Die dunkle Seite der Liebe - Rafik Schami

Kommentar zum Thema Buch/ Lesen

von  Mondscheinsonate

Jeder kennt sie, diese Melancholie, wenn eine Reise zu Ende geht, dieser Moment des Abschieds, das Sitzen und Warten auf die Heimkehr, auf den Bus, die Bahn oder das Flugzeug, das Reflektieren des Erlebten und so geht es mir auch mit diesem Buch, das mich in seine Geschichte hineinzog und ich stand mittendrin, war gar nicht mehr im Hier und Jetzt, nein, sondern dort in Damaskus oder ganz Syrien.

 

Arabische Geschichten haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind brutal schön oder soll ich eher brutal und schön schreiben? Ja. Ganz wie in TausendundEineNacht erzählt hier nicht der Autor, sondern webt Geschichten fein ineinander. Es gibt keinen Augenblick des Vergessens, alle Personen (und es sind viele) bleiben bei uns, seien sie tot oder lebendig und wenn sie tot sind, dann erfahren wir von den Verwandten. Das soll nicht abschrecken, ganz im Gegenteil, es wird zu einem Gesamtbild und während man 900 Seiten genießt und mitten in das Geschehen gezogen wird, erfährt man auch hundert Jahre syrische Geschichte, politische Ereignisse und ein Gesellschaftsbild von heimlichen Kommunisten bis zu Putschisten, reduziert die Menschen aber keine Sekunde auf ihre politische Gesinnung. Dennoch lernt man zu verstehen, warum im Heute alles so ist, wie es ist.  


Fritz J. Raddatz schrieb 2004 auf seine alten Tage eine entzückte Kritik: "Sie werden eine Scheherazade miterleben in blitzender Farbigkeit."


Die Geschichte ist alt und wird in vielen Facetten erzählt: Romeo und Julia, zwei verfeindete Familien, nur hier heißen sie Farid Muschtak und Rana Schahin, zwei christliche Familien aus Damaskus, die einen orthodox, die anderen katholisch, hassen sich bis auf das Blut, lassen die Kinder nicht in Ruhe mit ihrem Hass, aber diese setzen sich hinweg. Kurz und gut. Das Interessante an der Geschichte ist das Geschehen drumherum, uns begleiten alle Personen von Anfang bis zu ihrem Tod, in kleinen Episoden wird ihr Leben eingeschoben, keiner vergessen, und das ist das Charmante an dem Buch. 


Ein Buch kostet Lebenszeit und diese habe ich gerne hingegeben, es hat mich erfüllt, bereichert und schenkte mir viele Emotionen. Es war keine Sekunde, nicht eine, langweilig. Nichts in dem Buch ist überflüssig, jeder Bettler, jeder Blinde, jeder Säufer, jede Kusine, eine Liebende, ein Liebender, mehrere, Tote, Gefolterte, politisch Verfolgte, jedem einzelnen Protagonisten hauchte Rafik Schami Leben ein, sie fühlten sich "echt" an, ich sah sie vor meinen Augen, konnte sie berühren und am Ende berührten sie mich auf das Tiefste. 


Eine Geschichte, die uns vom Osmanischen Reich bis in die siebziger Jahre letztes Jahrhundert führt. Dr. Rafik Schami, er promovierte in Chemie, ist heute einer der erfolgreichsten Schriftsteller unserer Zeit und dies zu Recht. Ein Meisterwerk der Erzählkunst!

Ich schließe mit einem Zitat aus dem Buch:

Die Liebe braucht das Erinnern, aber auch das Vergessen. 



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Kommentare zu diesem Text

Clara (37)
(01.03.22, 10:15)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Quoth meinte dazu am 01.03.22 um 10:55:
Mir auch!

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 01.03.22 um 11:16:
Danke! Dieses Buch ist ein wahrer Traum, ein Schatz...ein Sesam, öffne dich! in eine Welt voller Geschichten.

 Quoth schrieb daraufhin am 01.03.22 um 12:50:
Ich kannte bisher nur "Das Geheimnis des Kalligrafen" - gut erzählt, aber mit seiner Zentrierung um eine schöne, mir aber fremde Schrift schwerer zu verstehen. Ich werde mir den Sesam öffne dich auf den Kindle laden! Danke, Quoth

 Dieter_Rotmund (01.03.22, 14:59)
Gerne gelesen, aber was du schriebst, hält mich 100%ig davon ab, dieses Buch zu lesen.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 01.03.22 um 15:47:
Ich empfehle Morbus Kitahara von Ransmayr.

 Dieter Wal ergänzte dazu am 01.03.22 um 18:38:
@M.: Nochmals danke. Ich sehr Ransmayrs "Die letzte Welt".

 Mondscheinsonate meinte dazu am 01.03.22 um 18:43:
Ich warne vor, sehr statisch und grau. Irgendwie faszinierend.

 Dieter Wal meinte dazu am 01.03.22 um 18:48:
Die hymnische Sprache des Buches "Die letzte Welt". ist in meinen Augen absolut meisterhaft und wunderschön.

Es lohnt sich, das Buch mehrfach und vielleicht streckenweise laut zu lesen.

Stilistisch hat auch Schami viel zu bieten.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 01.03.22 um 18:50:
Ich mag das, wenn man mich berührt, das tun beide.

 Dieter Wal (01.03.22, 18:32)
Danke für den Tipp.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 01.03.22 um 18:34:
Gerne und viele schöne Stunden!

 AchterZwerg (01.03.22, 18:36)
Grüß dich,

mich hast du ebenfalls sofort überzeugt: Das Buch steht auf meiner Beschaffungsliste jetzt ganz oben.
Besseres ließe sich über deinen "Kommentar"
gar nicht sagen ... allenfalls in Gedichtform, aber auch nur, wenn ich der üppigen Sprache der Orientalen mächtig wäre ...

Liebe Grüße
der8.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 01.03.22 um 18:42:
Ja, ich gebe Quoth Recht, der Kalligraph war ein Traum, aber mühsam zu lesen. Hierbei denke ich, dass man sich auf das Abenteuer Hörbuch einlassen könnte. 
Dieses Buch ist so brutal schön, manchmal so grauenhaft, dass es einem jede Pore zusammenzieht und dann wieder zum Schmunzeln. Ja, es ist ECHT, ganz authentisch, nichts ist gekünstelt und es würde mich freuen, wenn ich eure Leseerlebnisse erfahren dürfte, hier auf jeden Fall.
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