Putins Realitätsverlust

Bericht zum Thema Psyche

von  Terminator

Putin hat als Präsident eines souveränen Landes das Recht zu sagen: "Vergesst nicht, wir sind eine Atommacht. Wenn ihr euer Militärbündnis trotz gegenteiliger Zusicherungen bis zu unseren Grenzen erweitert, werden wir angemessen reagieren". Die Anerkennung der Volksrepubliken Donezk und Lugansk ist jedoch keine angemessene Reaktion. Dieser Schritt lässt etwas vermuten, das ich seit ein paar Jahren befürchtet hatte.


Putin agiert nicht mehr, er reagiert. Und er reagiert nicht im Interesse Russlands, sondern wie ein emotional angeschlagener Autokrat, der zu viel Macht hat, als dass zwischen seinen irrationalen Impulsen und politischen Entscheidungen eine Filterinstanz Platz haben könnte. Nawalny hat Putin anscheinend gebrochen. Er ließ sich von keiner Schikane beeindrucken, publizierte direkt nach seiner Verhaftung, die auf einen kriminellen und dann auch noch missglückten Giftanschlag folgte, ein Youtube-Video, das den Autokraten lächerlich machte.


Putin hat wahrscheinlich vor wenigen Dingen Angst. Aber er hat große Angst vor Lächerlichkeit, er nimmt sich selbst zu ernst. In den letzten zwei Jahren wurde er immer verbitterter. Putin hat alles, was er begehrt, nur das, was er wirklich will, lässt sich weder mit Geld kaufen noch durch Macht erzwingen: Respekt. Putin fühlt sich von seinem eigenen Volk nicht mehr ernst genommen und von seinen westlichen "Partnern" nicht respektiert.


Stalin hatte kurz vor seinem Tod das Politbüro davor gewarnt, die SU als Semiperipherie in das kapitalistische Weltsystem zu integieren (wahrscheinlich nicht mit den Worten Wallersteins, aber sinngemäß genau davor). Die Politik der friedlichen Koexistenz unter Chruschtschow und Breschnew bedeutete genau das, und verursachte letztlich den Zerfall der UdSSR. Der Westen hat weder die Sowjetunion besiegt, noch ist er an ihrem Zerfall schuld.


Putin will sich für diese "geopolitische Katastrophe" aber rächen. Natürlich haben die NATO-Länder der sich auflösenden Supermacht unter Gorbatschow versprochen, das Militärbündnis nicht nach Osten auszudehnen, doch es war schon damals abzusehen, was dieses Versprechen wert war. Wer nicht auf Augenhöhe spielt, darf nicht erwarten, ernstgenommen zu werden. Das Machtvakuum nach der Auflösung der UdSSR wurde von den USA ausgenutzt, ein normaler geostrategischer Vorgang.


Im Interesse Russlands wäre ein taktischer Rückzug, und zwar schon vor Jahren. Russland ist das flächengrößte Land der Welt, und als Atommacht der NATO wieder ebenbürtig. Ein Angriff der USA auf Russland wäre selbstmörderisch, Russland droht nichts. Die Sinatra-Doktrin sollte weiterhin gelten; Russland hätte viel Sympathie im postsowjetischen Raum gewonnen, wenn es die früheren Unionsstaaten in ihren freien Entscheidungen unterstützt hätte, anstatt sie militärisch zu bedrohen und ihrer Demokratisierung entgegenzuwirken.


In seiner allerersten Amtszeit tat Putin genau das Richtige, doch er bekam zu schnell zu viel Macht, und richtete sich in seiner eigenen ideologischen Blase ein. Die USA waren unter dem späten Bill Clinton und G. W. Bush dabei, ihr globales Ansehen zu zerstören. Hätte Russland sich taktisch zurückgezogen, um sich nach der Transformationszeit zu konsolidieren, hätte die Welt der mörderischen Bande, zu der die einzige verbliebene Supermacht degeneriert war, bei der politischen Selbstzerstörung zugesehen. Als ein starkes Mitglied einer multipolaren Welt, die sich Putin angeblich schon immer gewünscht hatte, hätte Russland zusammen mit Frankreich, Deutschland und Japan eine wahre Achse des Guten gegen die verbrecherischen Aggressionen der USA bilden können. Doch die Voraussetzung dafür, eine demokratische Zivilgesellschaft, hat Putin selbst zerstört. Der Westen war nicht schuld am Zerfall der Sowjetunion, und er ist heute nicht daran schuld, dass Russland zu einer zynischen Autokratie degeneriert ist.


Putin ist, wie Schröder, Merkel und Scholz, wie Clinton, Bush, Obama, Trump und Biden, wie Sarkozy, Hollande und Macron, für sein Amt zu klein. Der Unterschied ist, dass das politische System in Russland nicht die Möglichkeit hat, seine Fehler in ihrer Tragweite zu begrenzen, da er alle wichtigen Entscheidungen allein trifft. Ein Ewigbeleidigter, Missverstandener, Verbitterter als Machthaber einer nuklearen Supermacht, das ist das Worst-Case-Szenario in einer technologisch hochgerüsteten Welt. Gegen die kulturelle und soziale Ultradekadenz des Westens werden seine Bürger durch robuste demokratische Institutionen geschützt; dieser Verfall geschieht langsam, er ist nicht unaufhaltsam. Gegen irrationale Amokläufe von Autokraten mit Atomwaffen ist die Mitwelt machtlos. Putin sollte sich seinen Vorgänger Jelzin als Vorbild nehmen und heute noch im Staatsfernsehen verkünden: "Ich bin müde, ich trete zurück".


Es sei denn, Putin weiß etwas, was wir alle nicht wissen, weil wir es nicht wissen können, und tut jetzt genau das Richtige. So erratisch und launisch, wie er sich gerade verhält, ist eher davon auszugehen, dass er aus oben genannten Gründen das Falsche tut.


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Kommentare zu diesem Text


 harzgebirgler (22.02.22, 11:17)
der bursche spielt im grunde schach vom feinsten
gehört sein brett auch zu den hundsgemeinsten.
Clara (37)
(22.02.22, 11:58)
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 Augustus (22.02.22, 13:19)
Für Putin kommt ein Rückzug nicht in Betracht. Dies würde bedeuten, er zeige Schwäche. Die Schwäche würde auch der innere Zirkel von Putin nicht dulden. Es würde ein im Innersten des Zirkels geführter Kampf der Ideologien entfachen, wenn Putin seinen Schwanz vor den USA und NATO einziehen würde.

Deshalb ist die Angelegenheit - leider für Putin - viel persönlicher als es wirklich die Ukraine wert ist. 

Die Leute um Putin sind überzeugt, dass Russland klare Kante im Konflikt zeigen muss und nicht weichen darf. 

Letztlich ist die Entscheidung Putins die in der Ukreine prorussischen Gebiete als unabhängig anzuerkennen, ein Schachzug. 

Ein Schachspieler opfert eine wertvolle Figur, um dadurch einen Vorteil zu erlangen, den gegnerischen König SchachMatt zu setzen. 

Hier opfert vllt Putin seine Königin, gegen zwei gegnerischen Läufer, während seine zwei Läufer jetzt den gegnerischen König bedrohen. 

Die gegnerische Partei wird entweder den König verschieben oder selbst mit der eigenen Königin agieren. 

Agiert der Gegner mit der Königin, ist dies einem Krieg gleich zu deuten. 

Agiert er aber bloß damit den König aus der Position „Schach“ zu befreien, dann ist Putin trotzt seiner Aufopferung der Königin klar im Vorteil. Er hat weiterhin mit seinen Läufern den gegnerischen König im Visier, während der Gegner in eine Schutzstellung sich zurückziehen muss und auf russische Reaktion abwarten muss, ohne gleichwertige Reaktionen tätigen zu können. 

Der Zug Putins ist riskant. Aber so hat Carl Magnuson auch sein aktuellstes erstes Schach-WM-Spiel gegen den Russen in Runde 6 gewonnen, in dem er seine Dame opferte, um dann aus einer perfekten Verteidigungsstellung, zu agieren. 

Putin wird bald mit Argumenten kommen, die unabhängigen Staaten, die er ausgerufen hat, verteidigen zu müssen. Er sucht den feinen Zug, der ihn aus einem agressiven Autokraten einen russisch gesinnten und deren werte verteidigenden Patron verwandelt. 

Im Schach bedeutet dies, er versucht seinen Bauern zum umwandeln zu bewegen, in dem er den Bauern komplett auf die gegnerische Hälfte ziehen lässt. Hat er dies geschafft, den Bauern in eine wertvollere Figur (Dame) umgewandelt, hat er grundsätzlich gewonnen. 

Fazit: aktuell hat putin seine Dame geopfert. Seine zwei Läufer bedrohen den gegnerischen König; und er hat noch die Option, an der er arbeitet, einen Bauern auf die gegnerische Seite zu bringen und diesen dann umzuwandeln.
Adrian (47) meinte dazu am 22.02.22 um 20:46:
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 Graeculus (22.02.22, 15:10)
Eine sehr gute, kenntnisreiche Analyse.

Die (vermutlich nicht förmliche, aber doch sicher dem Sinne nach erfolgte) Zusicherung an Rußland, die NATO nicht nach Osten auszudehnen, war ebensoviel wert wie Rußlands Zusage bei Abtretung der Atomwaffen, die Souveränität der Ukraine zu garantieren.

Ich neige zu der schon aus der Antike bekannten Annahme, daß der Preis eines Tyrannen, der von niemandem mehr ein offenes Wort duldet, der Realitätsverlust ist.
Wie Putin den Leiter des Auslandsgeheimdienstes öffentlich abgekanzelt hat, zeigt, daß er auch von dieser Seite aus nichts weiter erwartet als Unterordnung und Anpassung.
Adrian (47)
(22.02.22, 20:55)
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 Tula (22.02.22, 22:51)
Realitätsverlust würde ich ihm nicht vorwerfen, er weiß genau was er macht und was er will. Der "Schachzug" sichert ihm zunächst den "Mindest-Erfolg", den er braucht, um sich innenpolitisch als Sieger darzustellen und gleichzeitig die Bedrohung aufrechtzuerhalten. Die Sanktionen stören ihn nicht so sehr persönlich, solange das Volk sich darüber nicht echauffiert. Wird es nicht. 

Die einzige Angst, die Putin hat, ist der Erfolg pro-westlicher Demokratien im unmittelbaren Umfeld. Genau daran sollte der Westen arbeiten und nicht die Ukraine sinnlos aufrüsten. Und Deutschland vielleicht mal ernsthaft überlegen, wie man die Abhängigkeit vom russischen Gas nicht wenigstens verringert. Genau darauf verlässt sich Putin.

Mein Vorschlag an die UEFA: Russland bis auf weiteres von allen europäischen Wettbewerben ausschließen. DAS würde nicht wenige Russen maßlos verärgern, auch mit Krim-Sekt auf dem Tisch.

LG
Tula

Kommentar geändert am 22.02.2022 um 22:52 Uhr

 Terminator antwortete darauf am 22.02.22 um 23:13:
Realitätsverlust ist auch, den Menschen nicht als Menschen zu sehen, sondern nur als Politiker. Putin ist kein Terminator, auf Machterhalt programmiert, er hat Gefühle. Da er als Autokrat regiert, hat das politische System in Russland nicht die Möglichkeit, seine Launen zu bändigen, bevor sie zu politischen Entscheidungen werden.

Ja, er hat Angst vor der Demokratisierung unmittelbarer Nachbarländer, aber nicht, weil er Demokratie hasst und Diktatur liebt. Im Gegenteil, er sieht sich als Demokrat, und ist immer verletzt, wenn er als Autokrat bloßgestellt wird. Und er lässt sich gerade von den USA dazu provozieren, einen sinnlosen Krieg anzufangen, der Russland und Europa destabilisieren und den bürgerkriegsnahen USA in die Hände spielen wird.

Die Realität, die Putin einsehen sollte, ist: sein Volk will ihn nicht mehr. Er rettet seit Jahren sein Ansehen im Inland durch immer aggressivere außenpolitische Entscheidungen, doch nun ist der Punkt erreicht, an dem auch das nicht mehr zieht. Er ist am Ende, Russland braucht einen neuen, besonnenen Präsidenten, und keine geopolitischen Schachspiele (die klug kalkuliert wirken, aber dumm sind, wenn sie aus bloßer Taktik bestehen und strategisch nicht durchdacht sind).
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