Die Ölheizung

Tagebuch zum Thema Dummheit

von  Mondscheinsonate

Die Oma war überhaupt nicht zimperlich, ganz im Gegenteil, wenngleich bestand sie dennoch auf das "Frau Doktor" (ohne Universität), den Ehering trug sie allerdings nie, alles trug sie, sie war ein lebender Christbaum, aber den nie. 

Also, sagte ich letztens zum Papa, die Oma hatte ein Mundwerk wie ein Bierkutscher und da antwortete er, dass sie auch neben der Brauerei aufgewachsen ist, das war schon lustig und passend, wusste ich gar nie. 

Der Opa hat total viel Wein geschenkt bekommen und den lagerte die Oma jahrelang im Weinkeller, das sagte sie zu jedem, und tatsächlich, da war auch alles voll, Regale voller Wein. 1985 kam es zu einem Skandal, dem Glykol-Skandal, da rannte sie in den Keller und schmiss literweise, ja, tonnenweise Flaschen in den Müll, dabei handelte es sich bei dem Ereignis um bestimmte burgenländische Weine und nicht französische, auch nicht um den teuren Prunier vom Opa, der Cognac flog beinahe, nein, sie schmiss ihn in einen eigens angemieteten Container, eine Mulde wird das genannt, das wusste ich damals nicht, der Opa schrie und tobte, die Oma schimpfte, meinte, sie würde doch nicht sterben wollen, alles ist giftig, alles. Danach setzte sie sich in die Küche und trank einen Obstler, man weiß aus anderen Geschichten "das destillierte Wasser". Der Opa schlug die Hände zusammen, schrie:"Ja, trink du nur deinen Schnaps! Und, was soll ICH jetzt zur Beruhigung trinken, sowas, sowas, sowas von ...!" Er ging, sprach nicht weiter, nein, das tat er in solchen Situationen nie, obwohl der Opa immer viel redete, Endlosmonologe.

Na ja, das war halt' die Oma, aber irgendwann stank es fürchterlich und die Heizung wurde nicht warm, da ging sie in den Keller und rutschte auf Öl aus, Oma, das Brathenderl, herausgebraten im Keller, nein, das fand sie weniger lustig, der ganze Keller stand bis zu den Waden hoch in Öl. Man muss dazu sagen, dass im Keller, der war groß, die wertvollsten Teppiche lagen und unsere alte Bauerstube stand, handgefertigt, denn sie war immer der Meinung, falls Einbrecher kommen sollten und ihr das Haus ausräumen, die kämen dann nicht in den Keller und dort bunkerte sie das Wertvollste, auch ihren Schmuck, der war in der Bauernstube, handgefertigt, das sagte sie immer dazu und diese Bauernstube, handgefertigt, war nun durchflutet und so watete sie durch den Raum, hin zu ihrer Bauerstube, handgefertigt, ach ja, und sündhaft teuer, beinahe unleistbar, großartig, künstlerisch wertvoll, ein echtes Prachtstück, auf gut Deutsch: sie war hässlich, aber ja, teuer, das war wichtig, nun, sie watete und rettete zunächst ihren Schmuck, den drückte sie mir in die Tüte, die hielt ich, ich musste nämlich mit waten, es war so ekelhaft, HEIZÖL! Schrie unentwegt und schrie auch: "Richard!", aber der Opa war da schon sehr schwerhörig, da schimpfte sie und schickte mich ins Haus, der Keller war nämlich neben unserem Haus, da musste man Stiegen runter gehen und die Handleiste war grün, so wie die Kellertüre, und mahnte: "Wehe, du gehst mir mit DEN BEINEN ins Haus!" Natürlich ging ich, wie hätte ich sonst hineingelangen sollen, das war dann das nächste Desaster, aber auf jeden Fall schickte sie mich Tücher holen, Fetzen, Aufwaschtücher, Reibfetz'n, ernsthaft. Ich sagte: "Oma, was machst du damit?" - "Aufwaschen, du bist manchmal schon dumm, was sonst!"

Ich ließ sie mit drei Tüchern in kniehohem Heizöl alleine. Opa kam zu mir in den Garten und sah mich verwundert an, fragte, was passiert sei. Ich sagte: "Die Oma putzt ca. 1000 Liter Heizöl mit drei Tüchern und sagte, ich sei dumm." 

Opa sah mich entsetzt an. Er ging ins Haus zurück und wenig später kam die Feuerwehr. 

Die Oma allerdings sagte: "Richard, du traust mir auch nichts zu, ich hätte das schon ganz alleine geputzt, was das wieder kosten wird!"

Opa schwieg, ohne Cognac. Man sah ihm aber an, dass er extrem litt in diesem Augenblick. 

Irgendwie dachte ich in dem Moment, dass das alles hier Liebe ist. Das war schön. 


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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (04.01.22, 16:53)
Wenn selbst in diesem Ehegezänk Liebe steckt, dann gibt es wohl mehr davon, als ich vermute.
An den österreichischen Glykol-Skandal erinnere ich mich noch. Falls damals meine Frau die italienischen, französischen und spanischen Weine spontan entsorgt hätte, dann hätte ich das als ausgesprochen liebestötend empfunden.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 04.01.22 um 17:06:
Haha!

 Graeculus antwortete darauf am 04.01.22 um 17:12:
Im Ernst. Dieser Satz

Irgendwie dachte ich in dem Moment, dass das alles hier Liebe ist.
hat mich irritiert. Könnte das wahr sein? Nun, Liebe ist ein weites Feld voller Rätsel.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 04.01.22 um 17:15:
Mein Opa liebte Oma abgöttisch, umgekehrt nicht.

 RainerMScholz äußerte darauf am 21.06.22 um 23:54:
Einer der genialsten Sätze. Das erklärt die Welt, wie sie ist, wenn auch nicht sein sollte.

 minze (04.01.22, 17:31)
Die Protagonistin und was so bei ihr abgeht wird super lebendig durch die Oma, die ja sowieso. Ist v.a. lustig und lebhaft im Chaos im Keller, da finde ich das Tempo, das Hetzen durch die Sätze ganz wirkungsvoll. Ein wenig schwächer fasse ich den Opa, vll wäre da Interaktion zwischen der Enkelin und ihn noch gut gewesen, so wie es am Ende kommt - wie sie ihren Opa anspricht. Ich Frage mich gerade, ob es stärker wirken würde, wenn du damit schließt oder das noch etwas mehr in den Fokus setzt. Denn gewissermaßen flieht sie ja zu ihrem Opa, der eher als Anker erscheint, das würde ich evtl noch deutlicher erzählen.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 04.01.22 um 17:44:
Lieb, aber die Intention ist eher, dass diese Beißzange alle in ihren Bann zog und wir blieben tatsächlich Nebenfiguren. Super liebes Kommi, Danke.

 minze meinte dazu am 04.01.22 um 20:04:
ja- verstehe.

"Man sah ihm aber an, dass er extrem litt in diesem Augenblick."
ich glaube, dass es diesen Satz nicht braucht, ich finde die Szene, nur wie er nickt nach dem Ausspruch der Großmutter und dann das "ohne Cognac" stärker nur für sich wirkt, ohne die Zuschreibung.

Auch der Widerspruch, der ja aber das Verhältnis der Protagonistin zu/in ihrem Familiengeflecht spürt und so erlebt, also der Widerspruch zu sagen, dass sich genau das alles als Liebe anfühlt - das würde ich auch stärker finden ohne "das war schön". vielleicht sind das Details, aber diese Pointen erlebe ich schärfer, wenn sie nicht ausgeschmückt oder ausgeführt werden.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 05.01.22 um 06:33:
Du hast schon recht, ich möchte es aber nicht weggeben, weil es aus meiner Perspektive geschildert wurde und das empfinde ich heute (das Wort "war") so.

 eiskimo (04.01.22, 18:59)
Du schaffts es, dass man wunderbar eintaucht in diese Oma-Opa- Beziehung, in deren Welt, ja, fast sogar auch in das Heizöl....
Mir gefällt´s!
LG
Eiskimo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 04.01.22 um 19:02:
Lieben Dank!

 DanceWith1Life (04.01.22, 21:28)
Das Sortiment an "Weinen im Keller" dieser Generation, manche durch zwei Kriege aneinander geschmiedet, war ja episch. Unsere kindliche Sicht, die öfter noch ein kindliches Gespür und Gehör war, für die Nuancen, nicht nur des Schmerzes, der Fehlinformationen, Trugschlüsse und vor Allem. der Trotzdems" der Überlebensstrategie, war ohne TV, Netflix und "ach so "Smartphone", gerade in der Konstellation ihrer Beziehungen. an hinreißender Tragik und Komik kaum zu überbieten.
Das  kommt gut rüber, gern gelesen.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 05.01.22 um 06:08:
Ja, das war noch die klassische Interaktion in feinster Form. :D Danke!

 diestelzie (05.01.22, 13:22)
So schön ehrlich und liebevoll geschrieben. Wunderbar.

Liebe Grüße 
Kerstin

 Mondscheinsonate meinte dazu am 05.01.22 um 13:28:
Liebe Kerstin,

Dankeschön!

 Judas (05.01.22, 13:34)
Allein für den ersten Absatz schon eine Empfehlung. Was für eine Charakterisierung!

 Mondscheinsonate meinte dazu am 05.01.22 um 13:36:
Haha, ganz lieben Dank!
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