Das Museum der Unschuld - Orhan Pamuk

Gedanke zum Thema Buch/ Lesen

von  Mondscheinsonate

Bei derartiger Sprachgewalt muss ich mich erst sammeln, überlegen, wie ich dem Buch gerecht werden könnte.

So schrieb ich bereits zweimal, dass ich eigentlich nicht lesen dürfte und das mache ich auch nicht, sondern höre wieder, lasse mir vor dem Einschlafen die Geschichte erzählen, aber wer jetzt glaubt, man könnte schlafen, der irrt gewaltig. So drehe ich mir den Timer auf 60 Minuten und genau diese höre ich zu, man kann gar nicht anders und obwohl das Klischèe zuschlägt, Mann um die 30, er heißt Kemal, reicher Fabrikantensohn, trifft zufällig in einem Laden die bildhübsche (in dem Alter sind sie das alle) 18-jährige Füsun, er steht kurz vor der Verlobung mit Sibel, einer gebildeten, in Paris ausgebildeten Frau. Das Ganze spielt in der Türkei, genauer in Istanbul, in den Siebzigern, eine leidenschaftliche Affaire beginnt voller Obsession. Hier ein Punkt? Mitnichten. Ich habe selten so etwas erlebt, denn, lobend sei der Übersetzer Gerhard Meier zu erwähnen, das Buch ist so erzählt, dass man sogar mit dem Protagonisten Kemal mitatmet. 


Es wirft eine Beklemmung auf, besonders was die Stellung der Frauen angeht. Es ist bereits kein Problem, dass Frauen ins Ausland gehen, sich bilden, aber sonst wird noch nach alter Tradition gelebt, Sex vor der Ehe wird als gesellschaftliches Problem gehandhabt, allerdings dürfen Männer Frauen nachstellen, sie werden bereits als Kinder von "bösen Onkeln" begrabscht, es wird ihnen nachgestellt, sie verfolgt, um Sex gebettelt, jedoch zeigt sich eine Frau vor allen Leuten, dh. zeigt sie ihre Schönheit wie Füsun mit 16 bei einem Contest, so wird sie zur Ehrlosen und man dichtet ihr zahllose Affairen an. 

Es zeigt das Istanbul der siebziger Jahre, einerseits verbieten Zolleinschränkungen, westliche Waren einzuführen, andererseits eifert man dem Westen nach, Frauen wollen so aussehen wie Europäerinnen, sie färben sich die Haare blond und auf der Werbung prangt Inge, ein europäisches Fotomodell, die sogar importiert wird und herumgereicht, ihr Lächeln ist stets bezaubernd.


Auch wird der Tod, die Religion, Bräuche thematisiert, dazwischen wird miteinander geschlafen, aber der mechanische Vorgang gleicht Sonnenblumen im Wind.

Über Liebe wird reflektiert, dass man förmlich Parallelen spürt, beinahe tut es schon fast weh. Ja, man denkt mit Kemal mit. 

In dem Buch steht man mitten in Istanbul, sieht Verkehrsunfälle, Menschenmassen, Geschäfte mit Imitaten, reiche und arme Leute, Kluften, den Sonnenuntergang, die Unterschiede zur westlichen Welt und ein Museum, das der Unschuld, welches tatsächlich 2012 in Istanbul gegründet wurde. Der Erzähler Pamuk, der 2006 den Literatur-Nobelpreis erhielt, das zu Recht, meiner Ansicht nach, führt uns anhand der Dinge durch die Geschichte. 


Wir sind jetzt in 2022 und ich war noch nie in Istanbul, habe aber nur Gutes gehört, zumindest von den Standardtouristen, kann nichts über die Stadt sagen, aber, was ich schon behaupten kann, dadurch, dass ich es jahrelang am eigenen Leib spüren durfte, durch eine Dating-App, dass es noch immer so ist, dass Frauen, die den jungen Männern gefallen, wie Dreck angesprochen werden, es geht immer um Sex, keiner will reden, dies auch frei heraus, in meinem Fall, geschrieben wird. Die abfälligsten Kommentare fliegen durch den Äther. Das Bild der Frau ist für viele dasselbe geblieben. Auf der Straße sieht man junge Männer mit Frau und Kindern. Daher ist das Buch extrem beklemmend, die Geschichte ist 45 Jahre her.


Lobend sei auch die Sprache erwähnt, da sitzt wahrlich jedes Wort, die Dialoge sind so wie man sie führt, nicht gestelzt, dazwischengeschoben sind Empfindungen des Erzählers. Eine kleine Kritik wäre, dass vielleicht, trotz der ungeschönten und die Tiefe gehenden, schmerzlichen Wahrheit, wie es um Geschlechterrollen steht, die Frauenfiguren dennoch an der Oberfläche erzählt bleiben, nur äußerlich zu sehen sind. Jedoch, ich sehe es dem Autor nach, denn er beschreibt Kemals Gefühle und seine Sicht.

Ich bin, wirklich, begeistert.




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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (15.01.22, 10:10)
Ich lese lieber Dostojewski. Oder Thomas Bernhard.  :angry:

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.01.22 um 10:11:
Dann verpasst du etwas.

 Graeculus (15.01.22, 13:32)
Das ist eine gute Sache, die Terminator und Du da parallel betreiben, wobei - wie praktisch! - er sich die Sachbücher vornimmt, Du Dir die Belletristik. Das hilft mir, die knapper werdende Zeit sinnvoll einzuteilen.
Diesen Pamuk-Roman kenne ich noch nicht, aber was Du dazu schreibst, klingt ansprechend.

Im Gegenzug kann ich sein autobiographisches "Istanbul" empfehlen: voller faszinierender Gestalten, Zeiten und Orte.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 15.01.22 um 15:14:
Vielen Dank für den Tipp!

 mannemvorne (16.05.22, 21:05)
.

Hallo Mondscheinsonate,
ich habe mir die Hörbuchversion reingesogen.
Der Sprecher, Ulrich Noethen, (Grandios!) liest die Geschichte sehr intensiv und flüssig!
Das letzte Drittel fand ich etwas zäh, und den Unfall etwas unrealistisch in seiner Auswirkung,
wenn du mit knapp 100 km an einen Baum knallst, bleibt nicht mehr viel übrig.
Das soll es aber nicht schmälern, im Gegenteil - sehr unterhaltsam und empfehlenswert! 

Das Buch „Istanbul“ fand ich jetzt nicht so prickelnd, viel Geschichte, 
Historisches… is eher speziell, 
für Türkeiliebhaber/innen mit Interesse an türkischer Kultur,
mir eine Spur zuviel!

Sollte man vielleicht auch nicht direkt danach hören oder lesen, 
ist komplett anders!

Beste Grüße
mv



 _________________Gustav Guns N' Roses

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 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 16.05.22 um 21:12:
Ich freue mich sehr und bin geistig bei dir. Überhaupt die Hotelgeschichte dazu, die besoffene Geschichte, irgendwie langweilig, aber interessant war schon, dass es gar nicht um Liebe ging, sondern um eine reine Obsession. Und die war famos erzählt.
Und mir ging es gleich mit Istanbul!

Antwort geändert am 16.05.2022 um 21:13 Uhr

Antwort geändert am 16.05.2022 um 21:14 Uhr
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