Ich-Betrachtung ( 1 )

Erzählung

von  klausKuckuck


Ein frühlingswarmer Freitagabend kündigt sich an. Motten flattern gegen Schaufensterscheiben, Liebespaare bummeln, Autofahrer hupen. Der Bürgermeister von Himmelsrode hat sich mit Thekla Schmidt-Töff, der Kulturamtsleiterin der Stadt, in ein Hinterzimmer zurückgezogen. Dort feilen sie gemeinsam an der Rede zur Eröffnung der Ausstellung Ich-betrachtung.


Mit Anbruch der Dämmerung macht sich Serafine auf den Weg zur städtischen Kunstgalerie.


Die Himmelsroder Rundschau hatte auf der Titelseite ihrer Freitagsausgabe einen Bericht über die Künstlerin Bibi de Boo veröffentlicht. Darin war die Rede von De Boos überregionaler Bedeutung, man sah sie in der Nähe großer Namen der Moderne, freilich verwies man auch auf irritierende Eigenwilligkeiten: So habe De Boo es der Presse verwehrt, vor Eröffnung der aktuellen Ausstellung einen Blick auf ihre Arbeiten zu werfen. Man könne den Lesern also keinen Hinweis darauf geben, was da zu erwarten sei. So viel aber doch: Wie bei einer Vernissage üblich, rechne man auch heute mit einer exzentrisch gekleideten Besucherschaft, denn das sei Himmelsroder Tradition und werde mittlerweile sogar von Berlin kopiert.

All das hatte Serafine Moll, Buchhalterin bei Schlackmeiers Tütengroßhandel, während ihrer Morgenlektüre im Büro begierig aufgenommen, ja, es versetzte sie in eine geradezu rauschhafte Aufregung. Und sie fasste einen Entschluss: Vom Vorbild lernen! – das sollte von nun an ihr Leitspruch sein. So schrieb sie es nach Feierabend dann auch mit dem neu gekauften Lippenstift auf den Garderobenspiegel im Flur: Vom Vorbild lernen, wo immer sich Gelegenheit bietet! Sie würde zu Bibis Ausstellung gehen! Würde einen Blick werfen in die schillernde Welt der schönen Künste, der sie sich bisher verweigert hatte! Kunst – das war für Serafine etwas Fremdes, dem sie sich nicht gewachsen fühlte. Etwas für Leute, die bemerkt wurden. Sie, die namenlose Buchhalterin, sah allenfalls in ihrem Säulenkaktus einen Hauch von schillernder Schönheit aufscheinen, wenn er sie in der Morgensonne anblitzte. Aber Kunst? Über ihrem Wohnzimmersofa hing ein Bild – Türkisvase mit Mohn – von einem Franzosen, Odilon Redon, eine Wiesenblumenstimmung, die Serafine in einem Anflug von Wehmut bei einem Kunstblattversand gekauft hatte, weil der Name des Malers Erinnerungen weckte an ihren Jugendfreund Odin, Kosename Odinle, der nach einer kurzen Affäre mit ihr vom Nesselfieber befallen wurde und zur Regeneration der Haut bei Freya, einer Apothekerin, ein neues Glück zu suchen begann. Die Türkisvase füllte seither die Tapetenleere über dem Sofa aus, und so war sie ihrer Bestimmung zugeführt. An Kunst hatte Serafine dabei nicht gedacht.


Von der städtischen Galerie kamen die rollenden Bässe eines Boogie-Woogie-Pianos herübergewummert. Serafine hielt sich für einen Moment die Ohren zu. Entschied dann aber, das Gewummer als Kunst einzuordnen und nahm die Hände herunter. Irgendwann verlor sich der Lärm in den Geräuschen des Abends.

Ein paar Schritte vom Galerieeingang entfernt blieb Serafine hinter einer Plakatsäule stehen: Sie wollte nicht gesehen werden. Nicht auffallen. Wollte warten.

Die ersten Besucher zeigten sich.

«Ob die Künstlerin schon da ist?» fragte im Vorbeigehen ein Kahlkopf eine Blauhaarige.

Einige Besucher kamen gekleidet wie für einen Kostümball, so empfand es Serafine. Ein langer Dünner trabte an ihr vorbei in einer goldschwarz karierten Schottenkluft. Ein Damenduo – Serafine guckte zweimal hin – präsentierte sich nackt in noppenbespickte Klarsichtfolie eingeschlagen. Und Serafine fragte sich, ob sie in ihrem schlichten Trenchcoat unter all dem Extravaganten womöglich erst recht auffallen könnte.

Endlich dann, im chromfunkelnden Oldtimer mit offenem Verdeck, fand sich auch Bibi de Boo ein. In Begleitung eines Braungebrannten. Der, so schien es, nicht aussteigen wollte und von Bibi am Ohrläppchen vom Beifahrersitz gezogen wurde.

Serafine war überwältigt von Bibis Auftritt: Sie trug ein krokodilgrün geschupptes Lederkleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte, und sie ging barfuß. Der Braungebrannte – wie war das einzuschätzen? – der kam als eine Art Kino-Indianer: Feder am Hinterkopf, wehendes Hemd, rotlederne Schnürsandalen bis zu den Knien hoch. Serafine ertappte sich bei einem Grinsen.

Der Abendwind fächelte einen kurzen Wortwechsel zu ihr herüber.

«Zügig, Winnetou! Wir sollten die Leute nicht warten lassen!»

«Verdammtnochmal, ich will nicht!»

«Was willst du nicht?»

«Wie seh ich denn aus!»

«Zum Anknabbern!»

«Du machst mich zum Clown! Warum?»

«Winnetou, mein Häuptling, du tust, was ich dir sage. Du möchtest doch, dass ich dich am Leben lasse, oder? Also wirst du gehorchen!»

«Was … was machen wir überhaupt da drin? Irgendwas mit Kunst?»

«Ich mache! Du spielst Kundschaft!»

«Bodyguard kann ich besser!»

«Ist vergeben! Los, komm!»

Der Braungebrannte spuckte einen Kaugummi aus. Dann schloss sich hinter ihnen die Eingangstür zur Galerie.

Wenige Augenblicke später ließ sich Serafine mit dem Strom der Leute in den Ausstellungsraum treiben.

Hinter der Eingangstür hatte sich der Braungebrannte postiert. Guckte einer vorbeidrängenden Tattooschönheit auf die einladend angehobenen Brüste.

Der Ausstellungsraum war in flirrendes Licht getaucht. Man begrüßte sich. Schlenderte. Griff zu den Sektkelchen, die von lautlos schwebenden Wesen gereicht wurden. Man trug Kennerschaft auf der Stirn.

Rundum waren Staffeleien aufgestellt. Mit pinkfarbenen Tüchern zugehängte Staffeleien. Serafine dachte an die Zeitungsmeldung: Bibi liebte offenbar die Geheimnistuerei, wie aufregend! Hier und da wurde versucht, einen Blick hinter eines der Tücher zu werfen, doch sofort stoppte dann eine automatisch abspulende Stimme das Vorhaben: «Finger weg!» mahnte die Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. Das löste bei Ertappten und Umstehenden nervöse Heiterkeit aus.

Jemand klopfte an ein Glas.


Fortsetzung folgt …



Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (26.01.22, 06:28)
Hallo Klaus,
zunächst sticht mir wieder deine ThomasManneske, allerherrlichste Namensgebung ins Auge.
"Schlackmeiers Tütengroßhandel", beispielsweise, überzeugt durch Wohlklang und inhaltlichen Bezug. <3 

Du siehst mich auf eine Fortsetzung lauern: Die Wege der Kunst sind allemal betrachtenswert.
Finchen hat das ebenso klar erkannt wie ich!

Herzliche Grüße
der8.

 klausKuckuck meinte dazu am 26.01.22 um 20:22:
Ich danke und verweise voller Unruhe auf zwei weitere Folgen.
Gruß Thomas Ma … Tschuldigung, Klaus.

 Lluviagata (26.01.22, 07:59)
Guten Morgen, Klaus!

Recht herzlichen Dank für den Specht, den ich jetzt im Kopf habe: Bibi de Boo, Bibi de Boo, Bibi de Boo ...

Ich lauere ebenfalls!

Liebe Grüße
Llu ♥

 klausKuckuck antwortete darauf am 26.01.22 um 20:25:
Llu, meine Gute, ich lauere schon länger auf ein Gedicht von dir! Schön, dass auch du lauerst …  :P

 eiskimo (26.01.22, 09:16)
Klasse beobachtet und schön vorgeführt, die eitle Kunst-Schickeria! Du kennst Dich aus.
Für mich muss da jetzt gar keine " Enthüllung"  mehr kommen, Die war schon.
LG
Eiskimo

 klausKuckuck schrieb daraufhin am 26.01.22 um 20:29:
Bitte um Vergebung, Eiskimo, eine Enthüllung kommt da aber noch. Ich hoffe, du bleibst dran! 
Danke und Gruß
Klaus
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