Ein Lächeln

Text zum Thema Abrechnung

von  Mondscheinsonate

Die Frau Fuchs haben sie sofort ins Heim gesteckt, gleich ein paar Tage nach dem Tod ihres Mannes, aber vorab, die Frau Fuchs, das war meine Nachbarin, die wohnte gleich neben der Frau Wessely und neben dem Herrn Pokorny, dazwischen eben, in einer Ein-Zimmer-Gemeindewohnung, Küche und Zimmer, kleines Klo und ein Minibad. In der Küche stank es immer nach Sauerkraut und Kohl, wie auch bei der Frau Frühwirth und bei Herrn Barsch, das weiß ich, weil ich bei denen oft am Klo war, weil ich musste, aber das auch nur, weil ich ein Schlüsselkind war und das war ich immer schon, aber den Schlüssel immer vergessen hatte und dann saß ich stundenlang auf den Stiegen vor unserer Wohnung bis der Herr Rick nachhause kam, der war ein Polizist, der kam mit dem Dietrich, aber eigentlich hätte ich auch zum Günther gehen können, dem Hausmeister, aber vor dem hatte ich Angst und wenn ich auf das Klo musste, dann bin ich eben zu Herrn Barsch oder zu Frau Frühwirth und manchmal nur blieb ich dann auf einen Pudding, den aß ich dann in den stinkenden Küchen, das Klo roch nach Urin, bei beiden, aber das war eben so, im Grunde war es eh sauber, also, schon, aber es stank eben und in der Küche stank es nach Sauerkraut oder Kohl und meistens war Essen am Herd, Rindfleisch auch noch dazu, in bunten Kochtöpfen, die damals schon sehr alt waren, die waren wirklich alt und der Deckel war so heiß, dass sie, nämlich beide, unabhängig voneinander, den Deckel mit dem Geschirrtuch hochheben mussten, das war kariert, das war eigentlich überall kariert und dann - , nein, ich schweife ab, ich wollte eigentlich von der Frau Fuchs erzählen, die neben der Frau Wessely wohnte und dem Herrn Pokorny, da starb der Mann und die Leiche vom Mann war noch nicht einmal kalt, das sagt man hier in Wien, da haben sie die Frau Fuchs schon ins Heim gesteckt, aber sie lachte, das war komisch, sie lachte, als sie die Tür hinter sich zu machte, lachte beinahe hämisch, ihr Sohn trug den Koffer mit ihren Habseligkeiten, ein ganzes Leben in einem Koffer, da lachte sie, ja, beinahe hämisch und die Manja, die neben dem Herrn Pokorny wohnte, bei uns hieß man entweder nur mit Nachnamen oder man hatte einen Vornamen, niemals beides, aber auf jeden Fall, die Manja hat uns erzählt, dass dann auch gleich die Möbelpacker gekommen sind, die Altwarensammler, denn der Sohn von der Frau Fuchs hat alles hergeschenkt an den Altwarensammler und dieser ist auch sofort gekommen und da haben sie dann die Kredenz mitgenommen, das "alte Krafl!" und auch einen, auf Antik gemachten Kasten, das Kast'l war schirch, hat die Manja gesagt, so hässlich, das nimmt dem Altwarensammler niemand mehr weg, sagte die Manja weiter und so erzählte sie uns das Fortgehen eines Lebens, eines ganzen, weil die Frau Fuchs immer da war, sogar schon, bevor das Haus gebaut wurde, da stand vorher ein anderes Haus, da wohnte sie schon drinnen, aber da war sie immer schon und der Altwarensammler hat alles mitgenommen und der Sohn die Mutter und brachte sie in ein Heim, in ein Altenheim, das sind auch Sammler auf Zeit. 

"Die Auffangstation!" hat der Papa gesagt. 


Nun ja, dann hat sich aber herausgestellt, dass am Konto nichts war, das hat uns die Frau Oberbauer erzählt und die Mutter schwieg, lächelte immer nur, der Sohn ist schon ganz wütend geworden, schrie herum, schrie die Mutter an, aber die lächelte nur noch senil. Er meinte, das gäbe es nicht, der Papa hätt' so viel gespart, das hat er immer gesagt, irgendwann hat er das gesagt, da hat die Mutter gesagt, also die Frau Fuchs, dass er das letzte Mal vor zehn Jahren mit dem Papa geredet hat und dann lächelte sie wieder und der Sohn hat nur gesagt: "Das kann es nicht geben!" Aber, er brachte nichts aus der Mutter heraus und ging wütend. Aber, die Frau Oberbauer ging zu ihr, hat sie uns erzählt, hat oft mit ihr einen Kartler g'macht, hat sie gesagt, Karten gespielt, und dann hat sie gesagt, also die Frau Fuchs, hat die Frau Oberbauer erzählt, erzähle ich jetzt, dass der, ich zitiere: "Hundling, (was mit Arsch gleichzusetzen ist) der elendige," damit meinte sie ihren Sohn, "hat 300.000 Schilling Erspartes hergeschenkt, der Gierige!"

Die Frau Oberbauer war ganz verwundert, kannte sich nicht aus, sagte die Frau Oberbauer zu uns und wir kannten uns auch nicht aus, weil woher denn, aber sie sagte, also die Frau Fuchs, erzählte die Frau Oberbauer: "In der Matratze waren 300.000 Schilling! Die hat er dem Trödleridioten geschenkt." (586.749 DM!) 

Und sie lächelte, als sie das sagte.

"Na Prack!", sagte mein Papa, "nicht von schlechten Eltern."

 



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Kommentare zu diesem Text


 Thal (29.04.22, 02:59)
Konnt den Kohl und das Sauerkraut auch fast riechen... Erinnerungen, what nice!
Is wohl bisschen schirch gelaufen für den Gfrasten, hm? ;D

 Mondscheinsonate meinte dazu am 29.04.22 um 09:34:
Der war total unsymphatisch, ich erinnere mich noch. :D

 Regina (29.04.22, 10:13)
Tolle Erzählung mit einer überraschenden Pointe.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 29.04.22 um 10:14:
Danke!
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