Selbstdarsteller

Text zum Thema Aktuelles

von  Mondscheinsonate

Betrachtet man Profile in den Social-Media-Kanälen, eröffnet das einem immer dasselbe Bild, die 30-35-jährigen sind stets makellos, keine Falten sind zu sehen, nicht einmal Fältchen, hätte man welche, hilft Botox und Weichzeichner nach, es gibt keine Susanne oder Elisabeth mehr, die haben sich auf DJ Trendy, Elektrosuse oder Gras-Candy umbenannt, als Hobbies nur noch Party, Sport und Essen, mindestens 800-1000 "Freunde", die auch Follower genannt werden, alles artet in Selbstdarstellung aus, bloß nicht langweilig wirken, immer anders sein als die anderen und alterslos, das Alter wird nicht angegeben.

Am Ende mutieren sie doch zum Einheitsbrei, nach dem dritten Makellosigkeitsprofil zucken die Muskeln zum Gähnen. 


Sigrid Löffler, die in der NWR-Bestenliste das Buch "Der letzte Sommer in der Stadt" vorstellte, sagte den gewichtigen Satz, sinngemäß: "Das erinnert an die 30-jährigen am Prenzlauer Berg, die trendy sind und nichts mit sich anzufangen wissen, aber etwas machen wollen, am Besten irgendetwas mit Medien."

Die gibt es überall, nicht nur in Berlin. 


Natürlich, "Normale" gibt es auch, die schön brav das 50er-Klischee erfüllen, sich als Mutter-Vater-Kind-Einheit präsentieren, allerdings auch faltenfrei, es gibt keine schlaflosen Nächte mit Kleinkindern, alles Happy Peppi. Dazwischen klafft ein Nichts, kaum Ausreißer. 

Ich stelle mir das Halten der heilen Welt fürchterlich anstrengend vor, das ständige Bespaßen der Community, das "sich hervortun müssen", sonst geht man unter. Das sind die, die mit 40 ausgelaugt sind, sich im Burn-out suhlen. Natürlich hat der Großteil eine universitäre Ausbildung, das wollten die Eltern, aber hat wenig Bedeutung, wichtig ist das Präsentieren, das Marketing seiner selbst. 

Eine Arbeiterin, ein Arbeiter hat keine Zeit für sich selbst, die arbeiten von 6 bis 15:30 oder 7 bis 16:30 und danach sind sie müde oder wollen einfach mit ihren Freunden abhängen, gemütlich ein Bier trinken oder einfach nur für sich sein. 

Schneller, höher, weiter gilt für die Studierten, die aber wenig dafür tun wollen. Natürlich schon mit 25 AbteilungsleiterInnen werden, die Führungskompetenz haben sie nicht gelernt, macht nichts. 

Die Kopie der 68er, Revolution durch digitale Medien, das sanfte Nichtstun, rebellieren gegen Mami und Papi- Wirtschaftstreibende, aber das Taschengeld, in Form eines neuen Audis nehmen sie gerne und verstecken es hinter drei Bäumen, um den vierten tanzen sie, preisen die Natur und filmen sich dabei, natürlich mit dem neuesten I-Phone, während ihre Apferl-Watch an einen neuen Follower erinnert. Klingelingeling.


Die Generation danach steht auf der Straße und kämpft gegen das CO2, ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht erkennen sie, dass die Kombination zwischen Digitalem und Natur sich nicht ausschließt, dass sie in der Wirtschaft mittlerweile auch kooperative Partner finden können, Naturschutz ist En Vogue, auch an den Börsen. 

Man kann davon halten, was man will, allerdings sieht man wenigstens einen Wert darin, was man bei der Generation Selbstdarsteller mit der Lupe suchen muss, aber die bringt nichts hervor. 

Die tun mir leid.


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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (19.05.22, 15:49)
Mich amüsiert dieser Text.
Schätze das muss ich erklären.
Als identitätsloser Baustein der Generation dazwischen, also weder voller Hippie noch perfekt 80er, weder nur Beatle noch Rolling, eher King Crimson, Deep Purple mit 16 in einer Kirche live, 22:00 wurde der Strom abgedreht, Highway Star war nur ein Lied, keine Zukunftsprognose, mit 10 den ersten Farbfernseher, mit 30, den ersten PC usw. alles mit Neugier aufgesogen, mit Erinnerungen an den ersten Inet-Anschluß, 1440 Modem, das war pre-Handysapiens, alles klasse, alles voller Möglichkeiten.
Sehe ich die Welt dann doch mit ähnlichen Augen wie dieser Text, aber nicht ganz, da ich Vater eines Kindes, das mit Handytastaturkompatiblen Fingern texten kann, da muss ich passen.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 19.05.22 um 17:03:
Ich hoffe, trotz Fingerfertigkeiten der unnötigen Kunst wird es wieder besser.

 Graeculus (19.05.22, 16:24)
Gute Zeitdiagnose. Da aber nichts so beständig ist wie der Wandel, dürfen wir darauf hoffen, geradezu darauf vertrauen, daß auch wieder andere Generationen kommen werden. Wir wissen nur noch nicht, welcher Art sie sein werden.

Die 68er, die an so vielem schuld sein sollen und auch hier erwähnt werden (nicht ganz freundlich, wie mir scheint), waren die Folgegeneration von Nazi-Eltern, und diese Art von Reaktion auf das Autoritäre kann ich bis heute gut nachvollziehen.

Sind wir nun gespannt auf die Zukunft? Ich muß sagen, bei mir läßt das stark nach. Allein die Entdeckung außerirdischen Lebens könnte mich noch vom Stuhl hauen.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 19.05.22 um 16:57:
Ad 68er...die sind heute Vorstandsmitglieder. Da ist ein bisserl was schief gelaufen in der Revolution. Anlässlich zum 60er von Campino las ich, er würde "heute nicht mehr den Heerdienst verweigern", machte bei Impfkampagnen mit, will aber noch als Punk durchgehen. Der Artikel war beschämend. Er ist kein 68er, aber dies eben auch auf die gemünzt. Heute gegen Arbeit und Eltern von Menschen, die begütert aufwuchsen. Synthetik ja, Werte nein. Oh, ich bin Tante, mich interessiert es noch. Muss es.

Antwort geändert am 19.05.2022 um 16:59 Uhr

Antwort geändert am 19.05.2022 um 17:00 Uhr
Browiak (67)
(20.05.22, 09:37)
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 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 20.05.22 um 09:58:
Wenn sie gut schreiben, stört mich das weniger. Zum Schreiben braucht man Hirn und Talent, kein Botox.
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