Es ist nicht alles Gold, das glänzt

Tagebuch zum Thema Betrachtung

von  Mondscheinsonate

Orhan Pamuk schrieb in "Istanbul", ich zitiere wörtlich: "Wir gewöhnen uns daran, alles Erlebte, selbst die höchsten Genüsse, danach zu bewerten, wie andere es sehen. So wird im späteren Leben oft das, was andere tun, lassen und denken uns nicht nur zum eigenen Gedankengut, sondern auch zu einer Erinnerung, die uns wichtiger ist als das Erlebte selbst."


Nun, wenn ich meine, dass meine Kindheit, trotz widriger Umstände schön war, dann empfinde ich das auch tatsächlich so, schlussendlich gab es Menschen, sogar unendlich viele, die sich ununterbrochen um mich gekümmert haben, wo ich unendlich dankbar bin. 

Jedoch, ich will nichts verklären, was nicht zu verklären ist, denn eine Suchterkrankung tyrannisiert das ganze Umfeld, vorallem und in erster Linie auch die nahen Angehörigen. 

Interessanterweise, dieser Widerspruch, einerseits schön, andererseits entsetzlich, machte mich zu dem, was ich heute bin, nämlich äußerst sensibel und verletzlich, äußerlich wirke ich stark, was ein Schwachsinn ist. 

Aber, den äußeren Schein bewahren, das ist die größte Meisterleistung meiner Familie gewesen, immer schon. Zuhause lief meine Großmutter im geblümten Kittl herum, im Hauskleid, und rosa Plüschpantoffeln, wohlgemerkt immer, sie hatte eine ganze Kollektion an Plüschpantoffeln in der Holzhütte, die im Vorgarten stand, und sonntags, zum Kirchgang, behängte sie sich mit Gold und Juwelen, zog den feinsten Stoff an und legte sich Pelze um, von der Stola bis zum Kragen, alles, was die 50er zu bieten hatten, dabei war es egal, ob bereits die 80er oder 90er waren. 

Ich kann mich nicht erinnern, dass sie ihren Richard, meinen Großvater, jemals eines Blickes gewürdigt hatte, stets schritt sie vor ihm voran. Allerdings arbeitete sie ihr Leben lang für ihn, mir scheint, aus Pflichtgefühl, weniger aus Liebe, aber, was weiß ich schon, ich war sehr jung.

Das weiß ich schon, dass das Wort "Liebe" in meiner Familie weder gezeigt, noch gelebt wurde. Vielleicht sogar gar nicht existierte. So bildete ich mir auch 16 Jahre lang Liebe ein, die ich aber gar nicht spürte, nicht intensiv, gar nicht mächtig und erst als ich wirklich liebte, so richtig, wurde sie zur zerstörenden Kraft, die ich nach dem Überstehen sogar fürchte. 

Die eine kaputte Generation gibt das Kaputte an die nächste weiter. 


Mein Großvater stammt aus einer Hutmacherinfamilie, der Vater, ich habe keine Ahnung, von dem wurde nie gesprochen, es hieß früher "Modistin", die Mutter ernährte fünf Kinder, wovon ein Sohn starb und drei Schwestern und er, der Hauptact meines Lebens, übrig blieben, der wurde in der Grundschule schwerkrank, bekam Tuberkulose und musste ein Jahr aussetzen, fiel durch, repetierte, wie der Großvater zu sagen pflegte, da schreiben wir das Jahr 1923, er wurde 1916 geboren, sieben Monate bevor der alte Kaiser starb, es gab nichts zu essen, kaum Arbeit und die Armut kroch den Menschen in die Knochen. 

Dennoch sparte sich die Mutter das Studiumsgeld für ihn ab, auch für die Grete, meine Großtante, seine Schwester, die auch Ambitionen zeigte, dass aus ihr etwas werden könnte, die anderen zwei Schwestern lehrte sie bei sich an. Ich frage mich, wieviele Hüte sie wohl verkaufte, wenngleich, es kamen die goldenen 20er, der Hut gehörte dazu und der Mann trug sowieso immer einen, der etwas auf sich hielt. 

Aber, von Liebe sprach der Großvater nie, dennoch spürte man Bewunderung und Dank. Diese Nicht-Liebe wurde übertragen und diese widerum an meine Mutter und da hüpfte die, mittlerweile zur Kälte erstarrten, Nicht-Liebe auf uns, meine Schwester und mich, aber wir begannen die Kette zu durchbrechen, suchten bereits nach dem Gefühl, fanden sie in Liebeleien, die aber unbefriedigend wirkten. Ja, eben, bis zur großen Liebe, die einem Eisenbahnunglück glich, auch nur eine Schrapnelle in der Sonne war und wenig mit Gold zu tun hatte und nun in den Familienzustand zurückkehrte. Alles muss seine Ordnung haben. Wichtig ist Fleiß, Soldat! STLLGESTANDEN!


Um den Bogen zu schließen, ich verkläre viel, wenn Papa meint, dieser oder jener Ausflug war schön, dann sage ich: "Ja, der war schön!" Natürlich empfinde ich in dem Moment seine Emotionen, aber die Wahrheit sah anders aus, die Eltern soffen im Gasthaus und dann stritten sie, Türen flogen und sie kam, wie so oft, tagelang nicht nachhause, aber ja, er war schön, sicherlich.


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Kommentare zu diesem Text


 Lluviagata (31.01.22, 07:10)
Das weiß ich schon, dass das Wort "Liebe" in meiner Familie weder gezeigt, noch gelebt wurde. Vielleicht sogar gar nicht existierte. So bildete ich mir auch 16 Jahre lang Liebe ein, die ich aber gar nicht spürte, nicht intensiv, gar nicht mächtig und erst als ich wirklich liebte, so richtig, wurde sie zur zerstörenden Kraft, die ich nach dem Überstehen sogar fürchte.
Wie ich dieses Phänomen kenne! Ich glaube, dass auch noch diese Generation Eltern, Großeltern einfach so sein musste, weil es der "Anstand" gebot. Wehe, die Leute hatten etwas zu reden!

Ich liebe Deine Geschichten, liebe Mondscheinsonate! Auch wenn ich es nicht immer sage! ♥

Liebe Grüße
Llu ♥

 Mondscheinsonate meinte dazu am 31.01.22 um 07:18:
Du bist entzückend! Dankeschön!

Ich glaube auch, dass die Umstände einfach andere waren. Uns geht es schließlich gut. Meine Urgroßmutter hat Kriege erlebt, mein Großvater die Nachkriegszeit und einen Krieg, dann überträgt sich das "stark sein", bloß keine Emotionen zeigen. Das ist schlimm. 

Liebe Grüße!
Cori

 Lluviagata antwortete darauf am 31.01.22 um 07:22:
Weißt du, es ist auch wichtig, dass wir und andere hier und anderswo davon erzählen - denn irgendwann sind auch wir als Zeitzeugen "weg vom Fenster". ♥

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 31.01.22 um 12:04:
Stimmt.
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