Lesen: Konsum oder Produktion?

Erörterung zum Thema Beobachtungen

von  Terminator

Die meisten Menschen lesen konsumierend. Das sieht man schon daran, dass sie Belletristik lesen. An zweiter Stelle kommt Ratgeber-Literatur, und weit abgeschlagen danach das, was ich lese, wobei es meistens nicht freiwillig, sondern als Schul- und Studienaufgabe gelesen wird.


Ich lese produktiv. Für mich ist Lesen geistige Rohstoffbeschaffung. Ich lese, um Gelesenes zu höherwertigem geistigem Produkt zu verarbeiten.


Esther Vilar sieht die sexuelle Geschlechterbeziehung als spielerischen Kampf. Das ist lunar, dionysisch, und mir fremd. Sex ist für mich ausschließlich als Konsumprodukt begreifbar. Eine sehr attraktive junge Frau mit dem Gütesiegel Mieze, die keinen sexuellen Inhibitor in Form von Liebe in mir auslöst, käme als Sexualkonfekt in Frage; liebte sie mich, so könnte ich mich nur für die Bereitstellung sexuellen Konsumprodukts bedanken, aber sie nicht zurücklieben. Zu Sexualobjekten habe ich keine Beziehung, zu Pralinen ja auch nicht.


Liebe ist für mich nur im verträumten Modus möglich (doppelt introvertiert, weshalb mein Lieblingscharaktertyp INFP, Träumer, ist). Verträumte Beziehungen zweier Träumender sind möglich; das Mädchen sollte nicht bloß im Traummodus sein, sondern durch und durch verträumt, in Träumen lebend: ein Träumer.


Spiel ist für mich sinnlich und kompetitiv. Ich mag keine Rollenspiele, keine sozialen Spiele. Es geht um das physische Besiegen des Gegners, ob im Individual- oder Mannschaftssport, ob im Rededuell oder im Krieg. Schach ist langweilig. Es findet im Modus der Produktion, nicht des Kampfes statt, und das ist Verschwendung.




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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (12.01.22, 22:35)
@ Terminator


Die meisten Menschen lesen konsumierend. Das sieht man schon daran, dass sie Belletristik lesen.

Auch aus Belletristik kann man lernen. 

Teilweise sogar mehr als aus Fachliteratur, wenn ein Roman das Leben genauer abbildet.

Bin ich froh, daß ich Frauen, auch junge, zuerst als Menschen sehe:


Eine sehr attraktive junge Frau mit dem Gütesiegel Mieze

... hört sich für mich an, als wenn du auch mit einem Sex-Roboter glücklich sein kannst.

Der könnte auch Nietzsches Werk komplett gelesen und verstanden haben.

Selbstverständlich auch das von Esther Vilar, und dir dann erklären, daß sie mit den Lesers gespielt und damit viel Geld verdient hat.

 Terminator meinte dazu am 12.01.22 um 22:45:
Bin ich froh, daß ich Frauen, auch junge, zuerst als Menschen sehe
Selbstverständlich auch das von Esther Vilar, und dir dann erklären, daß sie mit den Lesers gespielt und damit viel Geld verdient hat.
Bin ich froh, an einem konkreten Beispiel zu zeigen, dass Gutmenschen und Verschwörungstheoretiker eins und dasselbe sind.



Der Text ist schonungslose Selbstkritik, ehrliche Analyse. Besser, als wenn immer die anderen schuld sind. Um meine Fehler zu korrigieren, muss ich mich selbst verstehen. Z. B. dachte ich noch bis vor kurzem, ich könnte stolz auf meine Denkfähigkeit sein, doch das Tool dazu (introvertiertes Denken) besitze ich gar nicht. Natürlich könnte ich stattdessen sagen, Hegel (extravertiertes Denken wie bei mir) sei toll, und Kant (introvertiertes Denken) sei doof. Aber was nützt mir die Lüge? Lieber die bittere Wahrheit: die Gedankentiefe Kants kann ich nie erreichen. Die Einsicht ist der Anfang der Besserung: nimm dir an Besseren ein Beispiel, aber vergleiche dich nie mit anderen, sondern mit dir selbst früher und heute.

 Verlo antwortete darauf am 12.01.22 um 23:05:
Terminator, wir ging es um Gefühle zwischen Menschen.

Hegel und Kant – heute sind das Bücher.

 Terminator schrieb daraufhin am 12.01.22 um 23:20:
Dann geht es konkret um diese Stelle:

Esther Vilar sieht die sexuelle Geschlechterbeziehung als spielerischen Kampf. Das ist lunar, dionysisch, und mir fremd. Sex ist für mich ausschließlich als Konsumprodukt begreifbar.

Wer sieht das Zwischenmenschliche nun falsch, Esther Vilar oder ich? Ich denke, hier liegt der Fehler bei mir, weil ich mir keine sexuelle Beziehung, sondern nur sexuellen Konsum vorstellen kann. Dafür überkompensiere ich aber konsequent, und zwar mit Abstinenz. Ich hätte viele Frauen als Sexualobjekte behandeln können, in Beziehungen (denen ich aber aus dem Weg ging) oder im Bordell (wo ich nie Gast war). Stattdessen kennen mich alle Frauen, die mir im echten Leben begegnen, als einen Gentleman.


Hegel und Kant – heute sind das Bücher.
Für mich gehören sie zu den wichstigsten Gesprächspartnern. Ohne Menschen, die heute Bücher sind, hätte ich es mit denen, die heute Menschen sind, nicht so lange ausgehalten.

 Graeculus äußerte darauf am 12.01.22 um 23:27:
Für mich gehören sie zu den wichstigsten Gesprächspartnern. Ohne Menschen, die heute Bücher sind, hätte ich es mit denen, die heute Menschen sind, nicht so lange ausgehalten.
Stimmt. Schopenhauers Gedicht an Kant, das genau dies ausdrückt, kennt Verlo vermutlich nicht. Was Verlo schreibt, spiegelt nur sein eigenes Verhälntis zu Büchern.

 Terminator ergänzte dazu am 12.01.22 um 23:52:
An Kant

Ich sah Dir nach in Deinen blauen Himmel,
Im blauen Himmel dort verschwand Dein Flug.
Ich blieb allein zurück in dem Gewimmel,
Zum Troste mir Dein Wort, zum Trost Dein Buch. –

Da such' ich mir die Öde zu beleben
Durch Deiner Worte geisterfüllten Klang:
Sie sind mir alle fremd, die mich umgeben,
Die Welt ist öde und das Leben lang.
Jetzt kennt er es.

 Verlo meinte dazu am 12.01.22 um 23:58:
@ Graeculus


Schopenhauers Gedicht an Kant, das genau dies ausdrückt, kennt Verlo vermutlich nicht. 

Kannte.


Die Welt ist öde und das Leben lang.

So habe ich einmal gefühlt. Damals war ich sehr unglücklich.


Was Verlo schreibt, spiegelt nur sein eigenes Verhälntis zu Büchern.

Das sich verändert hat. 

Ich erinnere, wie ich Bücher aus dem Gedächtnis gelesen habe in bedrohlichen Situationen, um Halt zu finden. 

Bücher waren viele Jahre nicht nur meine besten, sondern auch meine einzigen Freunde. 

Ohne Bücher hätte ich nicht überlebt.  

Ich lese immer noch gern, aber mit einem alten (menschlichen) Freund zu sprechen, kann etwas geben, was man von einem Buch nicht bekommen kann.

Es geht nicht um entweder oder, sondern: ein Buch kann kein Mensch sein, ein Mensch kann kein Buch sein.

 Graeculus meinte dazu am 12.01.22 um 23:59:
Zum Troste mir Dein Wort, zum Trost Dein Buch.
Wer das nicht kennt, ist wirklich arm dran.


Oder dies, aus Ägypten und ca. 4000 Jahre alt:
Mit wem soll ich heute sprechen?
Die Angehörigen sind schlecht, die Freunde von heute
  kann man nicht lieben.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Habgierig sind die Herzen, ein jeder beraubt seinen Nächs-ten.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Der Milde ist zugrundegegangen,
  Gewalttätigkeit ergreift Besitz von jedermann.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Das Antlitz des Schlechten glänzt zufrieden,
  das Gute ist zu Boden geworfen überall.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Wer einen Mann wegen seiner schlechten Tat zur Rede stellt,
  bringt alle Bösewichter zum Lachen.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Man plündert. Jeder bestiehlt seinen Nächsten.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Der Verbrecher ist ein Vertrauensmann,
  der Bruder, mit dem man lebte, ist zum Feind geworden.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Man erinnert sich nicht an Gestern
  und vergilt (auch) nicht dem, der jetzt (Gutes) tut.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Die Angehörigen sind böse,
  man wendet sich zu Fremden, um Redlichkeit zu finden.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Die Herzen sind zugrunde gerichtet,
  jedermann wendet den Blick zu Boden vor seinen Angehöri-gen.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Die Herzen sind habgierig,
  man kann sich auf keines Menschen Herz (mehr) verlassen.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keine Gerechten,
  die Welt bleibt denen überlassen, die Unrecht tun.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Es mangelt an Vertrauten,
  man nimmt Zuflucht zum Unbekannten, um ihm zu klagen.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keinen Glücklichen,
  und jener, mit dem man (früher) ging, ist nicht mehr.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Ich bin mit Elend beladen, weil mir ein Vertrauter fehlt.
 
Mit wem soll ich heute sprechen?
Das Übel, welches die Welt schlägt - kein Ende hat es!
 
***
 
Der Tod steht heute vor mir
wie das Genesen eines Kranken,
wie wenn man ins Freie tritt nach einem Leiden.
 
Der Tod steht heute vor mir
wie der Duft von Weihrauch,
wie Sitzen unter dem Segel am Tag des Windes.
 
Der Tod steht heute vor mir
wie Duft der Lotosblüten,
wie Wohnen am Ufer der Trunkenheit.
 
Der Tod steht heute vor mir
wie das Aufhören des Regens,
wie die Heimkehr eines Mannes vom Feldzug nach Hause.
 
Der Tod steht heute vor mir
wie die Klarheit des Himmels,
wie wenn ein Mensch die Lösung eines Rätsels findet.
 
Der Tod steht heute vor mir
wie der Wunsch eines Menschen, sein Heim wiederzusehen,
nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbrachte.
 
***
 
Wahrlich, wer dort ist, ist ein lebendiger Gott,
der die Sünde bestraft an dem, der sie tut.
 
Wahrlich, wer dort ist, der steht im Sonnenschiff,
Erlesenes verteilt er daraus für die Tempel.
 
Wahrlich, wer dort ist, der ist ein Weiser,
der nicht gehindert werden kann,
zum Sonnengott zu gelangen, wenn er spricht.
Könnte man mit dem Verfasser dieser Zeilen eine Flasche Wein leeren, wäre das nicht schlecht - doch das geht nicht mehr.

 Terminator meinte dazu am 13.01.22 um 01:26:
Herrlich. Damals trocknete die Sahara aus, es gab eine Völkerwanderung nach Ägypten. Das Leben mit Mittleren Reich war dann härter als im Alten. Besonders die Übergangszeit war bestimmt von Untergangsstimmung und Nihilismus. Aus dieser Zeit stammt auch die erste überlieferte Anklage der "Jugend von heute".

 Graeculus (12.01.22, 23:25)
Man kann alles, Belletristik inklusive, konsumierend lesen oder im Hinblick auf das eigene Schreiben. Du schreibst keine Belletristik, deshalb liegt Dein Urteil nahe. Aber warum schreibst Du keine Belletristik? Warum kannst Du das, was Du denkst und empfindest, nicht in der Weise einer Handlung beschreioben?
(Eine persönliche Frage zu einem persönlichen Text.)

 Terminator meinte dazu am 12.01.22 um 23:50:
Ganz einfach: keine Zeit (bzw. andere Prioritäten). Ich denke mir seit meiner Kindheit fiktive Geschichten aus, ganze Romane, aber ich schreibe sie nicht nieder. Dafür fehlt mir die Geduld, zumal es Unmengen an Interessantem zu entdecken gibt, besonders heute, am Ende des faustisch-szientistischen Zeitalters.
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