Der Hofnarr

Text zum Thema Arbeit und Beruf

von  Hell

Dieser Text gehört zu folgenden Textserien:  Leseproben aus Hellheim,  Der Hofnarr

Als Anthony fünf Jahre alt war, wurde er zu seinen Großeltern in die Hauptstadt von Leonwald geschickt, um dort zur Schule zu gehen. Sein Opa war Offizier der Königlichen Garde und Anthony hatte als mittleres Kind, das Glück sein Leben nicht dem Bauernhof seiner Mutter widmen zu müssen. Durch den Machtwechseln im Nachbarland waren nun außerdem drei Flüchtlingskinder bei ihnen untergebracht und Anthony passte das ganz und gar nicht. Bei seinen Großeltern war er im Mittelpunkt, nicht nur der Mittlere, sondern der Einzige. Durch die Stellung seines Opas war es ihm erlaubt am Unterricht für die Adelskinder teilzunehmen, was ihm später eine Anstellung am Hofe garantieren würde. Genau das geschah auch, denn mit einundzwanzig wurde er zum königlichen Hofnarr ernannt. Er wohnte immer noch mit Oma in dem Haus gegenüber der Badestube des Dorfes. Sein Opa war nicht mehr und sie konnte nicht allein wohnen, also verzichtete er auf seine eigene Dienerkammer und spazierte jeden Morgen um fünf zum Schloss, um den König beim Frühstück unterhalten zu können. Wenn er dann Nachts um Zehn wieder Zuhause ankam, trug er noch zwei Körbe voll Holz ins Haus. Im Holzlager des Königs, an dem sich seine Angestellten bedienen durften, traf er oft auf die jüngste Tochter des Baders, Martha. Die Badestube war in königlichen Besitz und eine Wohltat für die Bürger Leonwalds, für die sie immer noch bezahlen mussten.
"Ich kenne kein Mädchen hier im Dorf, das so viel Holz vor der Hütte hat wie du!", scherzte Anthony als er sie sah und da er sich von hinten an sie herangeschlichen hatte, schreckte sie zusammen. Mit der Hand auf der, gegenteilig der Anspielung nach, flachen Brust drehte sie sich zu ihm um.
"Haha!", sagte Martha und rollte mit den Augen.
"Ich wollte dich eigentlich nicht erschrecken, aber der Witz ist mir gerade eingefallen und...", schwafelte er weiter, obwohl sie schon wieder auf den Weg ins Haus war.
Er schlichtete das Holz in seinen Korb, als neben ihm ein leerer Korb aus einem Meter Höhe zu Boden ging, sah er sie irritiert an.
"Der Witz an sich ist gut. Aber an deiner Ausführung musst du noch feilen und es wäre witziger, wenn ich eine Oberweite hätte", erklärte sie ihm und schlichtete weiter Holz in ihren Korb.
Anthony liebte dieses Mädchen, doch seine Oma hatte ihn verboten um ihre Hand anzuhalten, das würde seinen Ruf ruinieren. Im Dorf galten die Baderstöchter als Flittchen, die für Geld alles machten und mit ihrem Sündenpfuhl noch den Zorn Gottes auf sich ziehen. Eigentlich war es ihm egal was Martha bei ihrer Arbeit macht, als Hofnarr musste er auch so manche Demütigung ertragen, kein Grund jemanden deswegen zu verurteilen. Aber seine Oma würde das nicht verstehen und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde er sie dennoch heiraten, Oma muss es ja nicht erfahren. Seine Geduld war allerdings in diesem Fall keine Tugend. An seinem wöchentlichen Waschtag knüllte er seine schmutzige Kleidung wie immer zu einem Ball und legte sie neben seiner sauberen in das Regal in der Umkleide. Danach schrubbte er sich ordentlich mit Seife und Lappen und ging weiter in den nächsten Raum. Hier badeten in einem großen Becken, das in der Mitte von einem Zaun getrennt wurde, drei Männer auf der einen Seite und nach den Hochsteckfrisuren die über den Zaun ragten zu urteilen, zwei Damen. Der Zaun war Unterwasser nicht blickdicht, damit das Wasser zirkulierte und das Becken nicht doppelt beheizt werden musste. Deshalb tauchte Anthony gerne einmal ab und schielte durch das seifen trübe Wasser. Manchmal hatte er Glück und sah einen erotischen Schatten, auch wenn seine Augen danach brannten. Nach dem Bad ging es in den Schwitzschuppen, wo er seine  abgedroschenen Witze zum Besten gab und dafür mit Klatsch und Tratsch belohnt wurde. Geschwitzt, getaucht und noch dampfend schlenderte er nun draußen auf dem schneenassen Steinweg umher und freute sich Martha bald wiederzusehen, denn er hatte bei ihr einen Termin zum Schröpfen und konnte es kaum erwarten sich so leicht bekleidet von ihr anfassen zu lassen.
Die Schröpfgläser klirrten in ihrer Hand und mit einer Fackel in der anderen brannte sie ein Vaakuum ins den Hohlraum.
"Uhh! Das ist ganz schön heiß.", sagte er als sie das erste Gläschen auf seinem Rücken ansetzte und es sich mit seiner Haut vollsog.
"Das erste Mal tut immer weh.", meinte sie.
Er biss die Zähne zusammen. Der Traum seiner dchlaflosen Nächte stand direkt hinter ihm. Ihre Hände berührten seine Haut, ihre Fingernägel strichen über seine Wirbelsäule und der Stoff ihres Baumwollkleides streifte ihn. Sie hatte die Schröpfgläser bereits zurseite gelegt und sah über seine Schulter auf das Handtuch das er um die Hüfte gewickelt hatte. Die Beule die darunter, während ihrer Behandlung gewachsen war, konnte er nicht mehr kaschieren.
"Kann ich sonst noch etwas für dich tun?"
In Anthonys Kopf raßten die Zahnräder. Würde er das Angebot annehmen, könnte er schon in wenigen Minuten seiner Angebeteten so nahe sein wie nie, aber das würde bedeuten, das er sie gekauft hätte und diese Art von Liebe war nicht wonach er sich sehnte, obwohl er wirklich gerne in ihr drinn sein wollte. Er musste improvisieren, unter Druck hatte er immer die besten Ideen.
"Du könntest mich heute auf das Banquett begleiten, als...", sagte Anthony und verschluckte dabei die Worte 'meine Freundin'.
"Als deine Assistentin?!", fiel sie ihm ins Wort und schien innerlich zu Hüpfen.
Ein Mädchen von ihrem Stand würde auf einer königlichen Feier für Aufsehen sorgen, aber als Scherz zusammen mit dem Hofnarr wäre es durchaus Denkbar, dass es den Leuten gefällt. Diese Gelegenheit war genial. Er würde mit ihr tanzen, er würde mit ihr trinken und er würde sie nach Hause bringen, wenn alles gut lief vielleicht sogar in seines.
Um acht trafen sie sich vor ihren Häusern und gingen gemeinsam auf das Fest. Martha trug ein cremefarbenes Kleid. Sie hatte es sich aus einem der Blickschutztücher gewickelt und sag damit aus wie die alten Griechen aus Homers Odysee. Anthony trug sein Narrenkostüm, rot golden gestreifte Puffhosen, weiße Strumpfhosen und ein Jacket. Sein Hut war abscheulich lächerlich und an seinen Schuhen waren Glöckchen befestigt die jeden seiner Schritte klirren ließen. Marthas anfänglicher Euphorie einen Einblick ins gehobene Gesellschaftsleben zu erhaschen, tat dieser Anblick allerdings keinen Schaden. Er war ihr gleichgültig, sie hatte ihn noch nie mit irgendeinem Verlangen angesehen.
Den Ballsaal betraten die Beiden durch einen Bediensteten Eingang, Anthony war zu dieser Feier gar nicht eingeladen und eigentlich hatte er frei, doch in diesem Kostüm war er für die Leute wie ein Gegenstand, deshalb konnte er hingehen wo er wollte. Das letzte Lied klang gerade aus, als er sich Martha schnappte und mit ihr, durch die sich aufteilende Menge tanzte. Sie drehten sich wild im Kreis und alle Augen waren auf sie gerichtet. Die Musik verstummte, improvisationen standen nicht auf ihren Notenblättern, nur Anthonys Klingelschuhe gaben den Takt an. Er glaubte ein paar Lacher zu hören und wirbelte Martha, die überraschend Leichtfüßig war, von sich fort, dann wieder zurück und zum Abschluss ließ sie sich wie besprochen in seine Arme fallen. Das war der Moment in dem er sie vor all diesen Leuten küssen wollte. Sein Plan ging nicht auf, dafür aber Marthas gestecktes Kleid und anstelle des Kusses starrten alle auf die entblöste Martha. Die Menge brüllte vor Lachen. Martha schnappte sich ihr Tuch und wollte davon rennen, doch Anthony lief ihr hinterher und fing sie ein. Wie ein Schaf, nahm er sie über seinen Schultern und verließ mit ihr den Ballsaal auf den Weg den sie gekommen waren.
"Puhh! Das ist ja gerade noch mal gut gegangen.", sagte er als er sie wieder absetzte.
"Gut gegangen? Was bitteschön war daran gut? Du hast mich wie ein Tier durch den Saal gejagt.", schimpfte sie mit ihm.
"Du bist in die falsche Richtung gelaufen!", versuchte er sich zu erklären.
"Bring mich nach Hause!", waren die letzten Worte die sie an diesen Abend mit ihm sprach.   


Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram