Das Dorotheum

Text zum Thema Absurdes

von  Mondscheinsonate

Das Pfandrecht ist ein beschränkt dingliches Recht, das durch das Prinzip der kausalen Tradition, das heißt durch Titel, Modus und der Berechtigung des Vormannes, begründet werden kann. 


Die Mutter ging mit mir an der Hand die Stiegen hinauf, am Boden lag ein roter Läufer, alles war museal. Wir gingen in einen kleinen Raum, an der Seite saß ein stämmiger Herr im Anzug. Durch seine schlampige Haltung öffnete sich sein Sakko und man sah, dass er eine Waffe trug. Ich war sieben Jahre alt und bekam Angst. "Mama, ist die echt?" 

Sie antwortete nicht, sah nach vorne. Eine Schlange an Menschen stand vor uns, wir kamen als letztes an die Reihe. 


Aufgrund des Publizitätsprinzips (zum Schutz des Dritten), muss der Pfandbesteller (Schuldner), das Pfand (Faustpfandprinzip), dem Pfandnehmer (Gläubiger) übergeben. (§§426 ff ABGB) Übergabe durch Zeichen ist nur tunlich, wenn es durch physische Übergabe untunlich wäre. Das Besitzkonstitut bei beweglichen Sachen, wobei die Sache beim Schuldner verbleiben würde, ist gänzlichst ausgeschlossen. 


Ein älterer Herr gab hinter einer dicken Scheibe drei Goldringe und zwei Uhren in kleine Plastiktüten, beklebte diese mit Etiketten, drehte sich um und legte sie auf einen Haufen voller Gold. 

Er stand dabei nicht auf. Dann wandte er sich uns zu, lächelte nicht. Seine Lesebrille war weit zur Nasenspitze geschoben, er blickte meiner Mutter ins Gesicht. Die beiden kannten sich längst, seine Miene blieb dennoch versteinert. 

Mich schien er nicht einmal zu bemerken. 

"Mama, schau! Da ist ein Haufen voller Gold und der Mann ist Dagobert!"

Die Mutter drückte meine Hand fest, ein Zeichen zum Schweigen. 

Sie ließ meine Hand aus, kramte in ihrer Tasche, nahm eine Tüte heraus und schüttete den Inhalt in eine Metallschüssel, die der Mann hinter der Scheibe mit einem Hebel zu sich drehte. Er sagte: "Ist das alles?", richtiggehend gelangweilt. 

Neben sich lag eine Lupe für das Auge, diese klemmte er sich auf sein linkes und sagte: "Ein schönes Stück, 3000 Schilling." (Es war 22.000 Schilling wert. Das erfuhr ich viel später.) Die Mutter nickte. 

"Wieso gibst du die Perlenkette (Heute würde ich dazu sagen: Mit dem Smaragdverschluss und den Diamanten, die du zur Hochzeit von Oma bekommen hast...) dem Mann?"

Die Mutter drehte sich zu mir und sagte scharf: "Weil du Hunger hast!"

Der Bewaffnete räusperte sich im Hintergrund.


Ohne Schuld gibt es kein Recht auf ein Pfand (Akzessorietät). Bezahlt der Pfandbesteller nicht rechtzeitig zurück, so kann der Pfandnehmer das Pfand verwerten. Allfälliger Überschuss (Superfluum) geht an den Pfandbesteller. Im Dorotheum gibt es kein Superfluum, was weg ist, ist weg.


Auch gab sie Ringe und mein Taufkettchen aus Gold zur Verpfändung. Wir bekamen 5000 Schilling und gingen. Ich grüßte im Hinausgehen den Mann mit der Waffe, er mich nicht.


Das äußere Erscheinungsbild der Mutter änderte sich, kaum hatte sie das Geld bekommen. Die Stiegen ging sie gebückt hinauf, aber hinunter ging sie gerade und lächelte. "So," sagte sie, "jetzt gehen wir einkaufen."

Das taten wir und ich bekam eine Schinkensemmel mit Gurkerl, sonst war uns Schinken immer zu teuer, und sie kaufte um 1000 Schilling ein, wir schleppten alles nachhause. Dann sagte sie, sie kommt gleich wieder und kam erst vier Tage später, stockbesoffen und ihre Brieftasche war wieder leer. 

In den vier Tagen hatten mein Hund, mein Meerschweinchen und ich keinen Hunger. 




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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (10.05.22, 13:06)
Es verblüfft mich immer wieder, wie Süchtige sich ihre Welt zurechtbiegen. Das ist wohl nicht einmal eine Lüge, denn sie glauben selbst daran.

Die Konstruktion, den Aufbau der Erzählung halte ich für sehr gut.

Über diesen Satz

Übergabe durch Zeichen ist nur tunlich, wenn es untunlich wäre.
rätsele ich noch.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 10.05.22 um 13:12:
Maschinen sind eine körperlich bewegliche Sache, allerdings, zwei Tonnen zu übergeben, ist schwer. Daher wird nur ein Zettel daraufgeklebt. Übergabe durch Zeichen. Wird der Zettel entfernt, gibt es kein Pfand mehr und es muss neu bestellt werden. Da das ABGB nach dem Preussischen Recht abgeleitet ist, 1811, dünkt es oder deucht es auch manchmal.
Danke!

Antwort geändert am 10.05.2022 um 13:14 Uhr

 Graeculus antwortete darauf am 10.05.22 um 13:20:
Ist der Satz nicht so verständlicher?: "Übergabe durch Zeichen ist nur tunlich, wenn es anders [nämlich durch physische Übergabe] untunlich wäre."
Das "es" steht in Deiner Formuliuerung etwas hilflos in der Gegend herum.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 10.05.22 um 13:22:
Ich ändere es, unter Juristen ist das klar, du hast Recht.

 Dieter_Rotmund (11.05.22, 11:27)
Ich war auch mal in einer Pfandleihe, aber dort war man erheblich freundlicher und herzlicher. Und selbstverständlich war es ein ebenerdiges Ladengeschäft, und Schlangen haben sich dort auch nicht gebildet. Ansonsten gerne gelesen.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 11.05.22 um 11:31:
Kennst du das Dorotheum in Wien? Das ist äußerst groß. Das ist kein "Geschäft", sondern ein Monument. https://www.dorotheum.com/de/

Antwort geändert am 11.05.2022 um 11:32 Uhr

 Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 11.05.22 um 11:34:
Neee, kenne ich nicht. Und dort hat man Goldschmuck von Alkoholikerinnen versetzen können? Das scheint mir doch viel zu edel dafür zu sein!

 Mondscheinsonate meinte dazu am 11.05.22 um 11:36:
Doch, doch, die sind herzlichst Willkommen. Besten Kunden!

 Quoth (11.05.22, 13:28)
So hat doch das Pfandrecht einen ganz praktisch-konkreten Hintergrund für Dich. Ich bin im Jurastudium an all den Sachen gescheitert, die ich nicht kannte: Wechsel, Aktien ... Trostlos-tapfere Kindheitserinnerung - ich wüsste gern, wie es weiterging. Gruß Quoth

 Mondscheinsonate meinte dazu am 11.05.22 um 13:31:
Ah, Wertpapierrecht, gruselwusel, hab ich am 30.5. :D

 Quoth meinte dazu am 12.05.22 um 10:45:
Als ich vor ein paar Tagen den von Dir angegebenen Link aufschlug, prallte mir sofort ein Katalog mit dem Titel "Alte Meister" entgegen. Inzwischen hat diese Auktion stattgefunden und Tizians Magdalena wurde für 4,8 Millionen versteigert. Ob die auch von dem ahnungslosen Privatbesitzer für einen kleinen Pfandkredit eingeliefert wurde?

Ach ja: Gibt es bei Euch auch "hinkende Inhaberpapiere?"

 Mondscheinsonate meinte dazu am 12.05.22 um 11:27:
Haha, ja, Rektapapiere.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 12.05.22 um 11:57:
In Deutschland werden über 95% der verpfändeten Dinge wieder ausgelöst, die Pfandleihen leben von der gesetzlich festgesetzten Gebühr und verdienen mit dem Weiterverlauf/Auktionen von nicht wieder abgeholten Sachen fast nichts.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 12.05.22 um 11:58:
Interessant.
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