Das Lied des Unsterblichen

Gedicht zum Thema Literatur

von  Melodia

O Captain

du wusstest wer du warst

die Gedichte nackt

in deiner Brust, auf Wolken

es gibt keine Unvollkommenheit

 

Lieder über Wüsten und Wälder

über Ozeane und Bergrücken

die Jahreszeiten deiner Heimat

 

Und heute? Was sind wir?

Was würdest du schreiben?

Schöne neue Welt, Land der Unfreien

verkauft und verraten

unermesslich die Asche der Soldaten

Wie einst: Trommelschläge im Kopf

Blätter fallen von den Bäumen

 

Du fragtest:

Will someone when I am dead and gone write my life?

 

Wir lesen dich in Grashalmen

die unbekannten Helden deiner Zeilen

The living sleep for their time

The dead live for their time

 

O Captain

unsere Reise ist zu End



Anmerkung von Melodia:

Hommage an Walt Whitman

Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (03.01.22, 15:33)
es gibt keine Unvollkommenheit
Wie meint Whitman bzw. wie meinst Du das?

 Melodia meinte dazu am 03.01.22 um 16:53:
Also wie Walt Whitman das meinte, kann ich nur vermuten, Dies ist der Vers:


And I will show that there is no imperfection in the present, and
can be none in the future


Was ich meinte, bezieht sich auf meine Wahrnehmung seiner Gedichte und seiner Person. Er nahm das Leben so wie es war und machte das Beste, in seinem Fall, Lyrik daraus. Trotz aller negativen Ereignisse, wie z.B. dem US-Bürgerkrieg.
Für mich beudetet es, dass er überzeugt war, dass die Natur, das Universum stets einen Weg findet. Und dieser ist immer vollkommen. So sehe ich seine Einstellung und im Grunde sein Werk.

Etwas pathetisch vielleicht. ;)

 Beislschmidt antwortete darauf am 03.01.22 um 17:21:
Wir sind mitten drin ....

,,,, " Was würdest du schreiben?
Schöne neue Welt, Land der Unfreien
verkauft und verraten...."

 Tula schrieb daraufhin am 03.01.22 um 17:25:
Hallo
Ich googelte gerade nach, weil der Spruch in der Tat inspirierend ist. Er wird noch wie folgt vom Autor vervollständigt:

And I will show that whatever happens to anybody it may be turn'd to

beautiful results,
And I will show that nothing can happen more beautiful than death,
And I will thread a thread through my poems that time and events are
compact,
And that all the things of the universe are perfect miracles, each
as profound as any.

Mich beeindruckt vor allem der Abschluss. Sicher das Verständnis, dass in allem ein tieferer Sinn liegt, ein Weg, der zu einem noch nicht erfassbaren  Ziel. Eine Art göttliche Fügung, daher vielleicht das 'miracle'. 

Ich stimme aber auch zu, dass der Vergleich zur Jetzt-Zeit in dichterischer Hinsicht nicht ungefährlich ist, weil du unter Umständen von einer Interpretation des 'damals' ausgehst, die nicht mit der Sicht des damals lebenden Autors konform geht. Das kann zu vielen Missverständnissen und -Interpretationen führen. 

Die Grashalme ... sehr schön. Eine Essenz die den zitierten Text bereichert. 

LG
Tula

Antwort geändert am 03.01.2022 um 17:29 Uhr

Antwort geändert am 03.01.2022 um 17:30 Uhr

Antwort geändert am 03.01.2022 um 17:36 Uhr

Antwort geändert am 03.01.2022 um 17:37 Uhr

 Graeculus äußerte darauf am 03.01.22 um 17:40:
dass er überzeugt war, dass die Natur, das Universum stets einen Weg findet. Und dieser ist immer vollkommen.
Hm. Ich weiß nicht, was dann "Vollkommenheit" bedeuten soll. Woran gemessen?

Ein Lehrer, der Klausuren zu korrigieren hat, käme wohl nicht darauf.
Und für das Universum würde es bedeuten, daß der Weg in die Entropie einer zur Vollkommenheit ist? Oder wußte Whitman nichts von Entropie?

 Melodia ergänzte dazu am 04.01.22 um 10:07:
@ Beislschmidt + @ Tula:
Ja, wir scheinen in der Tat mittendrin zu sein, aber nicht erst seit gestern und das Gedicht habe ich 2017 geschrieben.
Die Frage war auch durchaus ernst gemeint, weil es mich tatsächlich interessieren würde, was Menschen, Autoren, in diesem Fall Whitman aus der Vergangenheit zur Gegenwart sagen und schreiben würden. Aber das hat nichts mit einem Vergleich zu tun. Habe ich auch so nicht geschrieben. Daher hoffe ich, dass diese (Fehl)-Interpretation nicht häufig auftritt. Aber was der Leser liest kann man nur bedingt lenken.

@ Graeculus
Wie gesagt ist meine Auffassung. Ich kann nicht für andere reden, was sie als (un)vollkommen ansehen. Daher gemessen an der jeweils eigenen Weltanschauung, würde ich sagen.
Und jetzt bitte nicht in den falschen Hals bekommen, aber nur ein Lehrer würde so einen Satz über Lehrer äußern. ;) Und wer weiß. Den Beruf hat er sich ja ausgesucht. Ob und was Whitman von der Entropie wusste, kann ich dir nicht sagen. Kann mich nicht erinnern dazu etwas gelesen zu haben. Aber was an der Entropie ist den unvollkommen? Der Mensch versucht ständig alles "in Ordnung" zu bringen, während die Natur das offensichtlich anders handhabt.
Jetzt wird es aber auch sehr philosophisch.

Jedenfall vielen Dank euch, für das Auseinandersetzen mit dem Text! Das freut mich!

LG

 Graeculus meinte dazu am 04.01.22 um 10:34:
Aber was an der Entropie ist den[n] unvollkommen?
Entropie ist das perfekte Gegenteil von Ordnung, der völlige Verfall, aus dem nichts Neues mehr entsteht. Es ist mir halt nicht klar, in welchem Sinne man das als Vollkommenheit ansehen kann, z.B. als Schönheit.

Aber da Whitman sich nicht an dieser Diskussion beteiligt, werden wir's auch nicht erfahren.

Antwort geändert am 04.01.2022 um 10:34 Uhr

 Melodia meinte dazu am 04.01.22 um 11:01:
Ja ja, das fehlende n. Wenn man gerade seinen ersten Kaffee des Tages nach einer langen Nacht trinkt ...qed zum Thema Lehrer :P 

Eben! Das Gegenteil und Ordnung ist nichts "natürliches". Alles hat seinen Platz, aber nichts ist für immer. Ich finde die Entropie nicht nur spannend, sondern auch schön. Aber dass ist das, was ich mit unterschiedlichen Ansichten meinte. Und das erachte ich ebenfalls als vollkommen Es wäre doch langweilig, wenn wir alle Dinge identisch sehen würden.

Mit dem letzten Satz hast du Recht. Es gäbe durchaus einige Persönlichkeiten aus der (literarischen) Geschichte, mit denen ich mich gerne unterhalten würde.

LG

 wa Bash (03.01.22, 17:37)
O Captain, kenne ich aus dem Film "Club der toten Dichter" oder sagen die dort "my Captain", anyway, egal lustig wie die dort auf dem Tisch rumstolpern. im Grunde sind die Gedankengänge aber ähnlich. die konservative Schule inmitten eines unfreien und keineswegs Kreativität förderlichen Systems findet ja auch dort statt. habe gerade ein Zitat von ihm gefunden, das passt auch ganz gut „Unförmig harrt das Gemeinschaftswesen, und liegt zwischen Abgeschlossenem und Begonnenem.“... interessantes Gedicht

 Melodia meinte dazu am 04.01.22 um 10:10:
Sie sagen beides bzw. das Gedicht sagt beides:
O Captain, my Captain ;)

 Ja, ich denke auch, dass der Drehbuchautor sich für das Setting durchaus Gedanken gemacht hat und wahrscheinlich auch das Zitat kannte.

Vielen Dank!
LG

 Tula meinte dazu am 04.01.22 um 11:15:
Moin Melodia
Wahrscheinlich habe ich mich nicht sehr treffend ausgedrückt. Ich meinte die Interpretation des Autors (Whitman) durch den Autor (dich), der gewissermaßen das Hohelied auf ihn schreibt. Wie du selbst schriebst, dass du dir nicht 100pro sicher bist, was Whitman mit der zitierten Stelle meinte und deine eigene Interpretation gegeben hast. Das ist völlig normal. Der Leser von heute interpretiert aus seiner Sichtweise von heute, nicht nur das Gedicht, sondern den ursprungünglichen Autoren insgesamt, sein Werk und den Menschen dahinter. Das führt schnell zu Umdeutungen, weil der genannte Zeitgeist von damals nicht korrekt bzw. vollständig erfasst wird. Als krasses Beispiel dafür dient mir der Literaturunterricht der DDR. Wir deuteten (wurde uns eingetrichtert) auch Werke und Autoren anderer Epochen quasi als "Vorreiter des Sozialismus".
Whitman habe ich nicht gelesen. Ein anderes Beispiel wäre Ambrose Bierce, den habe ich als junger Mensch gelesen, short stories über den amerikanischen Bürgerkrieg. Die Schilderung des Grauens ist stets nur ein Aspekt. Die gedankliche und 'spirituelle' Einordnung der Ereignisse eine völlig andere, denn der usprüngliche Autor ist ein Kind seiner Zeit (siehe Zeitgeist) und wir eines der unseren.
Ich sehe in Whitmans Zitat zum Beispiel so etwas wie eine fatalistische Akzeptanz des Krieges, die mit unserer modernen Sichtweise des aktiven Kampfes um dessen Vermeidung absolut nicht konform geht.

Damit wollte ich nicht dein Gedicht kritisieren, sondern darauf aufmerksam machen, dass der Ausgangspunkt für Lobgedichte das Verständnis der Denkweise des Autors in dessen Zeit erfordert. Die Frage 'was würdest du heute schreiben' ist deshalb dichterisch nicht unberechtigt, aber im Grunde 'unergründbar'.

LG
Tula

 Melodia meinte dazu am 04.01.22 um 11:55:
Moin!

Ja, das hatte ich tatsächlich missverstanden. Sorry.

Du hast natürlich Recht, dass man Texte, Aussagen etc. aus der Vergangenheit verklären, missinterpretieren oder gar missbrauchen kann. Was selbstverständlich nicht meine Intention war/ist. Ich wollte mit meinem bescheidenen Versuch lediglich auf das, meiner Ansicht nach, literarische Genie Whitmans hinweisen, den in Deutschland viel zu wenige kennen (höchstens als Randnotiz in der Serie Breaking Bad ) Ich selbst bin nur ein kleiner, unbekannter Autor und zum Glück kein Staatsapparat.

Meines Wissens nach war Whitman zwar ein Befürworter der Union bezüglich Gründe und Ideale, aber vom Krieg an sich alles andere als angetan. Eine fatalistische Akzeptanz würde ich es vermutlich nicht nennen. Eher der Versuch, dass Erlebte lyrisch zu verarbeiten und zu kritisieren, indem die Gräuel in den Vordergrund gestellt wurde. Ich bezweifle, dass er sich selbst als die Instanz der Vernunft gesehen hat.

Ich habe an der Uni ein Seminar zum Bürgerkrieg besucht und selbstverständlich steht man auf der Seite „des Nordens“, wie es immer so vereinfacht heißt. Aber es waren extrem brutale Auseinandersetzungen. Und ob wir heutzutage tatsächlich weiter sind bei unserer Sichtweise bezüglich des Krieges, wage ich zu bezweifeln. Auf dem Papier, ja. Aber nur weil wir heutzutage Drohnen einsetzen und nicht mehr selbst „Hand anlegen“ müssen, nach dem Motto: Was ich nicht sehe, interessiert mich nicht, ist es kein Deut besser. Eher schlimmer aus meiner Sicht. Das weiterhin in aller Welt fleißig Waffen exportiert werden, kann man nicht gerade als „aus der Geschichte lernen“ umschreiben.

LG
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