Wie zerronnen, so gewonnen

Tagebuch zum Thema Glaube

von  Fetzen

Etwas braut sich in mir zusammen. Ein Unverständnis an Verzweiflung grenzend, gemildert nur durch die Erkenntnis, dass es sinnlos ist, meine Kraft auf das Rütteln und Schütteln anderer Menschen zu verschwenden; so sinnlos, dass mir schon beim Gedanken daran die Glieder erschlaffen. Da ist nichts zu machen.

R. schrieb mir gestern, seine Mutter spreche seit dem Mord, der sich vor zwei Tagen im Dorf ereignet hat (38-jähriger Dauer-Hartzer schlägt Kommunalbeamten i.R. den Schädel ein), vermehrt von Gespenstern. Ob sie den Mörder von einem Dämon besessen wähne? Nein. Die Gespenster geisterten durch das Haus. Das Haus ist der Grund, warum R. sich trotz allem weigert, ganz mit seiner Mutter zu brechen. Die Verbundenheit mit dem Haus ist seine einzige Gemeinsamkeit mit der Mutter, mit der er keine seelische Verbundenheit fühlt, der er die Seele ganz allgemein abspricht als etwas, das außerhalb ihrer Reichweite läge, intellektuell und emotional, mit der er aber des Hauses wegen zu Lebzeiten nicht brechen könne. R. wartet auf den Tod der Mutter, als könne der ihn von allen ausgestandenen Übeln erlösen und nur der Verstand, behauptet er, die Aussicht auf einen Gefängnisaufenthalt, trenne ihn von Menschen wie diesem 38-jährigen Mörder; er habe die Mutter in seiner Vorstellung mehrfach getötet und keine Reue empfunden, höchstens eine Abneigung rohe Gewalt anzuwenden. R. stellt sich vor, dass seine Mutter in seiner Anwesenheit vom Tod selbst übermannt wird, ein Sturz auf dem glatten Fliesenboden des Hauses. Die Mutter hat zwei künstliche Hüftgelenke und Wasser in den Beinen. Fessellose Klumpen mit rauer, schuppiger Haut: Elefantenbeine. Das sage ich nicht laut. Seine Tochter hat diese Beine geerbt, seine Schwester hat sie. R. hat für sowas kein Auge. Zum Glück vielleicht.

R. stellt sich vor, wie er seiner Mutter beim Sterben zusieht, mit bewegungsloser Miene und ohne ein Wort zu sagen ihrem Flehen widerstehend. Es ist verständlich, dass das Flehen in dieser Phantasie eine so große Rolle spielt, sein stummes Flehen, das nie erhört wurde, das diese Mutter wegsteckte wie nichts, ohne ein Ünzchen mütterliche Berührtheit. Das Haus ist ihr Geburtshaus und sein Sommerhaus, der Ort, wo er, solange die Großeltern lebten, alle Ferien verbracht hat, während er die Eltern in einer 400 Kilometer entfernten, mittelgroßen Stadt in sicherer Entfernung wusste. R. hat in diesem Haus ein schwarzes Huhn in einem spontanen Wutanfall mit Wasser übergossen und es dann unter Tränen zärtlich, Feder für Feder, trocken geföhnt und seine eigene Schlechtheit verdammt. Mehr braucht man über R. nicht zu wissen.

Ich schrieb prompt zurück, dass seine Mutter doch schon früher von diesen Gespenstern gesprochen habe, die im Geburtshaus seit jeher herumgeisterten; in ihrer Kindheit habe ein Schutzengel aus Porzellan an ihrem Bett gewacht, damals in der Zeit vor den Fliesen, als alle in einem einzigen Zimmer schliefen und die Hühner sich auf dem Küchenboden entleerten. Diesen Schutzengel hatte D., eine Cousine von R., deren Vater bei einem Autounfall umgekommen war, bevor sie geboren wurde, R.s Mutter abbetteln wollen. Die Cousine D. war schlecht ins Leben gestartet. Ihre Mutter E. war 19, Witwe und untröstlich. Der tote Vater hatte den Wagen nicht gefahren, war also unschuldig, hatte aber jede Menge Alkohol im Blut. Das war Ende der 70er Jahre. Anfang der 90er wurde in derselben Gegend ein Autowrack aus dem Meer gefischt, in dem sich die Überreste eines verschollenen Touristen befanden, der schon viele Jahre als vermisst galt. Er hatte den Bootssteg mit der Straße verwechselt. D. zog als Sechsjährige zu den Großeltern, weil ihre Mutter nicht auszuhalten war und bekam es dort mit den Gespenstern zu tun. Die Frauen in R.s Familie sind furchtsam, abergläubisch und einsam. Mutig und vernunftbegabt war nur die Großmutter, die zu viel trank und schwielige Hände hatte, mit denen sie am laufenden Band Kartoffeln schälte, Hühner rupfte und Butter rührte (zuständig fürs Töten war der Großvater; er schlug den Hühnern die Köpfe ab und erstickte die Katzenjungen in einem Sack), die Großmutter verlor kaum ein Wort über irgendetwas und hatte fünf Kinder von vier verschiedenen Männern, drei davon, darunter der Vater von R.s Mutter, blieben den Geschwistern ein Leben lang unbekannt, aber die Leute im Dorf wussten beim Anblick der Gesichter, um wen es sich handeln musste. Das Kind D., R.s Cousine, bekam den Schutzengel nicht. Diese Erinnerung erzählte R.s Mutter mit aufgeschreckter Entrüstung im haarigen Gesicht, Entrüstung über die Bitte des Kindes, die gierig und unverschämt gewesen sei, denn es sei ihr Schutzengel, den gebe sie nicht her, noch immer stehe er auf ihrem Nachttisch und helfe gegen die Gespenster.

            R. antwortete, er glaube, seine Mutter sei dabei verrückt zu werden. Ich wieder prompt, dass das Gerede von Gespenstern und Übersinnlichkeit nur Blabla sei, das ich niemandem als wirklichen Glauben abnehmen könne, es diene nur dazu, sich in irgendein verfügbares, unverfängliches Gefühl hineinzusteigern, eine Ausflucht dieser verlorenen, einsamen, aussichtslosen Frauentypen, die nur gelernt haben, Rollen zu übernehmen, nicht Mensch zu sein und deren Dasein so trist ist, dass die Toten ihnen Glanz hineinbringen müssen. Es sind die Ohnmächtigen, die höhere Mächte beschwören, um der unerträglichen Langeweile eines freudlosen, ungerechten Lebens einen Sinn zu verleihen und sich einen ausgedachten Wert, den sie in ihrer faktischen sozialen Wirklichkeit nicht spüren können. Der Stift fällt mir durch die Finger.


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Kommentare zu diesem Text


 Thal (26.04.22, 17:35)
Geschichten vom Dorf. Schön irgendwie. Erinnert mich an unsere durchgetickte Oma Adele hier, die mit ihren Hühnern zusammen im Haus gelebt hat.
Und das mit dem Geister sehen und an sie glauben ist so eine Sache. Wenn man wirklich mal einen gesehen hat, fragt man sich natürlich ob man noch ganz richtig tickt. Manchmal sehen Kinder ja auch die merkwürdigsten Sachen. Ich fand es ganz spannend eigentlich. Aber ich halte mich zurück, jetzt etwas übertrieben reinzuinterpretieren in diese Erscheinungen. Möchte nur sagen, für jemand, der so etwas noch nicht gesehen hat, ist das kaum nachzuvollziehen, so wie die Sichtung eines UFO zB auch. Ganz möchte ich aber nicht glauben, dass unter den stumpfen Oberflächen nicht noch etwas anderes existiert.

 Fetzen meinte dazu am 26.04.22 um 19:53:
Lieber Thal, egal, was eine Person gesehen haben mag, die Nachvollziehbarkeit ergibt sich nicht nur aus dem Inhalt, sondern aus der Erzählweise. LG Fetzen

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 27.04.22 um 10:33:
So ist es.

Durch Verwendung von Begriffen wie "Dauerhartzer" macht der Erzähler einen sehr unsympathischen Eindruck. Er erhebt sich in seinem Schlussworten nochmals über in prekären Situationen lebenden Menschen, wenn er 

Es sind die Ohnmächtigen, die höhere Mächte beschwören, um der unerträglichen Langeweile eines freudlosen, ungerechten Lebens einen Sinn zu verleihen und sich einen ausgedachten Wert, den sie in ihrer faktischen sozialen Wirklichkeit nicht spüren können.

sagt.

 Fetzen schrieb daraufhin am 27.04.22 um 17:44:
Lieber Dieter_Rotmund, ich glaube, da projizierst du deine eigenen Bewertungen auf den Erzähler. Ich zum Beispiel finde Dauer-Hartzen sehr sympathisch! LG Fetzen

 Dieter_Rotmund äußerte darauf am 27.04.22 um 18:29:
Nein, definitiv nicht, wie ich es durch die entsprechenden Textstellen belegen konnte.
Es steht dir natürlich frei, den arroganten Erzähler sympathisch zu finden, die Arroganz desselben habe ich jedoch belegt. 
Grundsätzlich müssen Erzähler ja nicht sympathisch sein, das ist nichts ungewöhnliches.

 Fetzen ergänzte dazu am 27.04.22 um 20:52:
Hallo noch mal, Dieter_Rotmund. Die Textzeilen belegen keinerlei Arroganz. Du witterst Arroganz hinter ihnen, das hat etwas mit dir und wen oder was du ablehnst zu tun. Wenn man Dauer-Hartzen nicht ablehnt, lehnt man auch den Begriff nicht ab. Auch der letzte Abschnitt bewertet die Personen nicht, er betrauert die missliche soziale Lage, aus der heraus sie Zuflucht im Aberglauben suchen. LG Fetzen

 Thal meinte dazu am 28.04.22 um 01:45:
Ja, hatte das auch eher in Richtung Mitgefühl verortet.
Und es stimmt natürlich, dass das Wie und Womit ein Text auf einen Leser wirkt kein Beleg in irgendeine Richtung zur Haltung des Autor zu einer Sache ist, es sei denn, sie wird unmissverständlich dargelegt.
Die Erzählweise tut das hier aber nicht.. ^^
Außerdem besteht ja zwischen Aberglaube und außersinnlicher Wahrnehmung auch noch ein großer Unterschied.
Es gibt viele Abergläubige, die noch nie etwas der herkömmlichen Realität Entrücktes wahrgenommen haben, deshalb ist es ja dann auch ein „daran glauben“ und kein „ich habe es gesehen“.

 Ralf_Renkking meinte dazu am 28.04.22 um 01:55:
Der Begriff "Dauerhartzer" wird gerne mit dem des "Sozialschmarotzers" in einen Topf geworfen, ist jedoch in diesem Fall in Klammern gesetzt und vermittelt damit eher den Eindruck, einer Headline entnommen worden zu sein, 
wirft also weniger auf den Erzähler als vielmehr auf den Journalismus ein schlechtes Licht. 🙂

Ciao, Frank

 Fetzen meinte dazu am 28.04.22 um 11:42:
Hallo Thal, da haben wir uns teilweise missverstanden. Mit der Erzählweise meine ich nicht die Erzählweise dieses Textes, sondern die Art und Weise, wie jemand., in diesem speziellen Fall R.s Mutter von ihren übersinnlichen Begegnungen erzählt, also die mündliche Erzählweise mit allem, was dazugehört, Tonfall, Mimik, Gestik usw. Ich freue mich darüber, dass dir im Gegensatz zu Dieter_Rotmund das Mitgefühl nicht entgangen ist! LG Fetzen

 Fetzen meinte dazu am 28.04.22 um 11:50:
Lieber Ralf-Renkking, stimmt - der eingeschobene Satz in Klammern imitiert den Stil einer Headline, das hast du korrekt analysiert! Ob jemand dauerhaftes Hartzen mit sozialem Schmarotzen gleichsetzt (wie offenbar Herr Rotmund) oder es einfach als ein Einkommen im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft für manche ihrer Mitglieder bietet, ansieht, liegt im Auge des Bewerters. LG Fetzen

 Ralf_Renkking meinte dazu am 28.04.22 um 12:36:
Eben deshalb bevorzuge ich normalerweise den Begriff 'Hartz-IV-Dauerempfänger', denn die negative Konnotation von "Dauerhartzer" entsteht in Anlehnung an den Käse, der nun einmal desto mehr stinkt, je länger er liegt, als Seitenhieb auf die Boulevardpresse in diesem Fall allerdings erscheint er mir gelungen. 

Ciao, Frank

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 28.04.22 um 12:45:
Lieber Fetzen, kann es sein, dass dir ein wenig Distanz zu diesem Text fehlt und du deshalb die Augen vor dem Offensichtlichen verschließt? Wenn du mit Kritik nicht umgehen kannst, so hilft es nicht, den Kommentator zu beleidigen.
"...der nun einmal desto mehr stinkt, je länger er liegt"
Ralf hat es treffend formuliert, "Hartz-IV-Dauerempfänger" wäre eine adäquate, nicht überhebliche Bezeichnung.

 Thal meinte dazu am 28.04.22 um 15:41:
„Dauerhartzer“ rockt aber! 😄👍🏻

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 02.05.22 um 09:41:
P.S.
zeronnen -> zerronnen

 Fetzen meinte dazu am 02.05.22 um 10:10:
Danke für das "r", Dieter_Rotmund!

Ich verstehe die Assoziationen, die das Wort Hartzer bei euch hervorruft und auch die damit verbundenen Bedenken. Als Mitglieder eines Literaturforums versteht ihr vielleicht auch, warum Hartz-IV-Dauerempfänger oder ganz korrekt ALG-II-Dauerempfänger in einem literarischen Text eher sperrig und trocken wirkt, auch dann, wenn der Satz, in dem es vorkommt, auf den Boulevardjournalismus verweist. Dauer-Hartzer rockt deshalb, weil die Ableitungen hartzen und Hartzer kreative Wortschöpfungen sind: aus dem Eigennamen eines Typen, dessen Gesicht alle schon vergessen haben (oder??) wird ein Verb gemacht, dadurch wird das passive Empfängersein in eine aktive Handlung umgewandelt und erhält dadurch eine ironische Konnotation, aber nicht zwangsläufig eine abwertende. Vielleicht ist es auch eine Generationsfrage, in meinen Kreisen wird das Wort Hartzen selbstverständlich genutzt, aber als Möglichkeit, die man (zum Glück) immer noch hat, wenn man keine Lust mehr auf seinen Scheißjob hat. Die früher verbreitete Ansicht, jede Scheißarbeit wäre besser und respektierlicher als Stütze, ist im Aussterben begriffen. Nur wenn diese als Maßstab angelegt wird, beinhaltet der Begriff Abwertung. LG, Fetzen.

https://www.youtube.com/watch?v=S6Qz68kfxuY

Antwort geändert am 02.05.2022 um 12:14 Uhr

 HeBu meinte dazu am 08.05.22 um 00:55:
Gerade dieser Satz macht eine unglaubliche Spannbreite auf: "Dauer-Hartzer schlägt Kommunalbeamten i.R. den Schädel ein".
Jemand in ständiger Unsicherheit, der von der Hand in den Mund lebt, erschlägt einen, der in seinem ganzen Berufsleben eine Versorgungsgarantie des Staates erhielt, sogar bis zu seinem Tod. Weiter auseinander kann man gesellschaftlich kaum sein.
Für mich ist der Begriff eine Zustandsbeschreibung, ob es Diskriminierung ist oder nicht, liegt in der Interpretationsfreiheit des Lesers.

Eines, so glaube ich, gibt es in der Literatur nicht den richtigen Standpunkt. Den gibt es in der Schule und in den
Literaturwissenschaften.
Ein Autor schreibt nicht für die Schule und auch nicht für die Wissenschaft. Genauso wenig baut jemand ein Auto für die Automechaniker. Einen gibt es nur, weil es die anderen gibt.

 Fetzen meinte dazu am 08.05.22 um 09:49:
Danke, HeBu, dass du den Kontrast zum Kommunalbeamten i.R. einmal so ausdrücklich hervorgehoben hast, ich dachte schon, er sei in den Gefühlsaufwallungen um die Bezeichnung Dauer-Hartzer untergangen. Du deutest ihn ganz in meinem Sinne :)


Ein Autor schreibt nicht für die Schule und auch nicht für die Wissenschaft.
Ja. Das hast du gut auf den Punkt gebracht!

 Ralf_Renkking meinte dazu am 08.05.22 um 10:32:
Gefühlsaufwallungen?
😂😂

Ciao, Frank

 Fetzen meinte dazu am 08.05.22 um 11:52:
Ok, Ralf-Renkking, in der initialen Gefühlsaufwallung, zu welcher du dich in angemessen sachlichem Stil geäußert und den Satz im Kontext des Textes gedeutet hast, allerdings nicht im Binnenkontext, d.h. im Verhältnis zum Komunalbeamten i.R., was auch nicht nötig ist, den unterschiedlichen Lesenden fallen unterschiedliche Zusammenhänge auf. Zufrieden ?

 Ralf_Renkking meinte dazu am 08.05.22 um 18:14:
Na, ich weiß ja nicht, denn Dieter Gefühle, geschweige denn Gefühlsaufwallungen, zu unterstellen, empfinde ich schon als recht witzig. 👋😂

Ciao, Frank

 Fetzen meinte dazu am 10.05.22 um 08:09:
Es freut mich, dich erheitert zu haben. LG, Fetzen
Browiak (67)
(05.06.22, 14:43)
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 Fetzen meinte dazu am 05.06.22 um 16:13:
Vielen Dank, Browiak! Ich fand die Empörung, die das Wort Dauerhartzer auslöste auf eine Art rührend, dass die Unmittelbarkeit eines Textes auch Unmittelbares Hochstoßen von eigenen Werten bei manchen Lesenden begünstigt, kann ich schon nachvollziehen. Auch wenn dabei bisweilen vermeintliche Bewertungen aus dem Kontext und dem Stil gerissen werden. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob der folgende Tagebucheintrag, in dem meine Haltung zur Erwerbsarbeit kurz angerissen wird, den Eindruck der Herren verändert hat.
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