Levies Rückkehr

Text zum Thema Eigene Welt

von  Hell

Dieser Text ist Teil der Serie  Leseproben aus Hellheim

In der Unterwelt hatte sich viel verändert, seitdem Urd und Varandi ihre Arbeit niedergelegt hatten und damit Arania die gesamte Verantwortung über Raum und Zeit überließen. Sie liebte ihre Arbeit, doch seitdem die Menschen die Oberwelt beherrschten, wurde es schwieriger. Als die Feiertage des Julfestes ihr Ende nahmen und die Karten für das kommende Jahr neu gemischt waren, studierte sie ihr Schicksalsnetz. Ein fünfdimensionales Gewebe führte durch ein Loch im Boden, hoch zur Decke, durch diese Hindurch und breitete sich erst außer Sichtweite über den gesamten Himmel aus. Ihre Werkstatt, in der Dutzende Weberknechte an Spinnrädern saßen und feinstes Schicksalsgarn spinnen, befand sich unter den Wurzeln des Lebensbaumes. Laufmaschen über Laufmaschen knüpften viele ihrer sorgfältig gewobenen Gelegenheiten wieder auf. Es waren speziell die Fäden führender Staatsoberhäupter, die über viele Leben bestimmten und mit nur wenig Aufwand großen Schaden anrichten konnten. Sie wusste, es hatte alles seinen Sinn, auf das Schaffen folgte Zerstörung, aus Zerstörung folgt Schaffen. Würden die Menschen ihre Fehler nicht begehen, stünde die Welt still. Trotzdem war sie jedes Mal entsetzt über den Anblick. Ein ganzes Jahr würde es dauern, alle losen Stellen neu zu knüpfen. Als sie mit ihrer Hand über die schimmernden Fäden strich, spürte sie jedes Wesen, das sich dahinter verbarg. Sie hörte ihre Wünsche, ihr Bedauern und ihre Träume, nach diesen Kriterien sponn sie ihr Netz. Das neue Jahr nahm seinen Lauf und bis November waren alle Löcher geflickt.

"Es stimmt also wirklich, dass du den Laden jetzt allein schmeißt. Laufen die Dinge denn so schlecht, dass meine Schwester ihren Hofstab entlassen musste?", fragte Levie der schon eine Ewigkeit nicht mehr in der Hölle gesehen wurde.
"Aber, wo denkst du hin. Urd und Verandi genießen ihren wohlverdienten Ruhestand, nachdem sie die gesamte Herrschaftsperiode deines Vaters durchgestanden haben. Sie haben mir alles beigebracht, was sie wussten und beim Weben bin ich mit meinen acht Beinen schneller, wenn mir keiner die ganze Zeit reinquatscht", erklärte sich Arania. Sie fächerte kurz ihre restlichen Gliedmaßen auf und zwinkerte mit vier von acht Augen, die danach genauso schnell wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.
"Natürlich, einer Schwarzen Witwe kann keiner das Wasser reichen", sagte Levie und ließ seine Schmeichelei kurz absitzen, bevor er mit seinen Anliegen fortfuhr. "Weißt du, in den letzten Jahrtausenden, in denen ich die Erde zusammenhielt, wurde mir etwas bewusst... Einsamkeit ist eine schreckliche Qual. Ich bin schon eine ganze Weile wieder frei, aber auf Erden will niemand mehr mit mir reden. Die Menschen laufen vor mir davon und alle Tiere sind so klein, dass ich sie aus Versehen zerquetsche bevor wir über den Smalltalk hinaus sind."
Arania sah ihn mitfühlend an und war gespannt, was als Nächstes kommen würde.
"Kannst du mir ein Haustier in die Hölle schicken, ein Lebendes?", fragte er mit großen gelben Augen.
Sie strich wieder über ihre Schicksalsfäden und dachte darüber nach.
"An welche Art Tier hast du denn gedacht?", fragte sie schließlich.
"Ein Menschenkind", sagte er.
Sie verzog das Gesicht, es war ihr sichtlich unangenehm.
"Muss es den ein Kind sein?", wollte sie wissen und suchte bereits in ihrem Netz nach einem passenden Schicksal.
"Ja, die alten reden ja nicht mit mir, aber ein Kind könnte sich an mich gewöhnen", sagte er.
Sie seufzte und konzentrierte sich auf die Schicksale, die sie vor ihren inneren sechs Augen durchsah.
"Ich hab sogar etwas Passendes für dich. Wenn du ihn nicht holst, landet er im Lichtermeer."
"Du bist ein Schatz, Arania. Wenn ich mich jemals revanchieren kann, lass es mich wissen", meinte er.
"Ich komm bestimmt darauf zurück. Holen musst du ihn dir aber selber, ich sag dir wann und wo."



Anmerkung von Hell:

Kapitel 2 Leseprobe

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