Zuhause

Tagebuch zum Thema Allzu Menschliches

von  Mondscheinsonate

Das Viertel, in dem ich wohnte, war ursprünglich das Textilviertel und das Wort "Textil" gehörte den Juden in Wien, somit war es das Judenviertel, indem leider auch 2020 das schreckliche Attentat geschah, was aber irgendwie, so schien es, nichts mit Juden zu tun hatte, sondern damit, dass neben der Synagoge eine Fortgehmeile ist und bei lauem Wetter und einen Abend vor dem zweiten Lockdown oder war es schon der dritte, ich habe den Überblick verloren, nein, mir scheint, es war der zweite, was wollte ich schreiben, ach ja, also es war ein Anschlag auf die Fortgeher, nicht auf eine Religionsgemeinschaft. Aber, dort war das, dort, wo ich wohnte, aufwuchs, mein Grätzel. 

Aber, es war nicht nur ein Textilviertel, sondern auch ein Künstlerviertel, das ist es heute noch. Dort wohnen und wohnten ein Schenk, eine Gusti Wolf, eine Thurnherr, ein Serafin und viele österreichische Prominente der Kulturlandschaft. Der Anblick dieser war normal, man sah sie privat, manche beim Einkaufen, andere mit Kindern als ganz normale Familie und abends wurden sie von einem großem Publikum bejubelt. 

Nun, damals, das ist nun 32 Jahre her, gehörte ein ganzes Eck und darüber hinaus, der Frau Silberbauer, die hatte Textilgeschäfte. Als ich sie kennenlernte, da war sie bereits sehr alt und saß immer, Sommer wie Winter im Park mit ihrer Mischlingshündin, die hatte ein Hüftproblem und Fettansatz, wackelte statt ging, die Frau Silberbauer war dünn, fast hager. So saß sie gleich am Eingang vom Park, um alles überblicken zu können und etwaige Freundinnen mit Hund in Empfang nehmen zu können. 


Was sie schon tat, das war Taubenfüttern und so setzte ich mich manchmal zu ihr, während mein Setter seine Runden lief, und hörte ihren alten Geschichten zu. Ich mochte alte Damen immer schon gerne, so saßen sie alle in Höfen oder Parks und hatten die besten Geschichten von mir fremden Zeiten, sparten Kriege aus, erzählten Schmankerln, lustige Anekdoten und ich hörte stundenlang zu.

So auch die Frau Silberbauer, während sie Semmerln, echte Kaisersemmerln, also große Brötchen, in kleinste Stückchen riss und der Taubenschar zu ihren Füßen zuwarf. Alles war angeschissen, das sagten die Leute. 


Eines schönen Sonnentages donnerte eine sonore Stimme über den Platz, sie kam von oben: "Frau Silberbauer, es reicht! Alles ist angeschissen! Ich rufe jetzt die Polizei!" Nun, es war der Schenk und sie rief hinauf, drehte sich nicht einmal ordentlich um: "Werter Herr, rufen Sie ruhig die Polizei! Ich spende jedes Jahr 50.000 Schilling an diese, die können sich dann bedanken kommen!"

Ich dachte damals ich falle von der Bank vor Lachen, das Fenster knallte zu, es kam keine Polizei. 

Sie sagte: "Alter Trottel!"

Sie war älter.

"Frau Silberbauer, Sie haben den Schenk verärgert!", zischte ich leise.

"Na und, Mädl! Der scheißt genauso wie wir oder - sie zeigte auf die Tauben - diese Viecherln hier!" 


Ja, so war das, Friede war nicht immer und überhaupt schien die Zeit dort stehengeblieben zu sein, außer abends, durch die Lokale kamen die Fremden, damit sind die gemeint, die dort nicht wohnten, aber selbst die wurden magisch angezogen und kamen immer wieder, wurden integriert ins Viertel.

Ja, es gibt touristisch schönere Plätze, aber wir waren eine riesengroße Familie, wo drei Gemeindebauten waren und der Rest bürgerliches Eigentum war und egal, ob jemand kein Geld hatte, berühmt war oder sonstiges, wir waren eine Grätzelfamilie. 

Und ja, es tat weh, als Frau Silberbauer nicht mehr auf der Bank saß und die Tauben fütterte. Mit ihr starb die Seele des Grätzels. Die Erben verkauften ihre Geschäfte. Von Textil ist kaum noch etwas da. 


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Kommentare zu diesem Text


 minze (06.02.22, 08:55)
Der zweitletzte Abschnitt ist mir nicht so verständlich (die Familie lebt in verschiedenen Bauten?) - allerdings bräuchte ich für den Schwung der Erzählung auch nicht die letzten drei Abschnitte, sie mir zu deklarieren, - weiß ja, dass das dir (glaub) wichtig. Ich finde es dichter, wenn es ohne die letzten beiden Abschnitte auskäme zb.
Sehr lebendig, find ich, erzählt und ein sehr subjekitver, authentischer Blick auf dieses Viertel.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 06.02.22 um 09:02:
Liebe Minze, Danke. Nun, das Wort Grätzelfamilie erklärt den Abschnitt, dachte ich zumindest. Damit sei erklärt, dass arm und reich, in Sozialbauten war es auch gemischt, keine Rolle spielte, denn wir waren in dem Viertel, eine Familie. Jeder kannte jeden. Als Frau Silberbauer starb, veränderte es sich, es stand einiges ziemlich leer, der Textileinzelhandel rendierte sich nicht mehr, da große Ketten die Stadt überschwemmte und das Flair stahl, so auch in unserem Viertel, von Textil ist keine Rede mehr, nur noch Fressmeile oder Lokalüberschwemmung. Es wird nicht geachtet auf Charme, nur auf Profit.

 minze antwortete darauf am 06.02.22 um 09:16:
Ahhh okay. Jetzt verstehe ich.
Ich überlege gerade, ob du das nicht als extra Abschnitt, sondern direkt angehängt ans "integriert" hängen kannst.

Ich dachte irgendwie, du schreibst dann bei "Grätzelfamilie" nur von deiner, jetzt ist mir der Zusammenhang klarer, dass es der Blick auf die ganze Gemeinschaft ist. Okay.


Ich denke, wie schon häufiger bei dir kommentiert, dass das, was aus der Erzählung herauskommt: die Seele und Bedeutung der Frau, für sich wirkt.
Wen du schließt mit ihrem Tod und dass sie nicht mehr auf der Bank sitzt ist es für mich ein viel stärker wirkendes Sinnbild (dass sie die Seele des Viertels ist), als dass dann noch in den letzten drei Sätzen zu "behaupten".

Szene und Dialog toll gemacht, mir gefällt, wie du das machst, dass du zwar als Protagonistin Teil der Szene bist, vordringlich aber beobachtend, empfindend, erzählend.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 06.02.22 um 09:48:
Du bist ein Schatz. So plaudere ich eher, als dass ich erzähle, vielleicht, weil es mir die Menschen wieder näher bringt.

 minze äußerte darauf am 06.02.22 um 13:08:
Ja, den Ton meine ich evtl. (Aus dieser Vergangenheit)

 franky (06.02.22, 15:46)
Liebe Mondscheinsonate, Du bist mein haushoher Favorit in diesem Forum.
Die Erzählung berührt mich, kann Deine Sprache gut verstehen,
entlockt mir manchen Schmunzler.
War ein Vergnügen sie zu lesen.
 
Liebe Grüße nach Wien von Franky

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 06.02.22 um 16:14:
Dankeschön!!!

 Fritz63 (06.02.22, 17:25)
Eine sehr gut gelungen Erzählung über die temporären Veränderungen eines Wohnviertels in einer bürgerlichen Wohngegend von Wien. Mit sehr gelungenen plastischen Hinweisen auf Ereignisse die jeden ansprechen und auch berühren und überall in den Städten passieren können, wo man zu Hause ist und sich auskennt, wie es früher einmal war, und heute ist. 
Vielen Dank so etwas zu lesen macht mir Spaß und Freude - darum sage ich servus und tschüss für heute :D

 Mondscheinsonate meinte dazu am 06.02.22 um 17:29:
Superliebes Kommentar!

 AchterZwerg (06.02.22, 19:28)
Gern schließe ich mich den Hymnen an: eine sehr gelungene Plauderei über dein heimatliches Viertel.
Jetzt weiß ich, was ich ich will: Nach Wiehihien!

D a s  wär doch mal was für ein Forentreffen ... <3

Liebe Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 06.02.22 um 19:32:
Herzlich Willkommen.

 Pearl (08.02.22, 18:06)
Ich hätte mir nie gedacht, dass der Schenk so ein Grantler ist :) Wunderbar, dein "Schmankerl"... das macht dein Erzählen so besonders, finde ich. Und gut, dass du der wunderbaren Frau Silberbauer so eine gute Zuhörerin warst. Du hast hier ihr, deinem Viertel und einem Wien, das ich so nicht mehr kennenlernen durfte, ein tolles Stück Literatur gewidmet <3

Kommentar geändert am 08.02.2022 um 18:07 Uhr

 Ralf_Renkking meinte dazu am 08.02.22 um 18:17:
Für mich, als Nichtösterreicher, ihr sprecht über Otto Schenk, oder?

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.02.22 um 18:17:
Na, beim Taubenfüttern auf jeden Fall, das mochte er nicht. :D
Dankeschön!
Ja, Frank.

Antwort geändert am 08.02.2022 um 18:17 Uhr

 Ralf_Renkking meinte dazu am 08.02.22 um 18:35:
Grätzelfamilie, solch einen Zusammenhalt in Deutschland könnte ich mir höchstenfalls bei den Bayern vorstellen, hier in NRW meiden sich die Leute schon im Haus. 🤔

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.02.22 um 18:46:
Überall schon. :(
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