585

Text zum Thema Allzu Menschliches

von  Mondscheinsonate

585 steht für 58,5% Weißgold. Dazu noch kleine, zierliche Diamanten, in der Mitte ein Herz aus einem Topas. Das ist mein Geburtstagsgeschenk an mich selbst und irgendwie, während ich den Ring an meinem Finger betrachte, denke ich, dass das Herz nicht zu mir passt, das passt jungen Mädchen, die noch an die Liebe glauben. 

Vielleicht schicke ich ihn zurück, ich überlege noch, schlafe darüber, aber vorerst bin ich wach, mache kurz Pause vom Sozialrecht, vor Prüfungen schläft man nicht viel, ich zumindest nicht, aber ich schlafe überhaupt zu wenig, das denke ich, während ich einen Kaffee trinke, vielleicht zu viel dessen. 

Ich trage niemals unechten Schmuck, keine Ahnung wieso, vielleicht bin ich ein Snob oder grenze mich damit von meiner armseligen Vergangenheit ab, von der Zeit, als der Kühlschrank ständig leer war. Heute kaufe ich alles zu Essen ein, was ich finden kann, esse es dann nicht, aber, bevor es vergammelt, schenke ich es meiner Schwester, die dann schon stöhnt, weil es dumm ist, aber der Kühlschrank darf nie leer sein. 

Tagelang suchte ich nach Essen, klopfte bei den Nachbarinnen, fragte, ob ich ein bisschen zu Besuch kommen dürfte, einsam war ich auch, das schon und dann sahen sie mich an und fragten, ob ich Hunger habe, da sagte ich immer ja und ich war stets untergewichtig, wog zu wenig, Fliegengwicht, das sagten die Alten, auch "Menschi" zu mir, DAS Menschi, wenn man DAS sagt, dann ist es lieb gemeint, nur "Mensch", war es abfällig gemeint und das sagt man in Österreich nur zu Mädchen, aber eigentlich nur noch die alten Leute, die Jungen reden nicht mehr so, vielleicht auch gut so, aber ich war DAS Menschi und das war lieb gemeint.

Und, dann aß ich das Essen der alten Damen, nur saisonal, es gab sowieso noch keine EU in Österreich, es gab nur Saisonales, doch schon, es gab auch Bananen, aber Kiwis nur im Winter, die waren hundsteuer. 

"Einbrenntes", Einbrenn, Mehl und Öl, die Pampe, alles war einbrennt, wenn ich das so sagen darf, besonders die Fisolen, oh, grünen Bohnen, nix da, es sind Fisolen, und die Einbrenn hat alles Gesunde getötet, setzte sich an die Hüften der alten Damen, verursachte Herzleiden und Bluthochdruck, aber es schmeckte gut nach Nachkriegszeit. Mir schmeckte es auch. Heute kocht keiner mehr so, Low Carb muss es sein. 


Ja, das war das Schlimmste, der Hunger, der ließ mich blass zurück, irgendwie schon, das bleibt in einem drinnen. Die Oma hortete auch Lebensmittel, vermutlich aus demselben Gefühl heraus, aber auch Strumpfhosen, das, allerdings, blieb mir ein Rätsel. Tatsächlich, sie hatte hunderte Päckchen Strumpfhosen, aber nicht verschiedene, nein, dieselbe Sorte, schwarz mit schwarzen Punkten, die wie Noppen aussahen. Ich habe auch viele, ich horte auch Strumpfhosen. Wieder schließt sich der Kreis, allerdings verschiedene, ziehe aber nur noch Socken an. 

Ich trinke nicht, das ist anders.


375 Gold, das bedeutet 37,5% Goldanteil, das ist rhodiniert, eine Beschichtung, das glänzt. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Und dann, nachdem die Mutter ihr Gold ins Pfandl schmiss, schickte sie die Pfandscheine dem Opa und der stieg in den Zug, löste alles wieder aus, brachte ihr den Schmuck wieder, dann nannte sie ihn wieder den "Papi", sonst sagte sie "dein Großvater". Und, der Papi machte das viermal, dann behielt er den Schmuck, da nannte sie ihn "Drecksau". 

Aber, der Papi oder der "dein Großvater" nannte sie immer "Mausi", dort nannten sie alle "Mausi" und im Spital traf ich ein altes Ehepaar, wir kamen ins Reden, plötzlich stellte sich heraus, dass sie "das Mausi" kannten und dann musste ich weinen, vielleicht, weil ich auch gerne ein Mausi gehabt hätte, ich hatte nur eine Ratte.


Aber, in Wahrheit hatte ich ein Meerschweinchen, das hatte ich lieb, ich brauchte etwas zum liebhaben, sonst hätte ich gar nichts gehabt, was mein Herz berührt hätte. 


Ich betrachte meinen neuen Ring, keine Freude kommt auf. Dabei habe ich mich schon gefreut, aber er passt nicht zu mir. Vielleicht, weil ich schon lange nicht mehr liebe, vielleicht befremdet er mich. 

Nun, das Sozialrecht wartet. Es ist 00:37. 


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Kommentare zu diesem Text

Adrian (47)
(19.05.22, 01:55)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.05.22 um 10:25:
Nie, zu deiner Frage. Ja, der Mantel...stimmt. Und, die Schizo-Mutter hat mehrere Persönlichkeiten, die sie gerne zum Ausdruck brachte.

 AlmaMarieSchneider (19.05.22, 03:25)
Mir gefällt Dein Text. Ich fühlte mich fast damit identisch. Zu dünn, immer der Hunger, nur Kühlschränke gab es da noch nicht.
Super flott und ohne Umstände geschrieben.
Einbrenntes und Fisolen: Ja, bei uns waren das Fisäle  :)

LG
Alma Marie

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 19.05.22 um 10:26:
Fisäle, das find ich schön! Und blieb etwas von dem Hunger?

 AlmaMarieSchneider schrieb daraufhin am 19.05.22 um 11:16:
In irgendeiner Form "ja". Lernbegier und Neugier.

:)

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 19.05.22 um 11:20:
Dann sind wir tatsächlich gleich.

 franky (19.05.22, 10:29)
Hi liebe Mondscheinsonate
 
Es ist Außerordentlich bereichernd, Deinen Gedankenbogen zu folgen.
Ich war als Kind auch arm, aber wieder anders arm.
Das mit dem echten Schmuck, trifft bei mir auch zu.
 
Herzliche Grüße nach Wien von Franky
PS. Behalte den Ring, schicke ihn nicht zurück, er passt toll zu Dir und ein Herz soll man sich in jeder Lebenssituation gönnen.

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 19.05.22 um 11:04:

 DanceWith1Life (19.05.22, 15:17)
lach, ich habe eine "zeitlang" solche Ringe hergestellt, für den Versand eines Bekannten, der hatte eine kleine Werkstatt in seinem Haus, in der er ein ansehnliches Sortiment von Duplikaten ( gegossen und nachbearbeitet) all jener Schmuckstücke fertigte, die er auf Flohmärkten, Reisen und Läden günstig erwerben konnte.
Dein Text passt zu dieser Arbeit, den rohen "Güssen" wurden zuerst die ....usw,

Kommentar geändert am 19.05.2022 um 15:50 Uhr
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