Vom Kind zum Ketzer Teil 1

Text zum Thema Kirche/ Klerus

von  Hell

Als Luise fünf Jahre alt war, verbrachte sie eine ganze Woche bei ihren Großeltern am Land. 

"So Luise. Zeit fürs Bett!", rief die Oma, doch bevor sie in der kuscheligen Pluster Decke versinken und wie auf Wolken ins Land der Träume reisen würde, riefen sie den lieben Schutzengel an. Dafür brauchte sie nicht einmal ein Telefon, es genügte schon ihre Hände vor der Brust zu falten.
Am Sonntag ging sie gemeinsam mit Oma und Opa in die Kirche.
"Ich will auch einen Keks!", forderte Luise nach dem Gottesdienst am Friedhof, wo ihre Großeltern noch mit dem Pfarrer plauschten. Die Erwachsenen nahmen sie nicht ernst und Luise war beleidigt.
"Komm doch mit zum Pfarrhaus, da habe ich noch etwas viel Besseres für dich", sagte der Pfarrer, der genauso schneeweißes Haar hatte wie ihr Opa, nur war sein Kopf in der Mitte kahl und der ihres Opas an den Seiten.

Sie gingen gemeinsam über die Straße in das große Pfarrhaus, Luise wartete im Gang bis der Pfarrer wieder aus der Küche kam, mit einem Schokoriegel für sie in der Hand.
"Nein! Ich will einen weißen Keks wie in der Kirche", sagte Luise, gab sich aber nach langweiligen Erklärungen doch mit dem Schokoriegel zufrieden.

Als Luise das nächste Mal bei Oma und Opa übernachten durfte, beteten sie wieder vor dem zu Bett gehen. 
"Lieber Gott, ich kann schon auf mich selber aufpassen, pass bitte auf die anderen auf", sagte Luise und ihre Oma war verblüfft und lachte herzlich. Es vergingen vier Jahre bevor Luise das erste Mal eine Hostie essen durfte und ihre Vermutung bestätigte sich, den dieser weiße Keks schmeckte viel saftiger als die Oblaten, die sie von Weihnachten kannte.

Jahre später und Luise hatte ihre erste Arbeit und ihre erste eigene Bankkarte. Blöderweise hatte sie ihre PIN vergessen und wollte nicht gleich eine neue Karte beantragen. Also grübelte sie Tagelang, doch es fiel ihr nicht ein. Als sie Samstagabend ohne Geld, schon früher als ihre Freunde das Fortgehen beenden musste, hatte sie es satt und beschloss sich am Montag eine neue Karte zu holen. Sonntagmorgen dann fragte ihr Vater, ob sie mit in die Kirche gehen würde und da er ihr am Tag zuvor 10 Euro zum Ausgehen gegeben hatte, sagte sie zu. 
Der Gottesdienst war langweilig, der Pfarrer, der schon auf die 80 zuging, predigte im Schlaf. Seine Augen waren geschlossen, Handbewegungen waren einstudiert und der Wortlaut war so eingesessen, Luise konnte jede Tonlage wie ein Lied in ihrem Kopf voraus singen. Ihre Gedanken widmeten sich wieder ihrem eigenen Problem, ihre PIN für die Bankkarte.
"Gib uns deinen Frieden", klang das letzte Gebet aus und Luise strahlte übers ganze Gesicht und dachte, "5,4,6,2, Amen!"
Die göttliche Macht war damit, in ihren Augen, bewiesen. Sie befand sich auf der guten Seite, Gott liebt sie und alles, was sie tat, war richtig. Ihre Kindheitsangewohnheit vor dem Zubettgehen zu beten hatte sie wieder aufgenommen, bat aber nie um Dinge, auf die sie selber Einfluss nehmen konnte. Sie bat um Gesundheit, Glück und Vergebung. Die Seelsorge der Kirche erfüllte ihren Zweck.

Eines Tages bekam sie einen Anruf, schlechte Nachrichten, ihr Opa war gestorben.
"Okay", sagte sie ins Telefon und machte sich auf den Heimweg.
Sie weinte nicht in der Öffentlichkeit. 
Großeltern sterben irgendwann, das ist nicht so schlimm, dachte sie. Aber woran? Opa war letztens nicht in der Kirche, aber niemand sagte, er sei krank, obwohl mal die Rede von Nierensteinen war, aber kann man wirklich an denen sterben? Das letzte Mal, dass ich ihn sah, war zu Papas Geburtstag, da sah er noch gut aus. Er scherzte sogar noch über das Autofahren und dass er neulich von einem Omnibus überholt wurde. Es musste ein Scherz sein, Papa hat gelacht. Was für ein Timing Opa mit seinem Tod hat, so kurz nach seiner goldenen Hochzeit... Er wurde achtzig Jahre alt, auch sehr gelungen. Es war wohl seine Zeit...

Als sie endlich Zuhause ankam, sah sie ihren Vater, wie nie zuvor. Seine Augen waren zwei schwarze Löcher und seine ganze Erscheinung war geisterhaft. Auf Luisas Trost, die Worte, "Im Himmel ist es doch schön, das ist nicht so schlimm", antwortete er nicht, deshalb sprach sie mit ihrer Mutter.
"Wie ist er gestorben?", fragte sie.
"Dein Opa war krank...", begann ihre Mama.
"Nierensteine?", tippte Luise.
"Er hatte Depressionen", sagte ihre Mama nüchtern, denn sie hatte sich auf dieses Gespräch vorbereitet.
"Aber wie?"
"Er hat sich umgebracht."
Jetzt ergab das Timing einen Sinn, das Wie war nicht mehr wichtig. 
"Hat hier die Seelsorge der Kirche versagt?", fragte sich Luise insgeheim, denn sie interessierte sich für Psychologie, weil ihre große Schwester das studierte.

Die Beerdigung war seltsam, wer schon am Sarg saß, war verheult, wer später in die Aufbewahrungshalle stieß, sah noch so frisch aus. Luise traf auf ihren Cousin, mit dem sie zusammen zur Schule gegangen war. Sie hatten sich lange nicht gesehen, er lächelte, als er ihr die Hand reichte, sie lächelte zurück und fragte sich, ob das überhaupt angebracht war. Danach gingen sie in die Kirche, der Sarg wurde in der Mitte platziert und in den ersten Reihen saß die Familie. In einer Reihe saß die Schwester des Pfarrers und es war noch viele Leute da, die Luise nicht kannte. Der Pfarrer erzählte vom Leben ihres Opas und welch schöne Arbeiten er der Kirche gespendet hatte. Die Kirchenbänke waren sein Werk, das sorgfältig geschnitzte Muster, kannte sie noch aus Opas Werkstatt, sie war dabei als er sie getischlert hatte. Mitten in der Predigt ging ein Zettel um, so wie sie es aus der Schule kannte. Das Stück Papier lag in ihren Händen und sie klappte es auf. Ein Haufen Zahlen und darunter eine Summe, das geschriebene konnte sie nicht rechtzeitig entziffern, denn ihre Oma riss ihr den Zettel aus der Hand und steckte ihn ein. 
"Wie seltsam...", dachte Luise, "So etwas gehört sich doch nicht..."

Jahre später fuhr sie mit ihrem eigenen Auto nach der Arbeit nach Hause, sie sah das Blaulicht am Ortsanfang. Es war schon dunkel und doch konnte sie erkennen, dass die Sanitäter jemanden reanimierten. Vor Schreck bog sie zur Bank ein und tat so als müsste sie Geld abheben, aber in Wirklichkeit wollte sie den Defibrillator, der dort stationiert war, holen und zur Unfallstelle tragen.
"So ein Blödsinn! Die Rettung ist schon dort, die haben ihren eigenen dabei!", dachte sie sich und stieg wieder in den Wagen. 
Am nächsten Tag erfuhr sie mehr von dem Unglück. Der Pfarrer wurde überfahren, er wurde vier Jahre älter als ihr Opa. Die Lenkerin des PKW hatte ihn zuvor vor seiner Haustüre abgesetzt, denn sie waren gemeinsam zum Abendgebet in der nächsten Ortschaft und hatten eine Fahrgemeinschaft.  
"Warum ging er dann wieder auf die Straße?", fragte sich Luise und, "Warum müssen Pfarrer eigentlich immer Schwarz tragen..."



Kommentare zu diesem Text


 franky (15.05.22, 11:31)
Hi liebe Hellt
 
Flüssig geschrieben und auch erfrischend zu lesen, wenn es auch tragische Themen beinhaltet.
War gerne bei Dir zu Gast.
 
Grüße von Franky

 Hell meinte dazu am 15.05.22 um 12:45:
Dankeschön! 
Lg

 franky (15.05.22, 11:31)
Hi liebe Hellt
 
Flüssig geschrieben und auch erfrischend zu lesen. 
War gerne bei Dir zu Gast.
 
Grüße von Franky

Kommentar geändert am 15.05.2022 um 11:33 Uhr
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