Südturmspitze

Tagebuch zum Thema Absurdes

von  Mondscheinsonate

So pfiff man auf die Trennung von Kirche und Staat, bunkerte eine Impfstelle in den Dom zu St.Stephan, allbekannt als Stephansdom, und dort stand ich zwei Stunden in der Schlange und als ich den dritten Stich bekam, läuteten die zwei Glocken im Südturm, die Segnung war perfekt, die Englein hörte ich nicht singen, aber den Wohlklang des Himmels, alles gut inszeniert, Opium für die, die an Gott glauben und da dachte ich, dass ich, als ich das große, düstere Gotteshaus betrat, sofort das Kreuzzeichen machte, so, wie man es gelernt hatte, mit dem Weihwasser und ehrfürchtig, ja, beinahe eingeschüchtert das große Kirchenschiff entlangschritt, plötzlich war ich wieder zehn Jahre alt, vollbeladen mit Sünden, eine Schuldige. 

So dachte ich jahrzehntelang nicht mehr über meinen Glauben nach, den, das schrieb ich bereits, glaubte ich längst verloren zu haben, über Verlorenes nachzudenken, das macht nicht viel Sinn, aber gestern, zwei Stunden in der Schlange stehend, die Kälte kroch mir in mein Sein, überlegte ich die Gretchenfrage, wie ich es mit der Religion so habe und kam, kurz vor dem dritten Stich zur Erkenntnis, dass wir doch nicht beweisen können, dass es Gott gäbe, aber auch nicht, dass es ihn nicht gäbe, die alte Philosophenfrage, dass aber ich an Gott glaube, nicht ehrerbeten, nicht demütig, nicht betend, auch nicht allmächtig, aber als gegeben. 


So setzte ich mich nach der Impfung in ein Kirchenbänklein, die Impfung fand in einer Nebenkapelle statt, über mir hing Jesus am Kreuz, ziemlich tot, ein wenig gruselig und pechschwarz wie damals in der herrlichen Notre Dame, dort war er schwärzer, und dachte darüber nach, dass es doch heißt: "Ich glaube an den Hl.Geist...", ja, das ist es, ich glaube an die Herrlichkeit, möge man es Gott nennen. 

Die Gedanken brachten mich näher, näher an mich heran, so habe ich schon lange nicht mehr intensiv über das, woran ich glaube nachgedacht, mehr über andere oder was einen gerade so beschäftigt, aber schon lange nicht mehr so intensiv über das, was ich wirklich denke. Dennoch, das Thema bleibt ein Schwieriges, nicht lapidar wegwischbar wie das, was sonst so beschäftigt. Natürlich, übermässig wichtig ist es jetzt nicht, aber als ich den Dom verließ, war ich dennoch etwas mehr beseelt als sonst. Das gab mir zu spüren.


Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (08.01.22, 12:34)
und mir gibt dieser Text zu denken und zwar genau so, wie ich es bevorzuge über solche Sachen nachzudenken.
Aber ja doch, es ist sogar die Jahreszeit für Inventur.
Und ist nicht unser Selbstverständnis (nein, eben nicht selbstverständlich) unser kostbarstes Gut.
So soviel zum Autor-Leser-Dialog über ein Thema.
Wir hatten hier Vorgestern ein kleine Inszenierung der Natur, soll heißen, ich erwachte nach der Nachtschicht, schaute aus dem Fenster und alles war weiß. Sehr blendend anzuschaun.
Ich also innerlich schon am Einstellung für die nächste Nachtschicht durchchecken.
Da ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, in der kältesten Tageszeit.
Am Abend schau ich nochmal aus dem Fenster, alles wieder weg.
Aber Hallo, könnte ja trotzdem Glatteis usw., nicht die Spur, die griffigste trockene Winterpiste seit Erfindung der Schneeschmelze, Ehrenwort.
Gestern selbes Spiel, neue Variante.
Schneit, bleibt liegen, noch kälter, superglatt.
Btw. ich hatte tatsächlich gehofft, dass es wieder so ist, wie am Vortag, obwohl das ja wohl eher die Ausnahme ist.

Kommentar geändert am 08.01.2022 um 12:53 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.01.22 um 19:05:
Dass du mit dem Fahrrad fährst, das erfreut mein Umweltrechtherz enorm. Dank dir.

 Pearl (08.01.22, 16:12)
Ich wollte mir die 3. Impfung auch im Stephansdom geben lassen. Die Warteschlangen haben mich aber abgeschreckt (also bin ich wieder ins Austria Center).

Dein Gottverständnis kann ich so gut nachvollziehen. Ich weiß auch nicht wer oder was er ist. Das ist ein sehr spiritueller Text, mit Tiefe aber, was eigenes, also auf dem eigenen Mist Gewachsenes wie Blumen auf Kompost. Danke!

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 08.01.22 um 19:06:
Ich bin geistig bei dir, mit Spiritualität habe ich sonst nichts am Hut, genau das irritierte mich. Dank dir.

 Pearl schrieb daraufhin am 08.01.22 um 19:32:
Verstehe, was du meinst. Ich verwende (für mich) den Begriff "Spiritualität" oft anders, als eine Art "Lebenssinn". Viele Atheisten sehe ich als sehr spirituell, wenn sie Lebenssinn haben. Viele Esoteriker und Religiöse nicht, wenn sie nachplappern oder diesen nicht haben. Aber der Begriff ist echt vorbelastet.

 diestelzie (08.01.22, 16:57)
Mit Coronatexten möchte ich nichts und mit religiösen Texten kann ich nichts anfangen. Hier habe ich beides in einem und es gefällt mir sehr.

Liebe Grüße
Kerstin

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 08.01.22 um 19:08:
Ich HASSE Texte über Corona oder mit, siehe voriges Kommentar, auch ich kann mit dem Thema Religion in Texten wenig anfangen, aber eigentlich ging es um meine Gedankenwelt und daher denke ich, weil du es auch so gelesen hast, gefiel es dir dann besser. Dankeschön.

 Graeculus ergänzte dazu am 08.01.22 um 23:09:
Mit Coronatexten möchte ich nichts und mit religiösen Texten kann ich nichts anfangen. Hier habe ich beides in einem und es gefällt mir sehr.
Das ist das Erstaunliche an  diesem Text.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 09.01.22 um 04:26:
Dankeschön, ein schönes Kompliment von euch beiden.

 Dieter Wal (08.01.22, 17:30)
Wie schön, dass der Wiener Stephansdom für Covid-19-Impfungen freigegeben wurde! Stimmungsvolle Erzählung.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.01.22 um 19:09:
Dank dir, ja, Amen kann man da nur sagen. Kalt war's.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram