toxisch

Text zum Thema Abgrund

von  Mondscheinsonate

So erzähle ich vom Toxischen, nicht mehr von dem einen, der krank geworden ist, sondern von dem Mann der K., der Tom heißt, der ihr ein Foto vom Betriebsausflug schickte und sichtlich die Hand einer Frau hielt. Sie sagte: "Wer ist die Frau gewesen?" Er sagte: "Du bildest dir etwas ein." Jeder sah, dass er die Hand hielt, er sagte weiter, sie sei eine toxische Bitch. Sie bleibt bei ihm, beim Arschloch, der sich an ihrem Geburtstag auf die Couch legte und sich den ganzen Tag bedienen ließ. Er sagte: "Du bist alt, du brauchst Bewegung." Nein, ich lüge nicht, das ist wirklich geschehen. Sie sagt, sie bleibt wegen der Zwillinge, die sind 21 Jahre alt. Sie sagt, es ist wegen des Geldes, das schon eher. Sie erträgt nur noch. Letztens war sie bei Gericht, eine Beratung war das, er hat ihr gedroht, dass er sie fertig machen würde, sie schwieg. Er ist ein angesehener Professor an der Universität.

K., eine andere, aber mit demselben Namen, musste mit der Matratze im Vorzimmer schlafen. Musste er auf die Toilette, stieg er über sie drüber, manchmal auch in den Bauch. Sie ist Anwältin, aber wehrt sich nicht. Er ist Architekt. Wenn es ihn freut, dann zerrt er sie an den Haaren aus der Küche und schmeißt sie auf das Bett, dann vergewaltigt er sie, sie schreit um Hilfe. Die kleine Tochter hört alles mit. 

Sie geht nicht. Sie sagt: "Er hat auch gute Seiten."

Die beiden, unabhängig voneinander, sind im Freundeskreis. 

Er sagt, dass er um acht Uhr kommen wird, kommt um 23:30, meint, das Zocken ist Schöner. Er sagt, er habe sie schon lange nicht mehr vermisst. Sie sagt zu mir: "Ich bin schuld, ich muss an mir arbeiten." Sie meint: "Ich habe lieber ihn als niemanden."

Ich sage gar nichts mehr.

Er lässt sich bemitleiden, er meint, er sei arm. Sie weiß nicht, dass er sie von der ersten Sekunde betrügen wollte und auch hat. Die Leute bemitleiden ihn, wenn wieder einmal Schluss ist, zum x-mal.

Ich sah ihn an, er sagte scharf: "Schau nicht so verliebt!" Ich sah ihn weiter verliebt an. 

V. bekam ein massives Kristallglas an den Schädel gedonnert und hatte eine Platzwunde, aus Reflex schlug er sie. Da ging sie zur Polizei und ließ ihn wegweisen, 14 Tage Betretungsverbot. Die Platzwunde war Notwehr, Strafgeld gezahlt, Anwalt, teure Scheidung. Sie war zu dem Zeitpunkt stockbesoffen, ich stand daneben, wurde nie befragt. Manchmal feuerte sie auch Messer in seine Richtung, direkt an meinem Gesicht vorbei, eine Kerbe blieb in der Wand. 

Mir tut mein Vater leid, er redet heute noch lieb von ihr.



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Kommentare zu diesem Text


 franky (15.05.22, 11:05)
Hi liebe Mondscheinsonate
 
Bin erschüttert!
Ist alles blutige Realität, Ecken und Kannten die ins Fleisch gehen.  
 
Grüße nach Wien von Franky

 Mondscheinsonate meinte dazu am 15.05.22 um 15:57:
Es ist wirklich erschütternd.

 AchterZwerg (16.05.22, 06:29)
Ja, diese Dinge passieren und in Coronazeiten noch öfter.
Die Leidensbereitschaft von Frauen scheint wie ein Brunnen ohne Grund zu sein - da fällt eine Messerwerferin kaum ins Gewicht. :(

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 16.05.22 um 15:41:
Frauen ziehen fleißig nach. Das ist der traurige Fact.

 Dieter_Rotmund (16.05.22, 16:20)
Skizzenhafter Entwurf für "Hundstage II" (Ulrich Seidl)?

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 16.05.22 um 16:22:
Hundstage 2? Geh bitte! Hundstage bleibt für sich.

 Solvy (16.06.22, 15:52)
Gewalt trägt viele Gesichter, und die Angst vor einem noch viel hässlicheren Gesicht als bisher gesehen lässt eine/einen bleiben. Diese Angst zu überwinden und aufzuhören, die Täter/-innen zu entschuldigen, ist ein schmerzvoller Weg, aber er wird am Ende besser für einen sein als das wandelbare Gesicht der Gewalt noch weithin zu sehen und zu spüren zu bekommen. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Etwas traurige Grüße
Solvy
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