Wie muss die Frau sein, die ich einmal heiraten werde?

Essay

von  Quoth

Wenn es einen Nobelpreis für Neugierde gäbe, verehrtester Herr Dr. Fuß, ich bin sicher, man dürfte Sie als durchaus aussichtsreichen Kandidaten benennen! Warum nur wollen Sie auch in die dunkelsten Falten des Schülerherzens noch hineinblicken? Auf der anderen Seite kann ich Ihrer Argumentation durchaus folgen. Um ein Auto zu fahren, sagten Sie, müsse man vieles lernen und eine Prüfung ablegen; in die Ehe aber würden die jungen Menschen völlig unvorbereitet entlassen; was sie an Kenntnissen hätten, beruhe in aller Regel nur auf dem, was sie in ihrem Elternhaus kennenzulernen Gelegenheit hatten - also zu wenig. Und da Sie uns Kostproben der Schwierigkeiten Ihres Ehestands zu geben sich herbeigelassen haben, will ich Ihnen willfahren und Sie in mein hoffendes Herz blicken lassen. Denn in der Tat bin ich fest entschlossen, einmal zu heiraten und Kinder zu haben. Warum sollte ich mich zieren, das zuzugeben? Die Ehe ist eine Lebensform, die schwierig sein mag, aber sie gibt auch Wärme, durch Kinder kommen Leben und Freude ins Haus - all das möchte ich nicht missen, obgleich es auch dunkle Stunden in meinem Leben gibt, in denen ich mit meinem Vater sagen könnte: "Ich möchte nie der Vater eines Kindes heißen!" Das war nämlich der erste Satz, den meine Mutter auf dem Künstlerfest von Li-La-Lerchenfeld, wo sie einander kennenlernten, von ihm zu hören bekam. Und da hat sie sofort bei sich gedacht: "Oh, interessant! Das wird bestimmt mal ein guter Vater!" Und sie hat sich nicht geirrt, denn in einer Hinsicht habe ich wirklich einen guten Vater: Er lässt uns, meinen Bruder und mich, in aller Freiheit heranwachsen, ist selten wütend, straft nie, allenfalls zu fürchten ist seine schneidende Ironie. Wenn ich nun sagen soll, wie meine Frau einmal sein soll, so möchte ich als erstes von ihr erhoffen, dass sie genauso klug ist wie meine Mutter und nicht alles, was ich sage, für bare Münze nimmt. Denn ich schwatze viel, wenn der Tag lang ist, und möchte nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage gelegt bekommen. Grauenvolle Vorstellung so ein Weib, das ständig zetert: "Du hast aber gesagt ..." Leben und Charakter sind zusammen viel stärker als Worte. Ja, oft genug zeigt ein schwarzer Satz nur an, dass man weiß dabei empfunden hat. Das muss meine Frau verstehen; sonst kann sie besser bleiben, wo der Pfeffer wächst. Weiterhin muss sie Kinder mögen, aber das auch nicht nur mit Worten, sondern mit dem Herzen. Viele Frauen sind von Kindern ständig entzückt - aber wenn es darum geht, ihnen Raum zu geben in ihrem Leben, werden sie zickig und igeln sich ein. Eine gute Mutter ist eine Frau, die alles mit ihren Kindern zu teilen bereit ist. Nicht sich aufopfern - sondern teilen. Das ist eine gute und pragmatische Einstellung, die würde ich mir von meiner Luise oder Fernanda wünschen. Natürlich muss ich mich der Frage ihres Aussehens stellen. Eine erzhässliche Frau würde mein Begehren nicht erregen, und wie soll es dann zu Nachwuchs kommen? Also müsste sie mich schon ansprechen, aber: Schönheit ist etwas sehr Subjektives, ja, Geheimnisvolles. In Hemingways "Wem die Stunde schlägt" sagt die wundervolle Pilar einmal in etwa: "Es ist furchtbar, hässlich zu sein - und zu wissen, dass man schön ist." Es gibt eine innere Schönheit, ohne die alle äußere tot ist - und sie kann sogar eine unansehnliche Frau mit dem Zauber der Anmut erleuchten. Dann strahlt aus dieser Frau etwas Unbenennbares hervor, und das kann, habe ich festgestellt, mein Begehren heftiger erwecken als der formvollendetste Busen. Ohnehin sind es nicht unbedingt die primären und sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale (falls Sie denn wissen, Herr Studienrat, was das ist), die mich fesseln. Was mir merkwürdigerweise an einer Frau sofort gefällt, ist, wenn sie kraftvolle Oberarme und Schultern hat. Deshalb werde ich in einen Ruderverein eintreten, um dort auf Brautschau zu gehen. Meine Arme sind streichholzdürr; wahrscheinlich suche ich nach dem Gegensatz, er zieht mich an, damit meine Kinder mal athletischer und schöner werden als ich. Auch liebe ich dunkle Augen und braunes Haar - wohl, weil ich selbst so ein blassblondes Kerlchen bin. Aber letztlich ist auf diesem Gebiet nicht sehr viel planbar; gesetzt den Fall, ich erleide einen Unfall und eine Frau hilft mir und enthüllt mir so einen Charakter, menschlich und gut wie lauteres Gold - werde ich mich nicht vielleicht über alle Ohren in sie verlieben, auch wenn sie blond und dünnarmig ist? Aber nun habe ich doch das Wichtigste vergessen: Meine Mutter hat mir geraten, keine Frau zu heiraten, die keine Klöße machen kann. Fleischbrühe mit Mehlklößen esse ich in der Tat für mein Leben gern. Aber inzwischen habe ich selbst Klöße zu machen gelernt und stehe in der Küche trotz meiner Jugend durchaus meinen Mann. Ja, vielleicht wäre es gut, eine Frau zu finden, die ich mit meiner Kochkunst verwöhnen und bestricken kann, sie kann derweil gerne das schnöde Geld verdienen. Mehr fällt mir nicht ein, ich bitte Sie aber, Herr Studienrat, diesen Aufsatz nicht vorzulesen und mich so dem Spott vor allem des weiblichen Teils der Klasse preiszugeben.




Anmerkung von Quoth:

Ich glaube, dieses Thema 1957 behandelt zu haben.

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (12.05.22, 23:53)
(falls Sie denn wissen, Herr Studienrat, was das ist)

Das hast Du gewagt?

Ein ergreifender Schlußsatz. D.h. Du bist koedukativ aufgewachsen?
Ich - reine Jungenschule - hätte den Satz ähnlich schreiben können, denn die Jungen waren sehr zum Spott geneigt. Ich erinnere mich an: "Weimer, bei dir haben sie wohl die Nachgeburt großgezogen."

 Quoth meinte dazu am 13.05.22 um 08:22:
Das ist sicherlich eher so etwas, was ich gern geschrieben hätte - damals - aber lieber nicht geschrieben habe. Es sind eben Rekonstruktionen,  die hier versammelten Besinnungsaufsätze. Dankfür Kommentar und Empfehlung!

 Regina (13.05.22, 05:18)
Mehlklöße futtern für kräftige Oberarme und dann als Profi-Gewichtheberin arbeiten. Hoffentlich kommt der Mann zu Hause mit den geliebten Bälgern zurecht. Wieviele sollen es denn sein? 
(Der Studienrat hat mir das Werk heimlich doch vorgelesen!)

 Quoth antwortete darauf am 13.05.22 um 08:24:
Dank für Empfehlung mit spöttischem Kommentar!

 Regina schrieb daraufhin am 13.05.22 um 11:06:
Ja, der Spott der Mädchen wäre dir auch dem Aufsatzschreiber auch damals in der Klasse sicher gewesen.

 Quoth äußerte darauf am 13.05.22 um 12:00:
Nun, ich glaube, was die Mädchen über die Eigenschaften ihrer Traummänner schrieben, war, wenn es ehrlich war, nicht weniger belächelnswert.

 Lluviagata (13.05.22, 06:27)
Ach, verehrter Quoth,

vielleicht sollte der Gymnasiast mal das bedenken, was Frauen (eventuell eher) bevorzugen. Aber träumen ist erlaubt, egal, wie oft sich die eigenen Vorlieben im Laufe des Lebens ändern. 

Optimistische Grüße
Llu ♥

 Quoth ergänzte dazu am 13.05.22 um 12:02:
Meine damaligen Hoffnungen sind durchaus nicht alle enttäuscht worden! Herzlich grüßt quoth

Antwort geändert am 13.05.2022 um 12:34 Uhr

 Dieter_Rotmund (13.05.22, 14:34)
Etwas arg altmodischer Schreibstil (z.B. "willfahren") und dieser Vergleich Ehe/Autofahren ist auch recht altbacken...

Möchtest Du mal einen Aufsatz darüber schreiben, wie es dir im Sportverein erging und dann für die kV-Donnerstagskolumne einreichen? Wir würden uns freuen.

 Quoth meinte dazu am 13.05.22 um 20:42:
Ich gucke mal, was mir einfällt. Will Dir ja gerne willfahren! :) Ich würde aber wieder fast 70 Jahre zurückschauen. Für Aktuelles fühle ich mich nicht zuständig. Gruß Quoth
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