Seelenstudie

Text zum Thema Eigene Welt

von  Hell

Dieser Text ist Teil der Serie  Leseproben aus Hellheim

Kenny liebte es zur Schule zu gehen, endlich traf er auf gleichaltrige. Er war zwar der einzige Mensch unter den jungen Hexen, aber davon wusste er nichts. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wurde an dieser Schule ein spezieller Schwerpunkt auf die Wahrnehmung gerichtet. Sprachwissenschaften beinhalteten Phonetik, Körpersprache und Schweigen. Mathematik gipfelte in Wahrscheinlichkeitsrechnungen und gelesen wurde nicht nur auf Papier, sondern auch an Gerüchen, Fäden und Strukturen. Wo auch immer eine Kombination an sich wiederholenden Mustern zu erkennen war, konnte etwas gelesen werden. Ein neues Fach der Mittelstufe war die Kunst des Schaffens, an diesem Tag war die gesamte Klasse im Allzeitenwald unterwegs, um eine Seelenstudie durchzuführen.
"Merkt euch Kinder, die Ur-Seele ist das Licht und Licht können wir auf viele Arten wahrnehmen", erklärte ihre Lehrerin als sie aus den Schatten der Bäume in eine Lichtung trat. Das Sonnenlicht brachte den Hügel neben ihnen zum Strahlen und das verdorrte braune Gras machte einen gemütlichen Eindruck. Die Schüler blieben auf dem vereisten Winterweg stehen und hörten aufmerksam zu.
"Unsere äußeren Augen fangen das gebrochene Licht ein, unsere Haut spürt die Wärme der absorbierten Infrarotstrahlen und unser inneres Auge lässt uns das gesamte Bild erkennen..."
"Ich kapier kein Wort von dem, was sie gesagt hat. Hast du eine Ahnung, was wir jetzt machen sollen?", fragte Kenny eine seiner Mitschülerinnen, nachdem er fünf Minuten auf seine Notizen gestarrt und bemerkt hatte, dass alle außer ihm weiter schrieben, obwohl die Lehrerin ihren Vortrag längst beendet hatte.
"Ganz einfach. Fang alles an Seelen ein, was du hier siehst", sagte Camilla, eine sehr bunte Hexe, die ständig die Farbe änderte, weil sie in ihren früheren Leben ein Chamäleon war.
"Aha... Und wie mach ich das?", fragte er immer noch ratlos, woraufhin sie ihm ihren Block zeigte, auf dem ein buntes Landschaftsbild gemalt war.
"Schau bei mir ist es so, ich hab den dunklen Schnee als eine Mischung aus Blau und Grau gemalt, aber an den Stellen wo das reflektierte Licht des Hügels ihn berührt, hab ich ein wenig Gelb hinzugefügt und das indirekte Licht ebenfalls eingefangen", erklärte sie ihm und er nickte.
"Ich hab aber nur einen Füller dabei, wie soll ich denn die Farbe ändern?", fragte er.
"Weiß nicht, bei mir geht das ganz von allein", sagte sie achselzuckend.
Er sah sich noch zwei weitere Bilder seiner Mitschülerinnen an. Auf einem waren nur Kleckse in verschiedenen Graustufen zu sehen und ein weiteres war mit schwarzen Linien schraffiert und gab die Szenerie erstaunlich gut wieder.
"Mal aber schön dein eigenes Bild, ich hab keine Lust Punkteabzug zu bekommen nur, weil du mich nachmachst", sagte Malina, die das Bild mit den Klecksen gemalt hatte.
"Werd ich nicht, ich hab schon eine Idee", sagte Kenny und begann mit seinem inneren Feuer das Papier an verschiedenen Stellen zu rösten, sodass braune statt schwarze Kleckse zu erkennen waren. Die gesammelten Werke wurden später in der Schulaula ausgestellt, damit sie in aller Ruhe betrachtet werden konnten. Im Laufe der Woche sollte jeder einen Aufsatz über das Bild eines anderen Schülers schreiben und diesem vortragen.

Kenny hörte sich die ersten Besprechungen an und wurde ein wenig nervös. In jedem bisherigen Bild fand sich etwas Lebendiges und keines von ihnen hatte Ähnlichkeit mit seinem. Als sein Bild präsentiert wurde, tat sich die Schülerin nicht schwer mit der Beschreibung, denn es war durchgehend Schwarz.
"Ich sehe auf diesem Bild die Leere, die sich im Kopf des Schaffenden aufhält", erklärte Malina, die sich vorgenommen hatte, ihren menschlichen Mitschüler zu rösten. Alle lachten und Kenny wurde verlegen.
"Wir bekommen hier einen Einblick auf die Scheuklappen der Bourgeoisie. In diesem schwarzen Eck gibt es keine Probleme, in diesem schwarzen Eck ist es Zeit für das Mittagessen und hier haben wir die Vorhänge zugezogen, um noch länger schlafen zu können", sagte sie und diesmal lachte sogar die Lehrerin, denn Kenny verschlief regelmäßig die Vormittage.
"Ein passender Titel für dieses Bild wäre 'Das süße Leben'.", mit diesen Worten beendete sie ihren Vortrag und Kenny durfte Stellung beziehen. Sein Ego war etwas angekratzt, aber er wusste sich zu verteidigen.
"Das hier ist ein schwarzes Loch. Darin befindet sich das Licht unzähliger Sonnen und wenn man genau hinsieht, erkennt man ein weißes Loch hinter dem schwarzen", erklärte er während er das Papier aus dem Rahmen nahm und umdrehte, auf dieser Seite war es weiß.

Nach dem Unterricht traf sich der Großteil der Schüler im Hexagon, einem Kaffeehaus. Wie alle Häuser in Hellheim bestand, es aus einem Wurzelgeflecht, das mithilfe von ein wenig Zauberei in gemütliche Bahnen gelenkt wurde und durch runde Fenster an allen möglichen Stellen stimmig beleuchtet wurde. Der Billardtisch im unteren Stock war kunstvoll in das Wurzelholz geschnitzt worden, ein Leuchter mit schwebenden Flammen hing darüber. Wie jeden Freitag waren, unter den Gästen, überwiegend Studenten, aber auch rastlose Seelen fanden ein Plätzchen in den hohen runden Nischen des Atriums. Hier trank man viel zu süße Cocktails aus knöchernen Gläsern und ließ die Woche ausklingen. Da Kenny die erste Runde gezahlt hatte, durfte er das Spiel eröffnen. Nach einem lauten Knall verteilten sich die bunt bemalten Elfenbeinkugeln auf dem grünen Stoff und die 13 traf ins obere Eck. Nach einem weiteren Stoß gelang es ihm auch die 9 und die 12 einzulochen, aber die weiße Kugel gleich mit. Seine Gegnerin Annette hatte nicht nur einen schönen Busen, sondern schaffte es gleich drei der Vollen in einem Zug einzulochen und Kenny im nächsten gar keinen.
"Wenn du den Quo etwas lockerer hältst und ihn ein paar mal zwischen deine Finger rutschen lässt, könnten deine Stöße durchaus gefährlich werden", sagte sie mit einem Augenzwinkern, das genauso gut eine Zielhilfe sein konnte. Wieder gelangen ihr zwei Kugeln und Kenny musste sich anstrengen sich jetzt nicht zu blamieren. Diesmal legte er seinen Finger nicht um das Holz, sondern befolgte ihren Rat und holte auf. Annette legte sich bei ihrer letzten Kugel weit über den Tisch, was ihm wenigstens einen schönen Ausblick auf ihr Dekolletee gestattete, doch er verlor das Spiel und musste den Tisch verlassen, sie blieb und spielte gegen den nächsten.
"Wow, so schlecht hab ich dich schon lange nicht mehr spielen sehen", sagte Camilla lachend. Erst zuckte er mit den Achseln als wär es keine große Sache, doch es ärgerte ihn und als er einen passenden Spruch parat hatte, so etwas wie 'Hab ja auch schon länger nicht mehr eingelocht', sah er in Camillas, rot-grüne Augen und sagte stattdessen,
"Pech im Spiel, Glück in der Liebe heißt es...", und er sah, wie auf ihrem Gesicht goldene Ornamente über die rote Haut zogen und gleich wieder verschwanden als sie ihren Blick auf seine Schuhe richtete. Seine ledernen Halbschuhe waren frisch poliert und liefen bei den Zehen spitzen zusammen, sie sahen tadellos aus, trotzdem wurde er unsicher und kratzte sich mit einem Fußrücken an der Wade. Sie sah wieder zu ihm hoch, doch viel zu lange hatte keiner etwas gesagt, deshalb ergriff sie die Flucht. Er sah sich das nächste Spiel an und freute sich, dass Annette auch dieses gewann, sie war ein starker Gegner. Er ging nach draußen um eine zu Rauchen und stellte sich zu der kleinen qualmenden Versammlung von Schulkollegen dazu.
"Habt ihr euch schon überlegt, für welche Stelle ihr euch bewerbt?", fragte eine in die Runde.
"Ich hab sogar schon 'ne Zusage", quietschte die nächste ganz euphorisch. "Ich fang schon im Sommer im Walhalla Gardens an."
"Im Strandclub oder im Kolosseum?", fragte Kenny, der das Restaurant gut kannte, schließlich war er Teil von Hells Schloss und damit auch von seinem Zuhause. Dort wurden die Krieger, die am Schlachtfeld fielen, gefeiert, bevor sie in ihre neue Heimat einzogen und es wurde gesoffen bis sich alle wieder vertragen hatten, sonst würde es im Laufe der Ewigkeit nur zu Streitereien kommen. Für normal verstorbene wäre so ein Abend viel zu teuer, denn die Währung in Hellheim ist Zeit fürs nächste Leben. Wer als Pleitegeier seinen Schritt ins nächste Leben wagt, landet höchst wahrscheinlich im Lichtermeer und muss sich auf sein Glück verlassen.
"Das haben sie nicht gesagt, aber der Beach Club wär mir lieber", sagte sie und hoffte, dass er ein gutes Wort für sie einlegen würde, warum hätte er denn sonst nachgefragt.
"Wie sieht denn dein Plan für die Zukunft aus?", fragte Malina und sah Kenny dabei an.
"Ich geh mit meinem Onkel auf Weltreise", sagte er und klang dabei wie ein Angeber.
"Coole Sache und was machst du dort?", fragte sie wenig beeindruckt.
"Von einem Ort zum anderen reisen und neue Sachen entdecken, ich war noch nie auf der Oberwelt, also kann ich auch noch nichts dazu sagen."
"Ihr bereist die Oberwelt!?", fragte eine Andere und sah ihn entsetzt an. "Echt mutig von dir."
"Meine Mitbewohnerin war einmal oben und sie hat gesagt, die Leute dort sind vollkommen durchgeknallt. Einer von ihnen hat versucht..."
"KENNETH HELLSON! Du rauchst in aller Öffentlichkeit! Ich bin schon gespannt, was Hell dazu zu sagen hat", schimpfte Arania, die sich von hinten an Kenny herangeschlichen hatte und ihn gehässig in die Schulter kniff. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er sich um und ließ die Zigarette in seiner Hand gänzlich in Flammen aufgehen.
"Tut mir leid, dass du das gesehen hast. Bitte verrate mich nicht", bat er sie, als er schon das Gelächter im Hintergrund hörte. "Diese Blamage ist doch Strafe genug."
"Du blamierst das Königshaus, nicht ich dich!", sagte sie wütend und nahm ihn mit zum Schloss.


   


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