zwang ist einfach durch Gewalt gültig. In schweren Zeiten neigen leider zu viele Menschen zu diktatorischen/tyrannischen Lösungen, und die sind immer so einseitig und egoistisch wie verantwortungslose Entscheidungen Einzelner in der Demokratie. Heißt: Vorteile gibt es in der Diktatur keine, aber viele Nachteile.

 denkfrei (30.12.21, 15:34)
Wo die Angst des einen beginnt, hört die Freiheit des anderen nicht auf.

Es gibt keine Angst vor der Pandemie. Die Angst ist nur vorhanden, weil es Medien gibt.
Hätte niemand auf dieses Virus aufmerksam gemacht, wäre alles wie vorher.
Menschen würden sterben. Menschen würden leben (ohne Angst). 
Für mich hat diese Abschottung von der Außenwelt nichts mit Solidarität zu tun. 
Es beweist eher das Unsoziale in uns. Wir wollen uns nicht mehr ansehen, austauschen, auseinandersetzen.  
Ja auch Viren gehören zum menschlichen Organismus und Austausch.
Wir verbannen diese Viren wie einen Fremdkörper unseres Systems. 
Aber auch sie gehören zum Leben dazu. 

Es sollte kein Problem sein dürfen, selbst aus reinem unguten Gefühl oder Intuition, sich nicht impfen zu lassen. Wir sind für die Gesundheit des anderen nicht zuständig. Fürsorge bedeutet nicht, Menschen, wie in Australien, mit dem Militär in Quarantänelager zu bringen. 

Ich weiß, dass du das auch nicht unterstützt, aber ich höre immer wieder erschrocken zu, wie es scheinbar keine Grenzen der Fürsorge mehr gibt. Auch wenn dadurch massiv, persönliche Grundrechte verletzt werden.

Kommentar geändert am 30.12.2021 um 15:35 Uhr

 Pearl (27.01.22, 20:17)
Hallo Terminator,

deine Gedanken finde ich gut, irgendwie. Ich war für die Impfpflicht. Nun ist sie in Österreich beschlossene Sache und ein ungutes Gefühl lässt mich nicht los. Ich sehe Menschen in meinem näheren und beruflichen Umfeld, die ihr Leben nun total umstrukturieren müssen. Oder bald in Angst vor "Illegalität" leben. Andererseits ist da natürlich das "Recht auf Leben".

Meine Impfung war auch eine soziale Entscheidung, weil ich glaube es ist das Beste für die Gesellschaft. Ich bin der Überzeugung, dass Impfverweigerer den falschen Weg gehen. Dazu stehe ich. Doch die Impfpflicht, dahinter stehe ich nicht (mehr). Ich denke, sie spaltet uns noch mehr, und drängt Impfverweigerer ins rechte Eck oder in das der Verschwörungstheoretiker. Es ist alles so so schwierig. Ich wünschte ich hätte die ganze Sache entemotionalisierter bzw. klarer gesehen.

Es ist, wie du aufzeigst, eben auch eine philosophische, und nicht nur eine medizinische Frage.

Kommentar geändert am 27.01.2022 um 20:18 Uhr

 Verlo (05.07.22, 16:44)
Terminator, gibt es eine Weiterentwicklung des Textes?

Inzwischen berichtet ja auch der ÖRR von Impfschäden, sagen immer mehr Experten, daß die Corona-Maßnahmen mehr geschadet als genutzt haben.

 Terminator äußerte darauf am 05.07.22 um 22:34:
Immer mehr Experten bedeutet nicht einmal die meisten Experten. Es gibt immer Impfschäden, auch bei längst impfpflichtigen Impfstoffen. Es immer eine Abwägungsentsheidung; im Prinzip sind ja die Krankheit und das Heilmittel beides Übel (wer würde ein Medikament nehmen, wenn er nicht krank wäre bzw. sich ohne Ansteckungsgefahr impfen lassen?) Das größere Übel muss immer die Krankheit sein, ansonsten sind jegliche Maßnahmen ungerechtfertigt.
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