Fauves

Erzählung zum Thema Schein und Sein

von  Quoth

Die Blocks, in denen auch Eduards Wohnung lag, waren würfelförmig wie Margarinewürfel und hatten grau gedeckte Walmdächer. Unten links im letzten Block lag die Wohnung, in die er nun zurückkehrte von seinem Ausflug in die Schweiz. Die Hälfte der Familie war ausgeflogen. Das klingt nach vielen, aber es waren nur zwei: Vilma und Emil junior waren nach Österreich gefahren, also war Eduard mit seinem Vater allein. Allein auf rund 80 Quadratmetern, das war nicht sehr kuschelig. Eduard ging seinem Vater aus dem Weg, was trotz der Enge nicht schwer war, denn Emil senior interessierte sich ausschließlich für die alten Slawen und für seinen Sohn so wenig wie dieser für ihn. Zwar hatte Emil mal gefragt: „Wie war’s denn bei den Eidgenossen?“, hatte aber nicht nachgefragt, als Eduard nur die Schultern gehoben und ein ratloses Gesicht geschnitten hatte. Emil war kleiner als Eduard, untersetzt und dicklich. Außerdem humpelte er infolge einer Kriegsbeschädigung. Er kam Eduard gar nicht wie ein Mensch vor, sondern war seit seiner verspäteten Heimkehr einfach nur da, eben die Institution Vater mit Bauch und einer Glatze, die sich zugleich von der Stirn und vom Wirbel aus in die schüttere Haarpracht fraß.

 

Eduard besorgte sich Ölfarben in Tuben beim Papierhändler, außerdem ein paar Malpappen. Ein bestimmtes Bild und ein bestimmtes Erlebnis ging ihm nicht aus dem Kopf. Es war ein Gemälde von Kees van Dongen. Den Namen hatte Eduard noch nie gehört, aber seine Bilder gefielen ihm, vor allem dieses. Es zeigte eine mandeläugige Nackte auf blauem Grund, die sich aus- oder anzog. Das war für Eduard nicht auszumachen, so wie man auf einem Foto ja auch nicht weiß, ob die Sonne auf- oder untergeht. Sie hält einen weißen Schleier, vielleicht auch ein Kleid in beiden Händen, das sie vor ihren üppigen Leib ziehen oder vielleicht auch ganz fallen lassen will. Schwarzrote Haare fallen ihr über die Schultern, und seitwärts steht ein Strauß blutroter Blumen, ob Rosen oder Dahlien, konnte Eduard nicht erkennen. Und dieses Gemälde, von dem es keine Ansichtspostkarte gegeben hatte, wollte er nachschaffen. Es hatte ihn seit seinem Ausstellungsbesuch nicht mehr losgelassen, und nun, in der banalen Enge seiner Wohnung, wollte er es erinnernd rekonstruieren.

 

Seine erste Station in der Schweiz war Schaffhausen gewesen. Da fiel zwar die Tapete von der Jugendherbergswand, aber es gab die Ausstellung „Triumph der Farbe“ in einem früheren Kloster. Eduard hatte noch nie von den Fauves oder Fauvisten gehört. Das sollte sich ändern, denn ihnen, den Expressionisten Frankreichs, war diese Ausstellung gewidmet. Aber diese „Wilden“, denn nichts anderes bedeutet „Fauves“, waren ihm zu wild. Sein Kunstverständnis war geschult durch Hefte mit einem grünen Helmkrieger vorne drauf, die sich „Die Kunst im Dritten Reich“ nannten, und in denen dominierte ein klassizistischer bis biedermeierlicher Realismus, ganz zu schweigen von schneeweißen Gips- und Marmorplastiken. Ratlos wanderte er von einem Bild zum anderen. Warum waren Bäume blau und Himmel grün? Und warum standen die Besucher davor und legten beeindruckt den Kopf schräg? Es war ein Bild von Matisse, vor dem er seine Zweifel nicht unterdrücken konnte: „Können Sie was damit anfangen?“ fragte er eine ganz in gelbes Leinen gehüllte junge Dame, die das Bild mit dem Titel „Le bonheur de vivre“ intensiv betrachtete..

 

Sie sah ihn aus mandelförmigen dunklen Augen an, wie wenn sie sich fragte, ob es nicht Zeitverschwendung war, diesem großen Jungen im Soldatenhemd zu antworten. „Hallo,“ sagte sie dann und reichte ihm eine arbeitsharte Hand. „Mein Name ist Eliana.“ Eduard stellte sich auch vor und lernte innerhalb von fünf Minuten, dass die Kunst, seit ihr die Fotografie die Abbildung der Wirklichkeit ab- und weggenommen hatte, auf der Suche nach einer neuen Rechtfertigung ihrer Bemühungen war. Die Impressionisten hatten das Licht entdeckt – und die Fauves Farbe und Leidenschaft. Eliana lächelte ermutigend, wenn sie etwas erklärte, und es dauerte nicht lange, da betrachtete Eduard nur noch sie, wenn sie sprach, nicht mehr die Bilder, genoss den sonoren Klang ihre Stimme, auch wenn er nicht verstand, was sie sagte, genoss es, wenn sie ihre schwarzen Locken zurückstrich und erschauerte, als ihre Hand sich unter seine rechte Achsel schob und ihn von einem Ausstellungsstück zum anderen lenkte. „Warum bist du hierher gekommen, wenn du von Kunst doch gar nichts verstehst?“ Ihm fiel keine Antwort ein, und er rettete sich in ein Kompliment: „Vielleicht, um einer so guten Führerin zu begegnen, wie Sie es sind.“ Sie lachte über diesen allzu leicht durchschaubaren Versuch, nett zu ihr zu sein, schien aber auch ein winziges bisschen geschmeichelt. Sie zog ihn in den nächsten Saal, und da hingen die Bilder von van Dongen. Und vor dem Bild der Frau mit dem herabsinkenden Kleid und den roten Blumen schaute sie erst das Bild und dann Eduard lächelnd an und fragte: „Erkennst du mich wieder?“ Eduard war irritiert, schluckte, sah zwischen Gemälde und Eliana hin und her.

 

„Ja, eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen,“ sagte er mit trockenem Mund und wagte sie kaum noch anzusehen. Ihm war, als fiele das gelbe Leinenkleid von ihr ab, als sähe er alles, und das verbot er sich. Später in der Jugendherberge, umgeben von den Schnarchgeräuschen anderer Wanderer, ging er noch einmal durch, was sie ihm erzählt hatte – wie sie in Paris zur Geliebten und zum Modell Kees van Dongens geworden war – aber erst, nachdem er ihr zugesichert hatte, dass er die Blinddarmnarbe auf ihrem Bauch nicht mitmalen würde – und Eduard überlegte: „Male ich nicht auch ganz gut? Ich hatte drei Einsen im letzten Jahr … Wäre das nicht ein Grund, Maler zu werden?“ Und er schämte sich, dass er auf Elianas Angebot, gemeinsam Eis zu essen, nicht hatte eingehen können, weil er so wenig Geld hatte.

 

Nun also, wieder in Himmelstein, hatte er eine Malpappe, Farben und einen Pinsel, nur Staffelei, Palette und Barett fehlten, um ein richtiger Maler Klecksel zu werden. Aber er malte nicht das Bild von Kees van Dongen nach – er malte Eliana in ihrem gelben Leinenkleid, und mit viel Deckweiß modellierte er dann langsam und genussvoll ihren Leib, aber mit einer Narbe auf der rechten Seite, denn Kunst soll ja nicht nur schön, sondern auch wahr sein, und drückte zum Abschluss einen dicken Kringel roter Farbe aus der Tube: die Blumen … Er hörte schwere Schritte. Plötzlich stand Emil hinter ihm und sah peinlich berührt auf das Geschmier seines Sohnes. Er wandte sich zurück zur Tür und sagte im Hinausgehen: „Das Ewigweibliche zieht uns hinan, heißt es im Faust. Sieh zu, dass es dich nicht in den Sumpf zieht!“

 

Erst Jahrzehnte später belehrte ihn ein Kunsthistoriker, worauf er damals im Museum zu Allerheiligen nicht geachtet hatte: Kees van Dongen hatte das bewunderte Bild 1910 gemalt, rund 50 Jahre, bevor Eduard Eliana begegnete – und sie war höchstens 30 Jahre alt gewesen!




Anmerkung von Quoth:

Schließt mit Zeitsprung an die Textfolge "Blüthner" an.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (20.05.22, 00:21)
Das Ende des Textes ist super und hat mich überrascht.
Ich bin oft in Ausstellungen. Dort fühle ich mich irgendwie zuhause.

LG
Alma Marie
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