Der Diebstahl (Traditio brevi manu)

Text zum Thema Achtung/Missachtung

von  Mondscheinsonate

Einmal stahl ich meinem Großvater Geld, nahm einfach einen Schein (1000 Schilling) aus dem Schrank ohne Nachdenken, es reizte nur, und ging damit in das kleine Städtchen, kaufte Maschen für die Haare, Spielzeug und Allerlei. Ich war glücklich. Dachte nicht darüber nach. Im Übrigen, ich war zwölf Jahre alt. 

Was ich nicht bedachte, wieder einmal, den Faktor Oma. 

Natürlich riefen die Geschäfte gleich bei der Frau Doktor an, denn es war seltsam, dass so ein kleines Mädchen mit viel Geld einkaufte, man kannte sich, nein, die Frau Doktor kannte man, die kaufte prinzipiell Alles, aber nur sie und nicht ihr Enkelkind.

Die Sachen versteckte ich in der Hütte, hinter den alten Koffer und kaum betrat ich das Haus, standen der Opa und die Oma vor mir, bauten sich auf und während ich dies niederschreibe, schäme ich mich gleich wie damals, es war so ein Schämen, plötzlich spürte ich förmlich, was ich getan hatte, die Röte stieg mir ins Gesicht. 

Oma schimpfte, was für ein undankbares Kind ich sei, dass ich als Einzige von allen armen Familien hier, sowieso alles bekommen würde, mehr, als mir jemals zustünde (ja!), dass ich genauso gierig und widerlich wie ihre Tochter geworden bin und diese ruft sie jetzt an, ich soll die Koffer packen und nachhause fahren, sie will mich nicht mehr sehen! 

Opa schwieg und sein Schweigen tat mir derart in der Seele weh, das kann ich heute noch immer nicht beschreiben.

Wir brachten die Sachen zurück, das heißt Oma brachte die Sachen zurück, ich stand daneben und schwieg, während sie jedem erzählte, dass ich gestohlen hatte. Ich versank im Erdboden, betrat nie wieder diese Geschäfte. 

Und ja, ich durfte bleiben, aber ab diesem Zeitpunkt war das Vertrauen weg, denn alles wurde abgesperrt, ich war eine Diebin, es gab kein Verzeihen.


Als meine Oma starb, riss die Kusine den Opa an sich, das war die Bedingung des Testaments, wer überlebt, wird gepflegt, sonst gibt es nichts. Wir fuhren in das leblose Haus, Oma lag erst ein paar Tage unter der Erde. (Das Grab muss sich erst senken, das sagten sie! Es schauderte mich!) Die zweite Kusine sagte: "Nimm dir, was du brauchen kannst!" Wie ein Staubsauger riss sie die Schubladen auf, kramte, wühlte, schmiss alles respektlos auf den Boden. Meine Oma war die pedantischte Person, die ich jemals kennenlernen durfte. Da lag Ecke an Ecke, alles gestärkt, aber plötzlich zum Knäuel am Boden. Das tat mir weh. 


Ich stand alleine im Wohnzimmer und war hilflos. Der damalige Vorfall kam wieder hoch, ich schämte mich, 13 Jahre später. Stand da, traute mich dort nichts zu öffnen. Nahm vorsichtig alle Bücher, legte sie behutsam in einen Wäschekorb. Dann ging ich in die Küche, öffnete den großen Schrank mit den Medikamenten, dort stand das Chanel 05 meiner Oma darin. Es stand dort, weil sie sich immer schnell, bevor Besuch kam, besprühte. Als Kind nahm ich das immer und roch daran, es roch nach "gutriechender Oma", das liebte ich. Das Parfüm nahm ich, roch daran, während mir die Tränen liefen, so wie jetzt, während ich erzähle, und steckte es in meine Handtasche. Dann ging ich die Stiegen hinauf, vor dem Schlafzimmer lag ein Haufen Kleidung, wie eine weggeworfene Oma, stieg darüber, nur nicht darauf, ging ins Schlafzimmer, öffnete die Schranktür und nahm ein Pyjama von Opa heraus. Nahm es an mich. Dann stieg ich wieder über die weggeworfene Oma, ging hinüber in Opas Zimmer, setzte mich auf seinen Stuhl, nahm seinen Füller, steckte ihn ein. Stand wieder auf, öffnete den Bücherschrank, nahm alle Dostojewskis, Tolstojs, usw. und gab sie in einen zweiten Wäschekorb, trug diesen, inklusive Pyjama hinunter, dann sagte ich: "Das war's."

Die Kusine sagte: "Das ist doch nicht wertvoll!" Ich sah sie entsetzt an, schwieg jedoch. Ihre Taschen füllten sich mit Silberbesteck, sie riss alle Laden auf, alles flog über ihren Kopf hinweg, als ob Einbrecher im Haus gewesen wären. Ich weinte in der Küche, rührte keine Laden an, dachte an die Scham, hatte Respekt, ertrug die Situation nicht. 


Ein paar Tage später fuhr ich zu meinem Opa. Er war sehr gebrochen, um Jahre gealtert, fast taub, fast blind, der Ohrensessel fraß ihn beinahe auf, der Opa war fast nicht mehr da. 

Ich nahm seine Hand, öffnete sie und legte ihm seinen Füller hinein, einen alten Montblanc, sagte, nein, schrie: "Der gehört dir."

Da lächelte er, öffnete meine Hand, legte ihn hinein und sagte: "Nein, der gehört jetzt dir."






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Kommentare zu diesem Text


 Thal (27.05.22, 03:34)
Ich wette mal, den Füller und die Bücher und das Parfum hast du noch. Berührend.
Wenn so eine Haushaltsauflösung als Sperrmüll an der Straße steht- so ein ganzes Leben- Versuch ich das auch immer mit größtmöglichen Respekt durchzuschauen. Trotzdem schlimm anzuschauen, dass es letztendlich doch anstandslos zerfleddert wird alles. An sowas und an noch vieles andere erinnert mich der Text.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 27.05.22 um 09:30:
Bis auf das Chanel ist alles noch da und mein wertvollster Besitz. Man kann nichts mitnehmen, aber in der Wäsche nach Wertvollem wühlen, das war mir zuviel. Besonders auch, weil Opa noch lebte.

Antwort geändert am 27.05.2022 um 09:30 Uhr

 Dieter_Rotmund (27.05.22, 09:23)
Insgesamt etwas zu rührselig formuliert und konstruiert, das würde ich dringend reduzieren. Weniger ist mehr.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 27.05.22 um 09:26:
Da der Text äußerst persönlich ist, finde ich kein Wort überflüssig. Hier konnte keine Distanz entstehen, daher bitte ich um Nachsicht. Ausnahmsweise.

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 27.05.22 um 09:34:
Ich verstehe. Distanz ist aber sehr wichtig. In einem gewissen Schreibarbeitsprozess ist sie aber nicht aufrecht zu erhalten. Viele bleiben in dieser Phase stecken.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 27.05.22 um 09:37:
Das ist wichtig, stimmt, hier war es mir überhaupt nicht möglich.

 DanceWith1Life ergänzte dazu am 27.05.22 um 15:27:
um einen emotionalen Moment auf die Leinwand zu bannen, braucht es mitunter eine gut erzählte Kamerafahrt, das ist dir gelungen, ich bin nicht D.R.s Meinung, überhaupt nicht.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 27.05.22 um 18:48:
Danke!

 franky (27.05.22, 10:36)
Hi liebe Mondscheinsonate
 
Habe Deinen Text in Bausch und Bogen aufgesogen.
Es Kamen mir STS mit (Großvotta)in den Sinn. Habe meinen Ältern auch im Krieg hundert
Mark gestohlen, bin jedoch nirgends einkaufen gegangen,
das war am Land nicht gut möglich.   
 
Grüße fliegen zu Dir nach Wien von Franky

 Mondscheinsonate meinte dazu am 27.05.22 um 18:49:
Schuld bleibt.
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