Kennys letzte Nach in Hellheim

Text zum Thema Eigene Welt

von  Hell

Dieser Text ist Teil der Serie  Leseproben aus Hellheim

Kenny hatte bis spät in die Nacht hinein alle seine Habseligkeiten in große Truhen gepackt. Neben seinen ganzen Kleidern und Schuhen hatte er außerdem einen Lederbeutel voller Parfümfläschchen, Aftershave und Potions, die ihn für allerlei Wehwehchen er Oberwelt wappnen sollten. Er wusste, dass die medizinischen Standards der Oberwelt ihn schneller als erwünscht die Heimreise antreten lassen konnten. Ein paar Bücher und Snacks gegen das Heimweh durften natürlich auch nicht fehlen. Saure Wurmis, getrocknete Heuschrecken und der Krabbelmix machten nur einen Bruchteil des Gewichts seiner Bücher aus, obwohl sie 80 % des Volumens einnahmen. Sein Zimmer war noch nie so ordentlich in fünf große Holztruhen gepackt, der ganze Raum kam ihn auf einmal lieblos und kalt vor. Er legte sich aufs Bett, doch an Schlaf konnte er nicht denken, dafür aber an Camilla. Er hatte die ganze Woche damit verbracht, einen Aufsatz über ihr Bild zu schreiben. Am zweiten Tag hatte sie herausgefunden, dass er ihres ausgewählt hatte und seitdem hatte sie ihn mehr Beachtung geschenkt als üblich. Am vierten Tag war er sich sicher seinen spontan aufgetretenen Verfolgungswahn einer blumig duftenden Chamäleon Hexe zu verdanken. Als er sie das nächste Mal roch, blieb er plötzlich stehen und drehte sich wieder um, wobei er ein unsichtbares Mädchen direkt umhaute. Er hörte ein 'Entschuldigung' sah aber niemanden und der blumige Duft verschwand mit schnellen Schritten. Die Wut auf seine nervige Stalkerin schabte erst beim Schreiben des Aufsatzes in Zuneigung um, als er in ihrem Bild immer mehr kleine Details entdeckte. Eine Libelle im Schatten der Weide, ein Glückskäfer auf der Baumrinde, ein Ast Käfer, der ihm als Letztes auffiel, brachte ihn zum Lachen. Ein riesiges Suchbild mit mindestens 300 Tieren. Er beschrieb es mit einem einfachen Wort 'Magisch'. Es dauerte die ganze Woche, bis sie für ihn wieder sichtbar wurde. Dann gibt sie auch noch zu, ihm beim Trainieren für das Billardturnier beobachtet zu haben. Wieder huschte ihn ein Lächeln übers Gesicht als er daran dachte und endlich setzte er sich in Bewegung. Er spazierte einfach zur Tür hinaus, entzündete seine Haare als Fackel Ersatz und begab sich zu Camillas Wohnheim. Am Campus Gelände brannten in den meisten Häusern noch Licht, deshalb klingelte er einfach um 3:00 Uhr morgens bei ihrem Namen. Tatsächlich waren sie und ihre Mitbewohnerin Malina damit beschäftigt, Karten zu spielen. Als sie ihn ins Zimmer bat, sah er am Spieltisch eine Horde Miniatur Zombies gegen einen fliegenden Pegasus Ritter kämpfen und da die Zombies mit Armbrüsten ausgerüstet waren schossen sie den Ritter wie einen Vogel vom Himmel und rissen ihn auseinander. Camillas Punktestand fiel auf Eins und Malina jubelte. Sie hatte ebenfalls nur noch einen Lebenspunkt übrig, aber auch eine Horde Zombies mit Armbrüsten. Camilla herrschte über eine leere Wüstenlandschaft. Gespannt verfolgte Kenny das Finale dieses Duells. Camilla tappte all ihre Länder und spielte zwei weiße Kaninchen, die sich jede überstandene Runde vervierfachen würden. Malina spielte eine weitere Rüstung und hatte keine Karte mehr übrig, dafür erhielt ihre Zombie-Horde nun ein pedalbetriebenes Flugzeug. Malina gewann damit das zweite von drei Spielen und nach einem sanften Tritt ihrer Freundin ging sie schlafen und ließ die Beiden allein.
"Wir würden gut zusammen passen, wir sind beide miserable Spieler", sagte er, denn er wollte gleich zur Sache kommen.
"Du hast doch nur die letzten 10 Minuten zugesehen, ich hab...", sagte sie und verstummte als er auf sie zukam um sie zu küssen.
Reflexartig schnappte ihre Chamäleon-Zunge nach vorn und klebte ihn die Lippen wieder zu. Er sah überrascht aus, fast entsetzt und sie ließ ihn wieder los.
"Tut mir leid, ich hab das noch nie gemacht!", rief sie entschuldigend und wurde wieder unsichtbar.
"Nein! Mir tut es leid, ich komm hier rüber wie ein verrückter Triebtäter! Dabei wollte ich mich eigentlich nur verabschieden. Ich reise morgen in die Oberwelt und wollte nur, dass du weißt, dass ich dich mag", erklärte er verlegen.
Er sah wie sich die Hängeschaukel in der sie zuvor saß bewegte, dann spürte er ihre weichen Hände an seinen Wangen, ihre Lippen auf seinen und er war froh diese Gelegenheit nicht verpasst zu haben.


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Kommentare zu diesem Text


 Teichhüpfer (14.05.22, 17:45)
Es läßt sich nix ändern. Das ist eine bitter Erfahrung mit der " Oberwelt"

 Hell meinte dazu am 15.05.22 um 08:58:
So ist das, wenn man plötzlich aus dem Tod gerissen wird und ins Leben tritt...
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