Originale

Gedanke zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

Eines sei nachgeschoben, es muss sein, außerdem habe ich noch kurz Zeit, bevor ich ins Jüdische Museum gehe, was es nicht mehr gibt, dies als Nachtrag zu meinem Text "Zuhause", das sind Originale, die starben nach und nach aus, aber das ist ein Problem, das es in jeder Stadt gibt, international nachvollziehbar. So folgte ich dem Tipp und höre abends "Istanbul" von Pamuk und er beschreibt auch schön die Vierteln mit seinen Bewohnern, bei mir war es eben ein Grätzel, ostösterreichisches Wort, aber das "fremdeln" tötet es, ja, das Wort, es stirbt aus.

Heutzutage verschmelzen die Menschen zu einem Einheitsbrei, jeder will gleich aussehen, bloß keine Mimik zeigen, schnell die Botoxspritze im Jugendwahn holen, diese Pest hat auch die Männer ereilt und die Geschichten gehen durch den Einheitsbrei verloren.


So erzählte mir meine Stiefmutti, dass sie in der Vorstadt aufwuchs und dort gab es die "Brunzeltant'", die sich über ein Kanalgitter stellte und "hineinwischelte", sprich: Sie urinierte im Stehen in den Kanal. Während sie das tat, plauderte sie weiter mit der Nachbarin.


Aber, auch bei mir saßen sie aufgereiht im Hof und jedesmal, wenn eine von ihnen auf die Toilette musste, brachte sie am Rückweg irgendwas mit, sei es Kuchen oder Knabberzeug. Natürlich bekam ich auch stets ein Eis und es gab immer etwas zu erzählen und jeder kannte jeden.

Und, wenn die Frau Boresch im Aufzug fuhr, ging ich dann zu Fuß, weil sie derart brunzelte, das Wort braucht man nicht übersetzen.

Und dann stieg sie ächzend auf der Beifahrerseite in ihr dreirädriges blaues Auto, so dick war sie, dass das ganze Auto wackelte, während ihr dünner Mann immer schwieg. Diese Frau sah ich nie ohne Hauskittl, natürlich geblümt. 

Auf der anderen Seite wohnten die Bleichers, die waren alle bleich, hießen wirklich so, käseweiß im Gesicht. Der Sohn ging mit mir in die Grundschule, verstarb leider vor 15 Jahren. 

Der Herr Novak, der immer vor seiner Trafik, dem Tabakladen, stand und rauchte, verstarb an Lungenkrebs. Der verkaufte immer die Pornohefte an die Männer in der Umgebung, die er unter dem Ladentisch versteckt hielt, erzählte es dann jedem, der es nicht hören wollte.

So ist es, mit dem Verlust ihrer Namen, haben die Leute ihren Zusammenhalt verloren oder kennt ihr alle eure Nachbarn, auch die, die in Nachbarhäusern wohnen? Wohl nicht, das war früher anders. Und so erstreckte sich das Viertel über ganze Straßenzüge, überall kannte man sich.

Das gibt es nicht mehr. Mit dem Sterben der Alten kam das Fremde.


Die Helga war Hausmeisterin in der Marc-Aurel-Straße 5, die hatte eine Dogge, den Bronko, der war fast größer als sie selbst und als er starb, da nahm sie sich die Peggy, die war ganz klein, aber schwer entzückend und dadurch, dass fast jeder einen Hund in der Innenstadt besaß, kannte man sich sowieso.

Erst vor ein paar Jahren stand ich am Krankenbett eines berühmten Ballettchoreografen, es war mein Job dort zu stehen, und plauderte mit ihm über seine Gordonsetter, das waren die Freunde meines Hundes, er war auch mein Nachbar. Das war schön. Man kannte sich einfach, hatte keine Berührungsängste, egal, wer das war und was er machte. 

Und so war das damals, da gehörte eine Frau Anders genauso zur Hörbiger wie die Gusti Wolf zum Irlbeck. Jeder war mit jedem verbandelt, so war zum Beispiel der Harry (Irlbeck), mittlerweile verstorben, Heizungstechniker im Burgtheater. Überall zogen sich Fäden durch und es wurde ein feiner Teppich, Oma würde "Tebbich" sagen, gewebt. 


Das ist alles weg. Die Menschen haben keine Namen mehr. 


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Kommentare zu diesem Text


 eiskimo (06.02.22, 11:08)
Im Grunde ein Nachruf. Aber ein ganz toller. Lebendig und echt. Leider ist wirklich "alles weg", und wir müssen namenlos weiterleben.
Deinen Namen merke ich mir!
Ich bin der Eiskimo

 Mondscheinsonate meinte dazu am 06.02.22 um 16:39:
Freut mich sehr, Angenehm!

 diestelzie (06.02.22, 16:40)
Manchmal frage ich mich warum wir es nicht ändern, wo wir doch wissen, das zwischenmenschliche Beziehungen so wichtig sind. Außerdem würden wir sehr schnell merken, dass der Nachbar keineswegs so perfekt ist wie er zu sein scheint. Allerdings müssten wir dann auch unsere Masken fallen lassen und würden verletzbar.

Gerne drüber nachgedacht.
Liebe Grüße
Kerstin

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 06.02.22 um 16:43:
Weil es keiner mehr ändern will. Ich bin sehr gut mit meiner Nachbarin, den Rest kenne ich nur vom Sehen. Ich werde ein Sommerfest organisieren.

 Teichhüpfer (06.02.22, 17:22)
Kerstin, I bon a Bayer, herzlichen Dank.
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