Namenlos

Tagebuch zum Thema Abhängigkeit

von  Mondscheinsonate

Hat sie Katrin oder Kerstin geheißen, vielleicht ganz anders, ich weiß es nicht mehr, auf jeden Fall war sie 13 und ich 17. Eigentlich wusste ich ihren Namen 28 Jahre lang, heute entfiel er mir, aber sie als Person habe ich nie vergessen, keine einzige Sekunde mehr. 


So saß sie auf einer geschmacklos gepolsterten Holzcouch in der Station 8C, zupfte an der Haut ihres Nagelbettes, tat dies und starrte die weiße Wand an. Ich ging an ihr vorüber, tat so als ob sie nicht existierte, aber ich registrierte sie intensiv, als ich um die Ecke ging, zuckte ich zusammen. 

"Mama, wie alt ist das Mädchen?"

Sie war 13 und saß in der Geschlossenen der Entzugsklinik, gemeinsam mit meiner 40-jährigen Mutter.

Als ich eine Woche später wieder kam, war sie tot. 

Sie nützte die Gelegenheit zur Flucht, einen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit, da schlüpfte sie durch die Tür, lief zum Bahnhof, fuhr von Ybbs nach Wien, direkt zum Karlsplatz und setzte sich in einer Toilette den berühmten Goldenen Schuss. 

Ja, sie war schon mit 12 ein Junkie, mit 13 starb sie. 

Ich sah sie eine Stunde, redete mit ihr nichts und habe sie nie wieder vergessen, ihr Sein brannte sich in mein Gedächtnis. 

Während ich schrieb, fiel mir ihr Name wieder ein: Diana. Gott sei Dank hat sie wieder einen Namen, ich weiß nicht warum, ich kann es nicht erklären, aber mir ist wichtig, dass der Leichnam mit der Spritze in der Vene wieder einen Namen bekommen hat.

Diana war bildhübsch, sah aus wie ein Püppchen mit ihren blonden Haaren und den grünen Augen. Die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt. Beschützerin der Frauen und Mädchen.

Furchtbar.






Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram