Gründerzeit oder Wie die Erde vor Leidenschaft bebte

Tagebuch zum Thema Entwicklung(en)

von  Mondscheinsonate

Tatsächlich, es gibt Schutzengerln, manchmal möcht' man daran glauben, so küsste ich einen jungen Mann, ich war damals jünger, vergruben uns in den Vorsprung zwischen Hauseingang und Straße, wie es leidenschaftliches Küssen so will, wenn man eigentlich bereits weiß, dass man hineingehen möcht', aber sich noch a bisserl ziert, ja, früher war das Leben spannender, aufregender, vorallem spielerischer, eine weitere Paranthese wär', dass ich nimmer tauschen möcht', aber es war halt' so, auf jeden Fall, wir schmusten und plötzlich krachte es, dann war's wieder still, wir waren weiß von oben bis unten, staubig, nur Knopferln, scheinbar Augen leuchteten aus dem Weiß. 

So geschah es, dass er auf den Trümmerhaufen vor uns am Boden sah und laut "Scheiße!" rief, an der Sprechanlage drückte, eine Stimme sagte: "Ja, Bitte?" 

Das war die Mama. Die wurde geholt, denn, was war eigentlich geschehen? Warum kam die Feuerwehr? Warum war die ganze Gasse plötzlich voller Schaulustigen? Verdammt, sag schon!


Gleich, gleich, vorab ein paar Erklärungen. Das Haus ist, es war nicht, es ist noch da, aus der Gründerzeit. Definition aus der Amtszeitung (Wiener Zeitung online): Unter Gründerzeit-Zinshaus versteht der Wiener Gebäude, die vor 1919 erbaut und - großteils unbefristet - vermietet wurden. Viele sagen auch Altbau. Die Wiener Gründerzeithäuser befinden sich nahezu ausnahmslos in Privatbesitz. Wohlhabende Witwen, Bankiers, Spekulanten, Großbürger zogen ab 1840 ganze Viertel hoch - quer über die Stadt. 

Und, es gehört der Mutter des Jungen, den ich leidenschaftlich küsste. 

Als Beispiel:

Karins Eltern kauften 1967 zwei Wohnungen Am Graben, das war damals ein Nuttenviertel, bei Gott, nicht nobel (!) um eine Million Schilling, heute sind beide 14,5 Millionen Euro wert. So viel zu den Gründerzeithäusern, revitalisiert.


Dieses Haus war es nicht und so krachten zwei, liebevoll in Wien genannte, Augenbrauen herab, die Dekorleisten über den Fenstern.

Ein Nachbar sagte: "Wenn man sowas draufkriegt, ist man ziemlich tot." "Na ja," sagte ein anderer, "I kann mir an schlimmeren Tod vorstellen als schmusend." Ja, so sind sie die Wiener, statt zu bedauern, stänkern sie, verarschen, das gefällt. Ich bin im Erdboden versunken, schließlich ist einem als junges Mädchen schlichtweg alles peinlich im Leben. Uns sah eine Nachbarin und die frohe Kunde verbreitete sich zwischen den Anwesenden in 3,5 Sekunden. Das ist auch Wien. 

Die Mutter sagte: "Eini mit dir! Schnell!" (Übersetzung: Hinein) Damit meinte sie ihren Sohn, ich ging nachhause zu mir, wohnte gegenüber. Ein Besoffener gröhlte: "Romeo und Julia, Bahnhofstraß' n 104...!" (Song: Carl Peyer "Romeo und Julia") 

Nachdem mir das nicht mehr peinlich war, wurde mir bewusst, wieviel Glück wir hatten. 

Die Mutter hatte genug Rücklagen, das Haus wurde saniert, das kaputte Auto, das draufzahlen musste, zahlte die Versicherung und ich schmuse nicht mehr seitdem in Hauseingängen. Schon gar nicht bei Gründerzeithäusern. Man geht hinein, also, falls mal wieder geschmust wird. 


Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (14.01.22, 18:29)
Ja,
das Schicksall zeigt gern seinen eigenen, tiefschwarzen Humor:
Unlängst ist eine meiner Freundin auf dem Friedhof von einem umfallenden Grabstein schwer verletzt worden.
Die Jüngste ist sie eh nicht mehr ... :(

In Wien ist natürlich alles ganz anders, obwohl auf dem Zentralfriedhof sicherlich auch so allerlei umfallen wird - selbst Engerln .

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.01.22 um 19:26:
Der Qualtinger ist mal besoffen mit dem Heller auf den Friedhof und in ein leeres Grab gehüpft, das frisch ausgehoben wurde, meinte:"Jetzt tu ma mal schön probeliegen." Kurze Zeit später starb er. Makaber, das ist Wien- noch immer.

 DanceWith1Life antwortete darauf am 14.01.22 um 21:12:
a gä?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 14.01.22 um 21:15:
Falsch: Entweder A geh? Oder GÖ?- Na geh! Gibt's auch, das ist Bedauern.

Antwort geändert am 14.01.2022 um 21:15 Uhr

 DanceWith1Life äußerte darauf am 14.01.22 um 23:10:
abr des a geh, spricht mer doch wie gä oder, also lautschrift

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 14.01.22 um 23:12:
Wien zieht alles in die Länge...Also, A geeeee

 DanceWith1Life meinte dazu am 14.01.22 um 23:12:
also in der kscherteren variante, wie immer ma des schreibt..
stimmt, das laaaaanggzogne

müsste ich üben, lach, 

Antwort geändert am 14.01.2022 um 23:14 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.01.22 um 23:14:
G'scherd ist wieder was anderes, das spricht die Landbevölkerung. Lass es :D

 DanceWith1Life meinte dazu am 14.01.22 um 23:15:
überzeugt :alien:
                    8-)

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.01.22 um 23:16:
Schau dir Kommissar Rex an, alt, aber gut.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram