Nitsch

Text zum Thema Abschied

von  Mondscheinsonate

Und oft saß ich im Ohrensessel, nicht in meinem, der in der Mitte eines großen Wohnzimmers stand, beinahe wie ein Thron, ein Audienzenempfänger, saß nicht gerade, sondern quer, sodass die Beine über die Lehne gelegt waren, die Farbe des Sessels, des Stuhls, ist gänzlichst aus der Erinnerung verschwunden, aber die Bequemlichkeit blieb, so saß ich, nein baumelte, nämlich mit den Füßen, in dem Ohrensessel und sah mir das Bild an, es wühlte mich auf, in meinen Augen stellte es nichts dar, war nur da, aber schrie einen förmlich an, wetterte von der Wand, bedrohte einen, störte die Ohrensesselharmonie, überhaupt passte es nicht in den großen Raum, der rechts vom Ohrensessel riesen Bücherregale hatte, vollgestopft mit den wichtigsten Büchern der Weltliteratur, was ein subjektives Empfinden war, die sich wie ein intellektueller Wald anmuteten, in der vorderen Ecke ein Gmundner Kamin, ein Kamin, groß in weiß und grün, eben ganz Gmundner mit anschließender Ofenbank, gemütlich mit Kissen und Felldecke, der Klassiker schlechthin, am Boden lag ein unendlich großer orientalischer Seidenteppich, ein Vermögen aus Seidengarn, ein Traum in Dunkel, das weiß ich noch, links die Terrassentür in warmen braun mit Blick auf das Steinerne Meer, das im Winter das schönste weiße Panorama bot, im Sommer beinahe bedrohlich karg wirkte, neben der Türe die vielen Pflanzentröge, es ging um die Ecke, da war der Esstisch, aber gegenüber des Ohrensessels, der in der Mitte des Zimmers stand, beinahe wie ein Thron, das Zimmer beherrschend, an der Wand hing der bedrohliche Nitsch, der so bedrohlich war, dass es mir unheimlich wurde, der mich aufwühlte, für mich nichts darstellte, außer Bedrohung und so drehte ich mich dann meistens um, ein Buch in der Hand, um auf die Bücher zu sehen, die mich beruhigten, ja, wieder beruhigten, mich in einen wohligen Zustand versetzten und so fragte ich einmal beim Essen den Erschaffer, den Erzeuger meines ungutes Gefühles, der vielen unguten Gefühle, denn ich versuchte immer wieder in die Richtung zu sehen, hoffte, ich würde nicht mehr dieses ungute Gefühl haben, aber es kam immer wieder, mich faszinierte das Grauen, das aufkam, also ich fragte den Maler:"Ist das Absicht, dass Sie so ein ungutes Gefühl erzeugen?", da erntete ich bei Fischsuppe, die zitronig schmeckte, viel zu zitronig einen bösen Blick von dem Gastgeber, dem Vater meines Freundes und der Maler hob beschwichtigend die Hand in Richtung Gastgeber, weil er den Blick aus den Augenwinkeln sah, lächelte, sagte:"Das ist doch gut, wenn es aufwühlt, dann hab ich es richtig gemacht."


Ich verstand die Antwort damals nicht, ich war erst 17, ich verstand sie nicht, fand sie ungenügend erläutert, aber letztens stand ich wieder vor einem seiner Bilder und lächelte, weil ich plötzlich verstand, verstand, dass es mein tiefstes Inneres traf. 


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Kommentare zu diesem Text


 Ralf_Renkking (19.04.22, 10:11)
Das nenne ich mal postwendende Hommage. 🤔

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.04.22 um 10:14:
Gefühle soll man auffangen, besonders Gefühle, die erneut hochkommen.

 Ralf_Renkking antwortete darauf am 19.04.22 um 10:25:
Schon, mich wunderte nur Deine derartig schnelle Reaktion auf den Tod des Malers. 

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 19.04.22 um 10:26:
Es wühlte mich sofort wieder auf.

 Ralf_Renkking äußerte darauf am 19.04.22 um 10:41:
Genau das meine ich, an Deiner Stelle säße ich wahrscheinlich schon wegen Reizüberflutung in der Psychiatrie, Du schreibst Dir das flugs von der Seele, aber mal davon ab hätte ich seinen Tod wohl auch gar nicht so schnell mitbekommen.

Ciao, Frank

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 19.04.22 um 10:44:
Muss immer sein, was mich aufwühlt, geht raus. Schnell.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.04.22 um 13:35:
Kenne keinen Nitsch, das ist doch eine Thomas-Bernhard-Hommage, eindeutig.

(Der letzte Absatz ist kitschig und überflüssig, den würde ich weglassen)

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.04.22 um 13:40:
Du kennst den Hermann Nitsch nicht? Oh, das ist eine heftige Bildungslücke, mit Verlaub, sehr schlimm. 
https://www.derstandard.at/story/2000135008364/aktionskuenstler-hermann-nitsch-laut-medienberichten-verstorben

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.04.22 um 13:45:
Ja, mag sein, ich gehe zwar hin und wieder auf Ausstellungen, aber merke mir da keine Namen. 
Die FAZ schreibt regelmäßig und kompetent über den Kunstmarkt, der ist geradezu obszön abstoßend geworden, und jetzt auch noch dieser NFT-Quatsch, nein Danke.
Adrian (47)
(19.04.22, 10:19)
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 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.04.22 um 10:23:
Der Ohrensessel war da, so faszinierte mich dieser und nervte mich genauso wie dich, bei Bernhard und doch ist dieses Ungetüm ein wahrer Denkapparat, ich begann ihn zu lieben und auch bei Bernhard, ein Thron des Denkens, der den Fluß fließen lässt. Danke.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 19.04.22 um 13:36:
Adrian hat's ebenfalls erkannt.

 Jedermann (21.04.22, 22:14)
Schön dicht gepackte Erinnerung, auch wenn das Hauptobjekt der Erinnerung auf mich nicht so wirken würde (Ist ja auch nicht meine Erinnerung :) ). Die Fettflecken eines Beuys oder die Schüttbilder eines Nitsch haben bei mir überhaupt nichts wecken können. Wäre es möglich solch ein Bild mit kompetenter Führung, sprich Erläuterung durch einen Kunstexperten mit anderen Augen zu sehen? Mit Werken des Kubismus, Expressionismus, selbst mit Objekten eines Schwitters geht es, und man erschließt sich eine erweiterte Sicht.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 21.04.22 um 22:20:
Danke.
Meiner Ansicht nach ist eine Schüttbilderklärung nur sinnloses Geschwurbel, da kann man wohl das Blaue vom Himmel erzählen, meist ist es dann eine Vagina, die keiner erkennt oder religiös. Dennoch, diese Bilder wirken nur, rufen Gefühle hervor, so empfinde ich es. Alte Meister kann man erklären, charmant finde ich die Erklärung, dass der Feldhase von Dürer eine Katze war, irgendwo mal gelesen.
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