Mein Vater

Tagebuch zum Thema Allzu Menschliches

von  Mondscheinsonate

So erwähne ich nie meinen Vater, nicht wahr, ich weiß, aber das Verhältnis ist zwar nicht schlecht, dennoch sind wir ein Leben lang schon geistig auf Distanz und ich denke, es wird mir schwer fallen, wirklich, über ihn zu schreiben.

Ich gestehe, es tut mir sehr weh, ihn in seinem Fernsehstuhl sitzen zu sehen, in dem er sich kaum noch herausbewegt. Er sagt, dass er Angst hat vor Corona, das ist aber eine Ausrede, er hat überhaupt Angst vor dem Sterben, aber ich verstehe es, er hat die letzten Jahre viele Schmerzen erleiden müssen und sieht mit seinen 74, bald 75, wie ein 90-jähriger aus. Das tut mir weh, sein "sich gehen lassen" und so gehe ich auf Distanz.


Meine Schwester ist sein siamesischer Zwilling. Beide sind gleich, reden dasselbe, sind wahrlich ein Gehirn. Man darf niemals etwas gegen ihn sagen, da wird sie wütend, aber man könnte viel sagen, zuviel.

Ich hatte nie einen guten Draht, obwohl ich ihn sehr liebe, es ist mein Papa, aber als ich ihn am meisten brauchte, da hatte ich keinen und ich erinnere mich, ich war 16, meine Mutter drehte wieder einmal durch, wütete besoffen, ging sogar mit einem Messer auf mich los, da rannte ich zur Telefonzelle, wir hatten kein eigenes Telefon, und rief ihn um 22 Uhr an, er war gerade neu verheiratet, schluchzte ins Telefon, er soll bitte kommen und mich holen, ich kann nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus, weinte bitterlich, da sagte er: "Du, ich hab jetzt eine neue Familie, das geht nicht."

Ja, das sitzt so tief, dass ich, während ich schreibe, wieder weine, das habe ich schon lange nicht gemacht, aber ich spüre die Verzweiflung des jungen Mädchens, möchte sie festhalten und sagen: "Es ist alles gut geworden!", aber das wusste sie damals noch nicht. 


Mein Vater erzählte mir letztens, dass er und seine zwei älteren Schwestern, die Kinder hatten alle andere Väter, und seine Mutter aus der Kellerwohnung rausgeschmissen wurden und ins Obdachlosenheim übersiedelten. Er schämte sich in der Grundschule. Erst zwei Jahre später bekamen sie die Wohnung im Gemeindebau, in dem auch ich aufwuchs.

Er kam auch nach Holland, wo man die Kinder aufpäppelte. Später hat er ein Leben lang bei der Zeitung gearbeitet.

Letztens sagte er, er findet das so unangenehm, dass ich Jura studiere, weil ich dann nicht mehr mit ihm reden werde, weil ich so gescheit bin. 

Auch bei meinem Abi, das ich erst mit 40 absolvierte, meinte er: "Schön, aber 20 Jahre zu spät."

Er ist in seiner Kindheit kaputt gemacht worden, wie so viele.


Mein Vater kann weder Liebe, noch Stolz zeigen. Zu meiner Nichte ist er liebevoll, als ob er seine Schandtaten wieder gut machen möchte. 


Ich kann nicht flüssig über meinen Vater schreiben, ich kann es einfach nicht, weil ich keinen Bezug zu ihm habe. Spüre nur Schmerz, wenn er sich in seiner Depression windet. 

Manchmal möchte ich ihn anschreien, ihm sagen, wenn ich mich so gehen hätte lassen, wär aus mir nichts geworden! Aber, ich schweige.


Meine Mutter hat meinem Vater das Herz rausgerissen und weil sie das tat, kann er mir nie in die Augen sehen. Wenn er es macht, dann sagt er: "Du bist wie deine Mutter."

Nein, bin ich nicht, aber ich sehe so aus. Das meint er und das erträgt er nicht.


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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (22.01.22, 23:00)
Wenn man als Kind in höchster Not den Vater um Hilfe bittet und dieser die Bitte abweist, ist das kaum zu heilen.
Auf der anderen Seite mag es seine eigene tiefere Problematik haben, wenn das Kind aussieht wie eine Person, die er haßt: die Ex-Frau bzw. Mutter. Dafür kann das Kind natürlich nichts, aber die Psyche ist ein Ort voller Stolpersteine.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 23.01.22 um 23:39:
Exakt.
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