Der propere Ganter

Fabel zum Thema Bewusstsein

von  EkkehartMittelberg

Der propere Ganter

Es war einmal - und sehr lange ist das noch gar nicht her - ein wunderschöner Ganter. Er war groß und stark, glatt und sauber und beschäftigte sich vorwiegend damit, für seine Frau und die Kinder zu singen.

«Was für ein proprer Ganter», bemerkte jemand, der ihn singend im Hof auf und ab stolzieren sah.

Das hörte eine alte Henne, und sie erzählte es abends auf der Hühnerstange ihrem Gemahl. «Von Propaganda war da die Rede», zischelte sie.

«Ich habe dem Burschen nie getraut», versetzte der Hahn, und tags darauf ging er im Hof umher und sagte jedem, der es hören wollte, der schöne Ganter sei ein höchst gefährlicher Vogel, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Habicht im Gänserichgewand.

Eine kleine braune Henne erinnerte sich, dass sie einmal von weitem beobachtet hatte, wie der Ganter im Walde mit einigen Habichten sprach. «Die führten irgendwas im Schilde», versicherte sie.

Eine Ente berichtete, der Ganter habe einmal zu ihr gesagt, er glaube an gar nichts. «Und er hat auch gesagt, dass er Fahnen hasst», fügte die Ente hinzu.

Ein Perlhuhn entsann sich, einmal gesehen zu haben, wie jemand, der dem Ganter auffallend ähnelte, etwas warf, was einer Bombe auffallend ähnelte.

Schließlich bewaffneten sich alle mit Stöcken und Steinen und zogen vor des Ganters Haus.

Er stolzierte gerade im Vorgarten auf und ab und sang für Weib und Kinder.

«Da ist er!» schrieen alle. «Habichtfreund! Atheist! Fahnenhasser! Bombenwerfer!»

Damit fielen sie über ihn her und jagten ihn aus dem Lande.  

Moral: Jeder, den du und deine Frau für einen Landesverräter halten, ist selbstverständlich auch einer. 

 

James Thurber


 Ekkehart Mittelberg: Der propere Ganter


Ein properer Ganter bemerkte, dass sein Gefieder besonders weiß war. Er beschloss, dies propagandistisch zu nutzen. Also veröffentlichte er über die Medien in unterschiedlichen Varianten, dass Weiß die Farbe der Unschuld und der Reinheit sei,

Die Botschaft wurde allgemein für wahr gehalten, bis eine Nebelkrähe im Überflug dem weißesten aller Ganter aufs Gefieder schiss.




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Kommentare zu diesem Text


 IsoldeEhrlich (27.03.22, 13:17)
Hallo Ekki,

James Thurber kannte ich bisher noch nicht - danke für diesen Tipp!
Die Fabel ist köstlich und absolut zeitlos.
Aber auch deine Variante gefällt mir sehr.

Liebe Grüße, Isolde

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 27.03.22 um 13:25:
Vielen Dank, Isolde, das freut mich sehr.
Liebe Grüße
Ekki

 Agnete antwortete darauf am 27.03.22 um 22:39:
ich schließe mich Isolde gerne an, lieber Ekki.
Alter Volksspruch:
Wer eine beschissenen Weste hat , der braucht sich über den Spott nicht wundern.
Deswegen trage ich ja keine Westen...
LG von Agnete

 EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 29.03.22 um 17:03:
Vielen Dank, Agnete, was immer du trägst, wird das Beschissene abstoßen.
LG
Ekki

 harzgebirgler (27.03.22, 13:22)
des westens weiße freiheitsweste
zeigt auch schon manche fleckenreste.

lg
henning

 EkkehartMittelberg äußerte darauf am 27.03.22 um 13:31:
Gracias Henning,

Fast keiner stellt mehr in Frage oder  (bezweifelt) meckert,
dass Putins Weste am meisten bekleckert.
Aber bei der Freiheitsheuchelei,
ist der Westen leider auch dabei.

LG
Ekki

 Taina (27.03.22, 17:41)
Der Ganter kann damit leben, nicht fleckenlos zu sein. Was er nicht mag ist, wenn er gerupft werden soll.

 GastIltis (27.03.22, 18:05)
Was sagt uns das, Ekki?
Wer schön musizieren kann, muss nicht unbedingt geeignet sein, beim Solidaritätskonzert des Bundespräsidenten auftreten zu dürfen.
LG von Gil.

 EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 27.03.22 um 18:34:
@ Taina: Das hast du schön gesagt, Taina. Vielleicht kommt der Tag, wo kein langes Federlesen gemacht wird.
@ Gil: Ja, Gil und noch etwas. Propaganda, einmal losgetreten, wächst wie eine Lawine. Sie kann ihre Opfer überrollen, sie ist todernst.
Merci euch beiden.
LG
Ekki

 AZU20 (27.03.22, 22:00)
Lieber Ekkehard, das hast Du gut geschrieben. Köstlich. LG

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 28.03.22 um 01:29:
Das könnte stimmen, Armin.  Meine unbestechlichste Kritikerin ist meine Frau. Als ich ihr dies vorgelesen habe, hat sie herzhaft gelacht.

 AchterZwerg (28.03.22, 08:43)
Lieber Ekki,

manch Ganter plustert sich über alle Maßen auf und ist sich deshalb über seine geringe Größe nicht im Klaren.
Eine Krähe trifft indes punktgenau ...

Lachende Grüße
Piccola

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 28.03.22 um 12:29:
Gracias, Piccola, so empfinde ich es auch. So mancher Propergantist auf dem Podium plustert sich auf Ein Glücksfall, wenn in diesem Augenblick eine Nebelkrähe oder ein Geyer zum Sturzflug ansetzen. :D .

Mitlachende Grüße
Ekki

 Moja (28.03.22, 08:59)
Lieber Ekki, ich musste beim Lesen sofort an Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" denken, Einbildungen werden zu Gerüchten, verändern sich beim Weitergeben, Vorurteile besetzen das Denken, im Unterbewusstsein wächst Wut - und wenn der Nachbar dann klingelt und sich ein Werkzeug ausleihen möchte, wird er gnadenlos beschimpft, so viel hat sich inzwischen angestaut. So heizt sich Stimmung auf. - Übrigens, die Schrift und die Farbe sind sehr gut lesbar und augenfreundlich, danke auch dafür!  :)

Schöne Grüße,
Moja

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 28.03.22 um 12:33:
Vielen Dank für den Hinweis auf Watzlawick, Moja. Wissenschaft und Poesie gemeinsam bewirken ein hohes Maß an Aufklärung.

Liebe Grüße
Ekki

 plotzn (29.03.22, 15:30)
Servus Ekki,

um manches sollte man halt doch Geschiss machen...

Gelungener Gegenpol zur Thuberschen Fabel (die ich noch nicht kannte).

Liebe Grüße,
Stefan

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.03.22 um 16:41:
Danke für die geistreiche Antwort, Stefan.

Liebe Grüße

Ekki
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