Obwohl sie mich geliebt hat

Text

von  Verlo

Mein Vater verunglückte tödlich im Sommer 1959, als ich acht Wochen alt war.


Er hat nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause mit seinem Moped an einer Dorfkneipe gehalten, um einige Bier und Schnäpse zu trinken. Als er endlich zu Frau und Kind fahren wollte, wurde er von einem LKW erfaßt. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.


Damit mir so etwas nicht passieren, meiner Frau und meinem Kind solches Leid erspart bleiben wird, hat sich meine liebe Mutti sehr viel Mühe gegeben.


So habe ich nie die Eltern und Geschwister meines Vater kennengelernt. Selbst wenn meine liebe Mutti und ich mit dem Zug nach Leipzig in den Zoo gefahren sind, haben wir nicht Oma und Opa besucht, obwohl sie wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt wohnten.


Damit ich nicht so ein Musikus wie mein Vater werde – er hat mit Eltern und Geschwister bereits als Kind auf Jahrmärkten musiziert –, hat meine liebe Mutti mir beigebracht, ohne Musik zu leben.


Damit ich nicht so ein Rabauke wie mein Vater werde, hat meine liebe Mutti mir einen Puppenwagen gekauft und mir, kaum daß ich laufen konnte, gezeigt, wie man ein lieber Vati ist.


Damit ich nicht so ein Linkspatsch wie mein Vater werde und es einmal besser im Leben habe, durfte ich in der Schule mit der rechten Hand schreiben, obwohl ich ausgesprochener Linkshänder war, meine rechte Hand kaum nutzte.


Damit die anderen Rabauken in meiner Schul-Klasse sehen, daß ich nicht wie mein Vater werde, durfte ich als einzige Junge eine Mädchen-Lederhosen tragen.


Damit ich erkenne, wie schön es kleine Mädchen haben, hat meine liebe Mutti meinen lieben neuen Vati geheiratet als ich zehn Jahre alt war. Er hat sich auch große Mühe mit mir geben und versucht, mir eine kleine Muschi zu machen. Leider war ich schon zu alt, wie meine liebe Mutti feststellen mußte. Aber dafür hat sie ihm meinen Bruder geschenkt.


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Dreißig Jahre nach dem Tod meines Vater war ich an der Stelle, an der es passierte.


Sofort habe ich gesehen, daß nicht stimmte, was meine Mutter immer noch erzählte: zwischen Kneipe und Straße war Platz für zwei nebeneinander haltende LKW – um nach Hause zu fahren, mußte mein Vater nur recht um die Ecke fahren: einfach das an der Hauswand angelehnte Moped aufrichten, aufsitzen, einige Meter geradeaus und dann nach rechts. Wäre er so betrunken gewesen, um aus Versehen auf die Straße zu fahren, wäre er vorher umgefallen.


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Als ich das nächste Mal meine liebe Mutti besuchte, sagte ich: Ich war an der Stelle, an dem mein Vater verunglückt ist. Wie du es erzählst, kann es nicht gewesen sein.


Ja, sagte sie, einfach nur ja, ohne mich durch gespielte Entrüstung abzuhalten, wir haben uns gestritten, danach ist er zur Kneipe gefahren. Als er dann zur Arbeit wollte, hat ihn ein LKW erfaßt.


Worüber hab ihr gestritten? fragte ich.


Na ja, worüber man sich eben so streitet.


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Nie mehr hat sich meine liebe Mutti zum Sachverhalt geäußert. Auch nicht dazu, warum sie einen dummen jähzornigen Sadisten geheiratet hat, der Kinder mehr mag als Frauen.



Warum ich das jetzt erzähle? 


Ich denke immer wieder daran, wie nur ein Fakt eine lange Kette von Sachverhalten in einem anderen Licht erscheinen läßt: wäre ich nicht vor Ort gewesen, hätte ich nie erfahren, wie sehr meine liebe Mutti mich liebt gehabt hat.


Kommentare zu diesem Text


 percaperca (25.01.22, 10:13)
Ich hoffe, lieber Verlo, das sei kein autobiografischer Text, sondern eine Stilübung.

Als solche ist sie Dir gelungen - das, was einem als Kind widerfuhr, als Erwachsener mit "verstellter Stimme" öffentlich zu machen. Wohl jeder, der diese Zeilen liest, fühlt sich davon (und von den "lieben Eltern") zunächst angefasst. Ich auch.

Für den Fall, dass es doch auch eigene Erlebnisse sein sollten, die Du hier schilderst, wird's aus literarischer Sicht aber schwierig. Wie soll man einem Opfer, das hier die Hosen herunterlässt, Stil- und Syntaxvorschläge machen? Kann man ihm empfehlen, wie es seine Verletzungen grammatikalisch richtig herzeigen sollte und wie besser nicht?

Aus eigener Erfahrung kann ich Opfern nur raten, mit ihren leidvollen Erfahrungen literarisch nicht direkt an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern in einer dritten Form. Man kann auch einer solchen Figur Gefühle so intensiv zuschreiben, dass die Leser zutiefst betroffen und nachdenklich werden. Und vor allem - wenn plumpe, verständnislose oder gehässige Kommentare kommen, treffen sie nicht so direkt ins Fleisch. Denn was so gut wie immer kommen wird, ist der Vorwurf, man wolle sich mit einem "Betroffenheitsstückerl" (sic!) hervortun. 

Oft ist es so, dass man als Opfer ein zweites Mal unter die Räder kommt, wenn man zu offen ist, und beim Versuch der Aufarbeitung selbst erlittenen Missbrauchs feststellen muss, wie völlig frei von Empathie unsere Gesellschaft eigentlich wirklich ist. Hör Dir nur das Geschwätz des siechen Benedikt XVI und seines "Spielerberaters" Gänswein an. Ekelhaft!

lg

perca
 
Liebe Grüße

perca

Kommentar geändert am 25.01.2022 um 10:14 Uhr

 Verlo meinte dazu am 25.01.22 um 12:24:
Als Autor habe ich nicht wirklich eine Wahl: etwas klingt in mir, und ich schreibe so, daß innerer und äußerer Klang sich für mich nicht mehr unterscheiden.

Wichtig dabei ist für mich, ich zu sagen, nachdem ich mich Jahrzehnte verleugnet habe.

Wer, wenn nicht ich, soll denn ich sagen, wenn es mich betrifft?

 Saira (25.01.22, 10:26)
Eine Geschichte, die unter die Haut geht.

LG Saira

 Verlo antwortete darauf am 25.01.22 um 12:25:
Danke.

Vielleicht hast du meine Tränen gespürt, die ich beim Schreiben hatte.

 Graeculus (25.01.22, 11:41)
Ein Indiz kann einen wach machen. Aber hast Du bis dahin wirklich das alles geglaubt, was in der Rückschau erzählt geradezu zynisch klingt?

 Verlo schrieb daraufhin am 25.01.22 um 12:38:
Ich weiß nicht, was ich damals, als ich vor Ort war, geglaubt, erwartet habe.

Wie auch immer der Text klingt: so wollte er heute morgen geschrieben werden.

Allerdings in Bezug auf die zwei Texte, die ich vorher schrieb. Weil ich mich fragte, warum in bestimmten Dingen keinen Spaß verstehe, keine Toleranz habe.

Übrigens: meine Mutter war Lehrerin, eine sehr gute, von Kollegen und Schülern geschätze. Zudem eine sehr intelligente Frau.

Auf Arbeit hat sie sich für ihre Schüler eingesetzt. Zu Hause sie den Täter beschützt. 

Der inzwischen 82 Jahre alt ist, nicht eine Tablette nehmen muß, auch die dritte Corona-Impfung ohne Probleme überstanden hat und vermutlich meinen Bruder und mich überlebt.

Antwort geändert am 25.01.2022 um 17:03 Uhr

 diestelzie (25.01.22, 17:23)
Der Text katapultiert mich aus einer Traumwelt in eine knallharte Realität. Als Leser brauche ich sicher Zeit, um das zu verarbeiten. Ob das für das "Kind" je machbar sein wird, wage ich nicht zu beurteilen.

Liebe Grüße
Kerstin

 Verlo äußerte darauf am 25.01.22 um 19:25:
Manche Kinder bleiben Kinder und können es nicht verstehen, erinnern sich nicht einmal. Für sie bleiben Mutti und Vati die Besten. 

Andere erinnern sich und könnten vor Wut töten. 

Alle haben ein Recht auf ihre Gefühle.

 Dieter_Rotmund (26.01.22, 09:20)
Die Geschichte um die Unfall-Lüge ist weit besser als die Missbrauchsstory, das würde ich trennen. Ist sowieso "too much", wenn du authentisch wirken willst.

 Verlo ergänzte dazu am 26.01.22 um 10:46:
Danke, Dieter, das nächste Mal werde ich besser nachdenken, bevor ich etwas aufschreibe.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 27.01.22 um 09:53:
Sollten wir das nicht alle? (Mich selbst natürlich eingeschlossen)

 Dieter Wal (06.03.22, 16:07)
Ich wünsche Dir und Deinem Bruder, dass ihr den Tod des Sexualstraftäter-Stiefvaters mehr als überlebt und beide Resilienz erfahrt.

Leider sind solches verbergende Mütter auffallend häufig, was ihre diesbezüglichen Verbrechen keinesfalls rechtfertigt.

Respekt, dass Du hier offen darüber schreibst.

 Verlo meinte dazu am 06.03.22 um 19:05:
Dieter, danke, für deinen Kommentar.

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Deine Frage

Traumatherapie gemacht?

kann ich auch öffentlich beantworten.


Nein, ich habe keine Trauma-Therapie gemacht. Mein Bruder auch nicht.

Bis vor einigen Monaten wußte ich noch nicht einmal, daß viele meiner Probleme auf traumatische Erlebnisse zurückgehen. 

Also das Konzept, wie Traumata entstehen und was man machen kann, um sie zu entschärfen, habe ich erst vor einige Zeit (ich war bereits über 60) erfahren.

Ist aber nicht schlimm, weil ich auf "natürliche" Weise versucht habe, meine seelischen Wunden zu heilen.

Antwort geändert am 06.03.2022 um 19:15 Uhr

 Agnete meinte dazu am 06.03.22 um 19:16:
eine Geschichte, die bitter ist, die berührt und die zeigt, wie schwer es Menschen mit sich haben. Vielleicht zu schwer um sich auch noch wirklich gut um ihre Kinder kümmern zu können. Petrarcas Rat jedoch schließe ich mich gerne an. LG von Agnete

 Verlo meinte dazu am 06.03.22 um 20:00:
Agnete:

... wie schwer es Menschen mit sich haben. Vielleicht zu schwer um sich auch noch wirklich gut um ihre Kinder kümmern zu können. 

Meine Mutter kannst du damit nicht meinen: sie hätte lediglich die Energie, mit der sie den Täter mehrmals geschützt hat, verwenden können, um ihrer Kinder zu schützen.

Außerdem: so lange man lebt, ist es nie zu spät, Verantwortung zu übernehmen, das Gespräch zu suchen und zuzuhören.
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