Anna Karenina

Gedanke zum Thema Buch/ Lesen

von  Mondscheinsonate

Wohlan, noch immer bin ich bei den Russen, es ist nur so, dass es zu schön ist um aufzuhören. Peter Handke bringt im März wieder ein neues Buch heraus, mit ihm gehe ich Russland dennoch fremd, stets und immer schiebe ich ihn dazwischen, wandle zwischen Adjektiven umher, um nichts anderes geht es schließlich, um dann mich dann doch wieder einer Geschichte zuzuwenden, zumeist brilliant erzählt, doch, aber ich gebe zu, während des Gerichtsprozesses des Karamasow bin ich sanft weggedöst und nicht mehr davon erwacht, ja, aber ich gebe nicht auf.

Wenden wir uns also der Anna und dem Alexei zu, so gibt es gute Verfilmungen, nur keine zeigt, wie es wirklich ist. So dringt man als Leser, vielleicht man, auf jeden Fall ich als Leserin, in den Kopf des Grafen Wronski ein, was in Filmen recht uninteressant wäre, jedoch im Buch unglaublich interessant erzählt wird. Der Lebemann, wohl Casanova, der das Spiel mit den Reizen meisterlich beherrscht, verliebt sich, nein, vergöttert Anna, das ist doch wirklich interessanter als sie, tatsächlich mag ich ihn lieber als sie. Großartig wird die Romanze erzählt, die zum bitteren Ernst wird. Der gehörnte Ehemann Karenina, der nicht aus seiner Haut kann, wohlgemerkt Beamtenhaut, leidet wie ein Vieh, bleibt äußerlich ein hässliches Kerlchen, besonders für Anna. Wie immer, das russische Gesellschaftsbild, die Verstossenen, der Mann hat offensichtlich kein Problem, die Frau ist ein gefallener Engel für die Damen und dann die liebliche Kitty und der bäuerliche Lewin, reizend, wirklich reizend. 

Abseits davon, die Beschreibung des Bauerntums, Reformgedanken, Beamtentum, alles ist im Buch. Tolstoj ist der Meister der Literatur, war ich schon begeistert, ja, enthusiastisch, in Exstase bei "Krieg und Frieden", obwohl, ich persönlich, kenne keine Frau, die sich für diese Schlachten interessiert hätte, es faszinierte, ich behaupte, dass ich es liebe, wahrlich, ich sage euch, zurück zur Anna, so frage ich mich, ob es heute noch so ist, dass die Anderen eine Liebe zerstören, muss es bejahen. 

Auch der Gedanke, dass die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind stets stärker ist als zu einem Partner, auch Partnerin. Ich kann es nicht beurteilen, ich bin keine, aber durchaus nachvollziehen. 


Das Buch ist im Kopf wie ein Film, alles genau beschrieben, jede einzelne Bewegung fesselt. Was waren das für Meister, Proust, ein Abstecher nach Frankreich, Musil, zu mir nach Österreich, Dostojewski, Tolstoj, Gogol, viele mehr, wo sind die Erzähler, ja, auch Mann, den mag ich nicht, der lässt mich kalt, dennoch verneige ich mich vor seinem Talent, zurück, wo sind die, die noch etwas so schreiben können, dass man verharren will? Gut, Matou liegt aufgeschlagen neben mir, ich schnurre bei diesem Buch, allerdings schnurren Katzen auch, wenn sie Schmerzen haben, dennoch Köhlmeier ist schon gut. Jetzt bin ich aber weit von Anna entfernt, eines noch ... "Zu Dionys dem Tyrannen schlich, Damon den Dolch im Gewande, ihn schlugen die Häscher im Bande..."- wir verstanden damals kein Wort, aber die Sprache nahm uns ein, wo ist sie geblieben in der heutigen Literatur? 

Anna tut mir leid, ich kann ihre Gefühle verstehen, das ist alles zuviel, dennoch ein Sprung ist keine Lösung, legen wir ihn um, meinen wir, sich aufgeben ist keine Option. Liebste Anna, mich rettete die Sprache, die Literatur, ich las Proust in meinem tiefsten Kummer und kam in den Flow, so nennt die Gehirnforschung das Konzentrieren auf eine Sache, so wird das auch in der Therapie angewendet, die Patienten/Klienten flechten Körbe, sind ganz bei der Sache und ihre Gedanken drehen sich nicht mehr im Kreis, der Depressive wird abgelenkt. Das Schreiben half nicht, es kreiste weiter, aber das Lesen von Schmökern. Anna, Anna, was hast du bloß aus dir gemacht.

Zurück zu Wronski um den Kreis zu schließen. Meiner Ansicht nach war er extrem lieb, Menschen ändern sich, wenn sie zur Verzweiflung getrieben werden, ja!

Ein Buch wie ein Juwel, zeitlos in seiner Zwischenmenschlichkeit, interessant in den Schauplätzen, DRAMATISCH!

Mein absolutes Lieblingsbuch wohl nicht mehr, aber eines davon. 





Anmerkung von Mondscheinsonate:

Zitat: Die Bürgschaft, Friedrich Schiller

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (03.01.22, 20:42)
Hallo Mondscheinsonate,
höchst bedauerlich, dass deine Begeisterung für die russische Literatur hier so wenig Widerhall findet. Ich wenigstens teile sie voll und ganz und finde es schön, dass du so unkonventionell impressionistisch darüber schreibst.
LG
Ekki

 Mondscheinsonate meinte dazu am 04.01.22 um 06:34:
Guten Morgen! 
Das hat nichts mit russischer Literatur zu tun. Was erreicht die höchsten Klickzahlen: das Drama.  
Danke, Ekki!

 Pearl (03.01.22, 20:43)
Meine Mutter hat "Anna Karenina" 6, 7 oder 8 Mal gelesen... ich ein Mal. Es ist ein tiefsinniges Buch... Damals las ich gerne "die Russen"  (großartige Erzähler!) u.a. auch "Schuld und Sühne", viele Stücke von Tschechow... Aber "Anna Karenina" und Bulgakows "Der Meister und Margarita" haben mich am meisten fasziniert. Ich mag - wie du - das Erleben des Lesens. Wenn man süchtig nach einem Buch wird, ist das echt heilsam.

Liebe Grüße,

Pearl

Kommentar geändert am 03.01.2022 um 20:44 Uhr

Kommentar geändert am 03.01.2022 um 20:51 Uhr

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 04.01.22 um 06:36:
Nun, wenn es zieht, dann zieht es, da gibt es kein entrinnen!
Liebe Grüße!
Corina

 Dieter_Rotmund (04.01.22, 09:49)
Filme zeigen grundsätzlich nie, "wie es wirklich ist", sondern nach dem Grundsatz der Mimesis "wie es sein könnte".

Ja, die alten Meister sind toll, besonders Dostojewski, aber Matou kenne ich nicht.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 04.01.22 um 09:51:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/matou/978-3-446-27079-4/
Gebe dir Recht.

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 04.01.22 um 13:12:
Achso, österreichische Katzenprosa.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 04.01.22 um 13:30:
Vom Besten.
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