Dichter als Beruf

Essay

von  Quoth

Dichter sollte man nur werden wollen, wenn man unbedingt muss. Wer sich fragt: Lieber Lehrer oder lieber Dichter? ist schon zum Lehrer geboren. Freilich ist das Dichter-werden-Wollen nicht die Frage einer bewussten Berufsentscheidung. Wer wirklich Dichter werden soll, will das zunächst einmal überhaupt nicht. Er will einen ordentlichen Beruf ergreifen, weil der das Mittel ist, um das Leben kennen zu lernen und dem Volk aufs Maul zu schauen. Der Dichterberuf frisst sich durch diesen ordentlichen Beruf dann im Laufe der Jahre wie Rost oder Säure hindurch. Sozusagen widerwillig muss der Berufene sich der Macht des Dichterwerdenmüssens fügen. Der Papierkorb spielt hier eine große und verantwortungsvolle Rolle. Der zukünftige Schreibfürst wird natürlich schon früh Lust am Schreiben empfinden. Je größer die Begeisterung ist, mit der er alle seine Erzeugnisse dem Papierkorb anvertraut, desto größer ist seine Chance, einmal mehr als ein Journalist zu werden. Journalisten sind Leute, die ein schönes Deutsch schreiben und sich jeden Tag gedruckt sehen müssen. In diesem Punkt widersprechen sie einer Dichterexistenz total. Der wahre Dichter versucht, sich dem Druck mit allen Mitteln und Finessen zu entziehen. Er benutzt für seine Manuskripte eine Geheimschrift. Er bewahrt sie nachlässig an Orten auf, wo Wasser und Feuer leichtes Spiel haben. Ja, er vernichtet sie bewusst. Ich kenne einen, der vielleicht der größte Dichter aller Zeiten ist. Er hat einen Roman geschrieben, den man für schlichtweg wunderbar zu halten geradezu verpflichtet ist. Er hatte ihn in einem Koffer bei sich, dieser Koffer wurde gestohlen. Wer weiß, in welch dunklem Gangster-Unterschlupf dieser nobelpreisverdächtige Roman jetzt schlummert und schimmelt. Das Schönste und Edelste in den Abgrund des Vergessens und der Nichtigkeit werfen können – das ist poetisch. Überhaupt: vergessen. Einen Dichter erkennt man einerseits am Behalten, andererseits am Vergessen. Er vergisst das sogenannte Wichtige und Brauchbare, das sich durch diese seine Eigenschaften, zu denen man das Nützliche noch hinzunehmen sollte, von selber erhält und in Erinnerung bringt. Er behält aber das Duftige, Leichte und Verfliegende, nach dem alle Menschen im Schlaf sich bisweilen sehnen, das ihren Gehirnen aber, weil sie mit dem Nützlichen so befasst sind, entgleitet. Wie dankbar sind sie, wenn der Dichter kommt und sie erinnert an das verflogene Schöne und Duftige, an die schöne Maienzeit zum Beispiel, in der es nicht nur knöspelt und blättelt, radelt und sönnelt, sondern auch blüselt, brüstelt und fleischelt, dass es eine ringsum bunte und flatternde Wonne ist. Wie da die Münder nur zum Lachen geöffnet werden, um sich zum Küssen wieder zu schließen und dann im Kuss wieder zu öffnen wie zu einem ernsten, schönen Wort ... Dieses Wort heißt sicherlich Liebe, aber es wäre fad, wenn es nicht leise zitterte in der Angst, nur ein schöner Trug zu sein. Wie manches Mädchen hat den Mai zum Teufel gewünscht, der ganz dazu angetan ist, eine frische und munter sich streckende Mädchenexistenz zu zerbrechen und hinzuknicken wie eine Blume, die lieblos abgerissen und fortgeworfen wurde. Aber auch für die Verachtete und Verstörte findet sich der liebende Freund, jedoch im stämmigen Herbst. Da geht man miteinander durch die Lindenallee, die Blätter wirbeln heilsam wie Tee durch die zerstörte Brust, man schaut einander an und braucht weder Kuss noch Wort. Du hast dies, ich habe jenes erlebt – gleichviel! Da finden sich eher Hände als Lippen, der Herbst ist die Zeit der dauerhaften Bündnisse, der harte und gefühlsfeindliche Winter steht vor der Tür und will in anheimelnder Freundschaft überstanden und überdauert werden. Dann aber kehrt die Zeit des Leichtsinns zurück, und wo ewige Treue war, zieht der einerseits hässliche Betrug wieder ein, der doch andererseits ein so hübsches Gesicht haben kann. Nichts hat Bestand, und alles, was Bestand hat, verändert sich innerlich, bis ein Neues herauswächst wie das Kind aus der Frau, das schon die Schule besucht und eine Treue erlebt, die vielleicht die einzige Treue ist, die es auf der Welt gibt: die der Mutter. Vielleicht aber ist die Mutter eine Arme und Überforderte, sie ergibt sich dem Trunk, muss aufhören zu arbeiten. In den ausgebrannten Leib lässt sie jeden herein, der sich meldet, und bezahlen lässt sie sich auch. Das Kind aber ist ein Kind. Mutig und unzerstörbar hält es das Entsetzliche aus, bewahrt der zerstörten Frau, die seine Mutter ist, die verdiente Liebe und pflegt sie, wenn sie in Suff und Tod entdämmert. Wie ist dies ganz Schreckliche so schön und so merkwürdig! Keiner wundert sich darüber, nur der Dichter, weil er nicht anders kann als sich wundern, und dieses Sichwundern ist es, das man auf keiner Schule der Welt erlernen oder studieren kann.




Anmerkung von Quoth:

Dem Andenken an Robert Walser gewidmet.

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Kommentare zu diesem Text

klausKuckuck (71)
(10.05.22, 19:32)
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 Quoth meinte dazu am 15.05.22 um 11:31:
Ich hoffe, das war nicht das Einzige, was Dir gefallen hat! Mit Dank für Kommentar, Empfehlung und Lieblingstext Quoth

 AlmaMarieSchneider (15.05.22, 03:25)
Ja, der Brotberuf ließ mich auch weder Malerin noch Dichterin werden, doch das wahre "ich" frisst sich schubweise immer wieder durch. Ein gelungenes Essay.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth antwortete darauf am 15.05.22 um 11:33:
Aber ist nicht der Brotberuf auch ein Fundus, aus dem Du immer schöpfen kannst? Für Empfehlung mit Kommentar und Lieblingstext dankt Quoth

 AlmaMarieSchneider schrieb daraufhin am 15.05.22 um 11:54:
Ja natürlich. Ich habe da auch einiges geschrieben und heute Nacht gefunden incl. Anderes.

Liebe Grüße
Alma Marie
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