Der klassische Bausparer

Text zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

So kann ich mir mit den Zinsen des klassischen Bausparers nicht einmal mehr ein Achterl kaufen, sprich 1/8 Weiß oder Rot, sprich weiter, Wein, aber in Österreich, besonders in Wien sagt man Achterl, alles mit Maß ohne Ziel, dann meistens. Sechs Jahre gespart, konservativ angelegt, ergeben € 1,03.-.

Nun, hätte ich die € 25.- jedes Monat in die Schublade gelegt, sprich ins Ladl, hätte ich sicher mehr herausbekommen, denn in den Tiefen finden sich immer einzelne Centstücke. 


So ist das, immer am Raunzen, am Jammern, Sudern, wie der Wiener so schön sagt, aber "is ja wahr!", bei Geld hört es sich auf. 

Schon der Großvater impfte ein, schließlich war er Arzt, dass das konservative Sparen dir, nämlich mir, er sprach zu mir, nichts wegnimmt, aber, Opa, würde ich jetzt sagen, es gibt dir auch nichts. (Das er Aktien hatte, das verschwieg er tunlichst!)


Aber, dass viele Frauen sich nicht um ihre Finanzen kümmern, zumindest nicht um Sparformen, ist ein gängiges Phänomen. Meine Freundin ist eine Ausnahme, sie hat eine Eigentumswohnung und nun einen Grund, man sagt Grund und meint ein Grundstück, gekauft, dazu liest sie nur noch Finanzbücher, hat Fonds, längerfristiges, Aktien und dann auch Dividendenausschüttung. Klingt schön, ist es auch, mich langweilte es. 


Die Großmutter hatte ein einfaches Prinzip, nämlich Geld ausgeben, am Schädl hauen, dies so, dass sie, als sie die Vollmacht für Großvaters Konto bekam, man dachte, er würde bald sterben, lebte aber dann noch zehn Jahre weiter, mehr schlecht als recht, also so, dass sie alles ausgab, was der Großvater jahrzehntelang gespart hatte und nach ihrem Tod ein Minus von € 462,03 Cent da war oder eigentlich nicht da war. Das sagten wir ihm nicht. Bei einem monatlichen Einkommen von x-tausenden Schillingen, es war gerade der Wechsel zwischen Schilling und Euro, war das schon sehr beachtlich, besonders ohne Onlinehandel und fast nie außer Haus gehen. 

Es stellte sich aber bereits neben dem Sarg heraus, da stand der Pfarrer und redete über die Liebenswürdigkeit der Therese, dass sie gerne an die Kirche spendete und die neue Glocke, der wahrlich katholische Spendenklassiker, eigentlich müssten überall nur neue Glocken hängen, ja, in ganz Österreich nur neue Glockenklänge erklingen, zahlte zum großen Teil die Großmutter und da hörte man ein Raunen durch die Menge, das der Erben, ich raunte nicht, denn ich dachte nur an Ablasshandel, das war ganz sie. Der Großvater war in sich versunken, der war fast taub, der hörte das nicht, auch nicht die neue Glocke, die dann extra lang vor sich hin bimmelte, bis der Sarg ins Auto eingeladen wurde und auch der Großvater vorne, da im Leichenwagen, mit eingeladen wurde, also mitzufahren, was er tat, was makaber war, aber er konnte nur noch wenig selbst gehen und da gingen wir im Schritttempo hinterher, den steilen Weg hinauf, hinter Oma und Opa, letzterer bewegte sich noch, sie wurde nur ein wenig geschüttelt. Ja, das war grausam, aber ich hörte meine Kusine hinter mir zischen: "Scheiß Glocke!" und dachte "Drecksvieh, elendiges!" und meinte aber sie. Am Weg hinauf, das war und ist steil, läutete noch ein Totenglockerl, da drehte ich mich um und sagte scharf, ja, im allerschärfsten Tonfall: "Die hat die Oma sicher auch bezahlt, ärger dich ruhig weiter hinter dem Sarg!" Ich sagte es extra laut, damit es alle hören. 

Natürlich haben sich die zwei Kusinen das ganze Erbe eingehamstert, mit fetten Hamsterbacken rafften sie alles an sich, was sie noch kriegen konnten, sogar das Chanel 05 von der Oma als Entschädigung für das Minus am Konto.

Im Hintergrund schlug die Glocke zum Mittagessen. Ich lächelte. 


Ja, € 1,03 Cent Zinsen und das in sechs Jahren, das ist, was ich heute bekommen werde. Mittlerweile habe ich schon ein schönes Platzerl für mein Geld in der Schublade geschaffen, gleich neben den ausrangierten Mitgliedskarten von unzähligen Geschäften, die ich gar nie betrete. Geld ist zum Ausgeben da, sagte die Oma, denke ich, und bestelle mir jetzt ein Buch über Finanzbewusstsein, eröffne einen ETF und kaufe mir Aktien. Ich gebe es nicht mehr aus, vielleicht später, aber jetzt spare ich, damit ich mir einen Doppler kaufen kann, das sind zwei Liter Wein. Ich bin nämlich ang'fress'n. Das kann man nicht übersetzen, vielleicht mit angepisst, doch.


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Kommentare zu diesem Text


 franky (27.04.22, 11:43)
Hi liebe Mondscheinsonate
 
Schön wieder was von Dir zu lesen.
Hautnah erzählt, gefällt mir.
 
Herzliche Grüße nach Wien von Franky

 Mondscheinsonate meinte dazu am 27.04.22 um 14:40:
Dankeschön!

 Graeculus (27.04.22, 14:12)
Ein Achterl, das gibt's? Das ist ja kaum mehr als ein angefeuchteter Glasboden! Hier ist man noch nicht tiefer gesunken als bis zum Viertele.
Aber die Zinsen, die gibt's auch hier. 3 Cent waren es für 2021 in unserem Fall.
Bin ich deshalb ang'fress'n? Nein, ich habe einen Hals von hier bis Bagdad und trinke mir ein ganzes Fläschle. Schon beim Schnuppern daran sind die 3 Cent futsch.

Wärst Du eigentlich, rein hypothetisch gefragt, ang'fress'n, wenn man Dich die Antwort von keinVerlag auf Thomas Bernhard nennen würde? Mit einem Achterl mehr Humor, jedenfalls.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 27.04.22 um 14:18:
Um Gottes Willen, ich hab noch nie so ein Kompliment bekommen! 
Vielen Dank!
Ja, es gibt ein Achterl, ein Fluchtachterl, die Ausrede nicht nachhause gehen zu wollen. "Kumm, trink ma no a Achterl", meistens werden es drei oder vier, dann noch a Schnapserl. Das Achterl ist das höchste Gut der Saufkultur! Das trinkt man mit guten Freunden, die man meistens dann nimmer kennt, spätestens am nächsten Tag. :)

 Quoth schrieb daraufhin am 28.04.22 um 23:30:
Ja, das liest sich und tut gut, weil es sich um wirkliche Sorgen handelt. Dein Humor ist anders, liebenswürdiger als der von Thomas Bernhard, aber dies Leichenbegängnis, darüber hätte ich noch stundenlang hören können! Die Kusinen mit den fetten Hamsterbacken sind einfach Spitze. Gruß Quoth

 Graeculus äußerte darauf am 28.04.22 um 23:39:
Ja, Mondscheinsonate übernimmt Stilelemente von Thomas Bernhard, bereichert sie aber durch einen liebenswerteren, nicht so feindseligen Humor.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 28.04.22 um 23:54:
Ihr lieben Zwei, erstens Mal, es kommt NIEMAND an den Berni ran, diesmal an den lieben und zweitens, also, ihr seid echt entzückend, das ist das schönste Kompliment, das ich je in meinem Leben bekommen habe, ganz lieben Dank.
Also, ich muss aber in Verteidigerposition gehen. Habe soeben, nach Jahren, wieder einmal Alte Meister und Holzfällen hintereinander gehört, gestehe ich, nicht gelesen, wunderbar vorgetragen übrigens, aber in der Tirade, es ist alles Tirade, steckt auch viel Liebe und manchmal ist es so übertrieben, dass ich schon lachen muss. Wie sagte Bierbaum: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zum Unterschied zur Jelinek, die schließlich auch eine einzige Tirade ist, ich liebe sie, dies eingeschoben, die einfach nur bedrückend schreibt. Allein Gier oder Lust, ganz grausam, als Frau schnürt es mir die Kehle zu, aber beim Berni fängt man irgendwann zu schmunzeln an. Überhaupt, wenn es dann schon von der Volksseele zu öffentlichen Toiletten geht. Also, ich finde, Thomas Berni hat einen supertollen Humor :-D Aber, vielleicht sehe ich das anders, weil ich doch mehr Bezug zu den Beschimpften und Gegenständen habe. Mehr Volksnähe.
@Quoth...noch zu dem Begräbnis... ich glaube, ich habe darüber einmal geschrieben, ich bin aber nicht so ganz sicher. Wenn nicht, hole ich es intensiver nach. Versprochen. 
Antwort geändert am 28.04.2022 um 23:55 Uhr

Antwort geändert am 28.04.2022 um 23:57 Uhr

 Graeculus meinte dazu am 29.04.22 um 00:01:
Thomas Bernhard, so mein Eindruck, greift immer jemanden an, und oft tut er das nicht mit fairen Mitteln. (Ich glaube, ich habe schonmal etwas zu "Wittgensteins Neffe" gesagt.)
Handelt es sich wenigstens um eine prosoziale Aggression, d.h. ein Angriff zugunsten von Schwachen? Ich weiß es nicht.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.04.22 um 00:06:
Im Grunde geht es ihm doch immer um die Übertreibung und die ist nie fair, Graec. Er steigert sich in den Wahnsinn. Am Schluss seines Lebens hat er eingelenkt. In Holzfällen gibt er sogar zu, dass er unfair war, sich in seinen Gedanken geirrt habe (!!!). Da ist man dann baff. Aber, irgendwie sehr versöhnlich.
Graec, ich habe noch nie erlebt, dass in Thomas Bernhards Werk irgendetwas unwahr gewesen wäre. Liest du jetzt Alte Meister glaubst du, dass es 2022 geschrieben worden ist, besonders, was die Politik oder den Staat angeht. Gut, dich als ehemaligen Lehrer wird es eher sauer aufstoßen, wenn er "so nett" über Lehrer schreibt, es kann nicht alles richtig sein, aber es ist hochaktuell und jedes Wort wahr. Das ist ganz interessant und zeigt die Klasse des Schriftstellers. Wenn du genau hineinliest, so geht er selten auf etwas oder jemanden los, der es nicht verdient hätte. Im Ernst, er ist selten unfair. Übertreibt nur maßlos.

Antwort geändert am 29.04.2022 um 00:11 Uhr

 Quoth meinte dazu am 29.04.22 um 22:36:
Eine Oase! Gruß Quoth
Ich habe in Deinen alten Texten mal gestochert, aber zum Begräbnis nichts gefunden. "Alte Meister" ist mein absolutes Lieblingsbuch, aber eine Freundin, von Beruf Kuratorin, schätzt es nicht so sehr ...

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.04.22 um 22:41:
"Alte Meister" ist ein Genuss, überhaupt die Toilettentirade und eigentlich auch traurig, ganz Bernhard, schimpfen und schimpfen und am Schluss kommt die tiefe Trauer heraus. 
Oh, ich dachte, ich hätte es irgendwann erwähnt. Folgt noch. :)
Deine Kuratorin verstehe ich, so ist doch im Grunde, ich zitiere: Alles scheußlich! :D

Antwort geändert am 29.04.2022 um 22:43 Uhr

 Dieter_Rotmund (27.04.22, 18:33)
Und was sagt die Österreicherin zu Bitcoin, Kryptowährung und NFTs?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 27.04.22 um 18:37:
Noch nicht viel... ich bin NOCH eine Bausparerin. :-D

 AchterZwerg (28.04.22, 06:56)
Perfekt, liebe M. (schau her, das zweite Großkompliment!);

wer möchte da nicht nach einem bislang verschwiegenen Flascherl im Schreibtisch kramen, um über deine Wahrheiten und den erklecklichen Zinsverlust hinwegzukommen.
Ich selber erhielt anno 2021 immerhin 1,03 € fürs Tagegeld - eine Form der Verwahrung, die ich deshalb empfehlen möchte. :)
Schade, dass dafür mein Girokonto ungleich teurer ist und ich für jeden Kontenmist Geld bezahlen muss - so dass ich wohl dem Beispiel deiner Großmutter folgen werde ...
So viele Achterl kann man gar nicht trinken, um über all den Schmerz hinwegzukommen!
Gut, dass du uns auf geistreiche Art aufmunterst, das Wienerische mit Weltenschmäh mischst und das Ang'fress'ne in ein breites Grinsen verwandelst.

Amüsierte Grüße
das Achterl Roten

 Mondscheinsonate meinte dazu am 28.04.22 um 17:27:
Ganz lieben Dank!!! )))
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