Opa

Text zum Thema Betrachtung

von  Mondscheinsonate

Heute ist der Opa gestorben, nein, schon vor 19 Jahren, aber eigentlich heute. Vielleicht kann ich deswegen seit Tagen nicht mehr schlafen. Oder, wegen der Klausur, die nicht schaffbar ist. Drei Ansprüche schrieb ich in 90 Minuten, 12 Seiten, vier Fehler und Nicht genügend, man hätte schließlich sechs schreiben sollen, dabei stand "Zu Recht?" und nicht "Wie ist die Rechtslage?". Nun, da scharte sich der Professor ein Team von jungen Männern zusammen, "Dr.Mag.iur" (!), die hohe Ansprüche an uns stellen, bei Frau Prof.in W. wäre ich ohne Nachklausur durchgekommen, ich bin ein Liebkind des Umweltrechts, ja, ein bisschen Boni muss man auch haben, aber, die jungen Männer haben kein Erbarmen, wenngleich, das sind hübsche Kerle, - nein, ich wollte eigentlich vom Opa erzählen, der doch noch immer da ist, stets und immer, blieb, er blieb, das ist das richtige Wort. So ist der Tod unerbittlich, erst gestern saß ich im Garten und dachte über meine alte Gartengarnitur nach, dass der, der sie mir schenkte, seit letzter Woche nur noch Asche ist und auch, wenn ich über die Dielen gehe, gehe ich über seine Asche und der Gedanke ist ekelhaft, so grub man den Großvater konventionell ein und darunter lag schon die Oma und ich werde dann auf beiden liegen, das ist mein Grab, ich habe es gekauft, aber das war alles nicht fein, denn das ist ein Waldfriedhof und als er begraben wurde, schüttete es in Strömen, es regnete wie blöd, wir waren nass bis auf die Knochen und in der Grube war einen halben Meter das Wasser, Omas Sarg war überschwemmt und man ließ seinen Sarg da hinunter, der Pfarrer betete ein extra langes "Voll der Gnade", irgendsowas, ob das so gnädig war, das wage ich zu bezweifeln und die Erde, die wir hineinwarfen, die war nur noch Gatsch, Matsch, sagt man anderswo, es platschte auf den hellen Sarg, spritzte wieder hoch, aber nicht hoch genug, um uns zu treffen.

Ja, ich wollte nur noch fort, aber halbe Mumien schüttelten die Hand, hauchten mit dem Charme ihrer Dritten ein "Beileid", die Frauen mit Plastikkopftüchern am Kopf, damit ihre Fönfrisuren hielten, vergebens, die Männer, wie alte Krähen, einer sagte: "Bald sind wir alle dort!" 


Es ist als ob es gestern gewesen wäre, so ging ich den steilen Weg hinunter, rutschte aus und verstauchte mir das Bein, die Strumpfhose riss, alles war blutig, da sagte der Pfarrer: "Ja, so hilft uns der Herrgott!" Ich fauchte ihn, am Boden sitzend, an: "Warum?!" Damit meinte ich: "...du jetzt so einen Scheiß redest?"


Drei Särge, acht Urnen, ein großes Grab für mich, alles ist möglich, zwei Plätze sind bereits besetzt. Asche zu Asche, vermutlich, ich auch.

Und, während ich das Pfandrecht verinnerliche, denke ich, der Großvater sagte: "Die Winkeladvokaten sind die Schlimmsten!" 

Manchmal stehe ich beim Grab und sage: "Ärzte sind die Schlimmsten, überhaupt, Herr Doktor! Die haben dich zwanghaft am Leben erhalten, dabei konntest du schon gar nicht mehr. Dokterten am Herrn Medizinalrat herum, weil er, nämlich du, ein Privatpatient warst, den Gruber Peppi in der Holzklasse hätten sie längst verrecken lassen!" 

Ja, hätten sie und der Gruber Peppi hätt's ihnen gedankt. 

90 Minuten Klausur, der Opa hätt' g'sagt: "Scheiß dich nicht an, ich war in Stalingrad!" Opa, hätt' ich gesagt, Frankl hat gesagt, dass jeder von uns sein Packl zum Tragen hat. Er hat etwas anderes gesagt, den Namen des Lagers, aber mit so viel Leid ist, meiner Ansicht nach, nichts zu vergleichen.

"Auch nichts mit Stalingrad, Opa."



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