Erko

Tagebuch zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

Wenn wir mit den Hofrats, wie die Oma so schön sagte, Mehrzahl eigentlich den Hofräten, also, wenn wir mit den beiden Essen waren (natürlich nahm auch hier die Frau den Titel des Mannes an), dann wurde auch gesoffen, aber eigentlich soffen die beiden Hofräte viel, der Opa nur ein großes Bier (der soff vorher heimlich teuren Whiskey und ich vermute, vor den Treffen richtig viel, damit er das ertrug), die Oma nur ein kleines Bier, beide tranken das Bier mit Bierwärmer („Fräulein! Bitte einen Bierwärmer für den Herrn Doktor!“), aber die Hofräte tranken Schnaps und dann lotste sie der Hund nachhause. Ja, das war so.

Am Steuer saß der Mann und am Beifahrersitz der Hund, hinten die Frau und bei einer Rechtskurve bellte er einmal und bei einer Linkskurve zweimal hintereinander und bei Rot begann er zu heulen, bei Grün zu hecheln und ich sah es selbst, wollte es nicht glauben, es war aber so.
Erko, der Deutsch-Kurzhaar, war auf das Autofahren trainiert, vor allem auch, weil der Herr Hofrat so dicke Augengläser hatte, das fand ich als Kind immer unheimlich, denn die Augen sprangen einen hinter den Gläsern förmlich an, waren riesengroß, weil es wichtig war für die Menschheit. Auf den Führerschein wollte er natürlich nicht verzichten, trotz schwerster Kurzsichtigkeit.


Die Oma sagte, dass die Hofrätin, die Oide, ihren Mann unter die Erde gebracht hat, sie hat immer gesagt: „Theres‘, wenn ich ihn los bin, dann kauf ich mir einen SLK.“

Es ging ihnen nicht schlecht, nein, ein paar Waldgrundstücke, ein riesengroßes Haus am Berg, eine Stadtwohnung, eine Wohnung auf Mallorca, aber das Auto, das war alt, das liebte der Herr Hofrat, sie fand es nicht standesgemäß, ein Ford.


„Hat sie ihn vergiftet?“ fragte ich.

„Nein“ antwortete die Oma.

„Na dann!“ sagte ich.

„Na ois dann, es war ganz anders!“ schob die Oma ein.

„Na wie?“ fragte ich.


Sie schob ihren Fuß aus den rosa Plüschpantoffeln, hob das Bein und schüttelte es kurz, sagte sodann: „Die Venen, ein Kreuz ist das mit denen. So war das.“

„Wie bitte?“ fragte ich ungläubig.

„Na, der Arzt hat gesagt, der Alte – das sagte er nicht, er sagte: „Der Herr Hofrat!“ – darf auf gar keinen Fall fliegen, das sei gefährlich wegen seinem Herz und den Gefäßen. Er sei sehr krank und die Hofrätin, die Oide, hat ihn gedrängt, dass er mit ihr nach Malljorca (Oma sagte das so) fliegt, zum Sohn. Dann sind sie geflogen und in der Luft hat er ein Bankl g‘ riss’n (er ist gestorben).“ Sie seufzte.

„Waaaas?“ schrie ich auf.

„Ja! Beinhart, die Frau, bled is ned!“ lächelte die Oma. (Übersetzung: Blöd ist sie nicht!)

„Und, was ist mit dem Erko?“ fragte ich.

„Der ist kurz davor gestorben.“ sagte die Oma traurig.

„Sind wir jetzt trauriger über den Erko oder den Herrn Hofrat?“ fragte ich. Da sagte die Oma, dass der Hund schon eine Lücke hinterlässt. Der war lustig.


Nun ja, die Hofrätin, das sagte die Oma später, hat sich sofort einen SLK 230 Kompressor gekauft und fuhr damit als trauernde Witwe herum, fuhr zu jedem, ließ den Wagen bewundern und sich nebenbei bemitleiden. Aber, den Schnaps hat sie nicht lassen können und hat vergessen, dass sie keinen Erko mehr hat und dann ist sie mit dem SLK 230 Kompressor, den betonte die Oma zweimal vor Neid, unterbrach sich selbst, um einen Einschub zu leisten: „Meiner einer, Herr Doktor“, sagte sie, „hat ja nur einen Mazda 626!“ – Opa schwieg – „Richard, ja, das war an dich gerichtet!“ – Opa schwieg weiter, Oma seufzte und redete weiter – „Also“, sagte sie, „die Hofrätin ist gegen den Baum gefahren und liegt jetzt neben ihrem Mann.“


Ich sah sie an und sagte: „Der Erko war aber echt lieb.“
"Das stimmt" sagte Opa enthusiastisch.

 

 



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Kommentare zu diesem Text


 Willibald (08.02.22, 14:46)
Ungewöhnlich gut erzählt.

Marginal: unglaubwürdig>ungläubig.

 Graeculus meinte dazu am 08.02.22 um 14:55:
Sehr gut erzählt, ja. Das hat man selten, daß autobiographische Texte so gekonnt vorgebracht werden, daß man gepackt ist, obwohl es ja eigentlich um "fremde Leut" geht.

 Graeculus antwortete darauf am 08.02.22 um 14:57:
Ach so ... ich mag die Titelfigur.

 Graeculus schrieb daraufhin am 08.02.22 um 15:19:
Nochmal zu Erko: Heulen Rot, Hecheln Grün.
Hunde sind doch frabenblind, oder? Vielleicht konnte er Licht oben von Licht unten unterscheiden?

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 08.02.22 um 15:22:
Nein, ich habe eine andere Theorie: Ich glaube, Erko achtete auf Bewegungen (von Auto und Mensch). Wenn nämlich niemand auf der Straße war, blieb er ruhig und der Herr Hofrat fuhr auch bei Rot drüber. Also, das System Erko war auf den Schutz anderer gerichtet. Nachtrag: Bei Kurven funktionierte Erko einwandfrei. SELBST ERLEBT! Herrlich!

Danke an euch beide.
@Graec: Na ja, die Oma und der Opa sind nimmer fremd, nicht wahr, die kennt man schon. :-D
Antwort geändert am 08.02.2022 um 15:24 Uhr

Antwort geändert am 08.02.2022 um 15:26 Uhr

 Graeculus ergänzte dazu am 08.02.22 um 15:31:
Für Dich sind sie, klar, nicht fremd. Aber die Kunst liegt in dem Effekt bei den Lesern, also ihnen diese für sie fremden Leute nahezubringen.
Und immerhin: ich werde weder den halbblinden Herrn Hofrat noch den Erko vergessen ... Erko schon gar nicht.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 08.02.22 um 15:34:
Mit den Fischaugen...der alte Richter, gebeugt, damit er sah, wo sie war, saß er über der Supp'n und schlürfte sie in sich hinein. :-D Kann man nicht erfinden. Original.

Antwort geändert am 08.02.2022 um 15:34 Uhr

 AchterZwerg (09.02.22, 05:53)
Bei Hofrats tobt das Leben und Erko amüsiert die anwesende Gesellschaft. Seine Kommunikationsstrategie wirkt prägnant und die Frage

Sind wir jetzt trauriger über den Erko oder den Herrn Hofrat?“ fragte ich. Da sagte die Oma, dass der Hund schon eine Lücke hinterlässt. Der war lustig.



nur allzu berechtigt.

Zustimmende Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 09.02.22 um 06:46:
Wuff! Dankeschön.
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