Wüste Betoni

Text zum Thema Ansichtssache

von  Mondscheinsonate

Fürchterlich, labyrinthartig, dreckig, eng, hoch und hässlich. Es gäbe noch viel zu sagen.

Mittendrin stehe ich, komme lange nicht mehr heraus, verliere den Ariadnefaden. Irre durch und es widert mich an, scheint nicht mehr aufzuhören. Jeder Bau sieht gleich aus, tausend Stiegen, in der Mitte ein Platz, ebenfalls nur aus Beton und zwei Papierkörben, die voll sind. Hundekot überall auf den Betonfliesen, kleine Grünoasen auf der Seite, auch die komplett zugeschissen, Büsche voll mit Müll. Ich drehe mich im Kreis, kaum glaube ich  draußen zu sein, bin ich wieder drinnen, eine Stadt in der Stadt, ein Albtraum voller Menschen, tausender Menschen in kleine Wohnungen gepfercht, wenig Platz, herzlichen Dank dafür. Ich frage eine Frau: "Wo geht es hier zum Bus?" Sie sagt: "Also," macht eine Pause, die ist lange. Sie ist stockbesoffen, das merke ich beim zweiten Anlauf. "Ich glaube nach dort." Zeigt, senkt den Kopf und beugt sich zu ihrem ungepflegten Hund, redet mit diesem, mit mir nicht mehr, er hört ihr geduldig zu. Ich bin in einem Klischee gefangen, ein echtes Klischee, Plattenbauwüste, wir sagen "Ratzenbauten" (Ratz= Ratte), abschätzig, nicht zu Unrecht. Dort wird Rechts gewählt beim Wirten. Sozialer Abstieg, man landet dort oder war nur dort und kommt niemals wieder hinaus. Ich auch nicht, denke ich, bekomme Panik. Denk nach, wie bist du hergekommen. Ich habe es verdrängt. Dabei war es nur eine Mammografie, eine einfache Mammografie, die mich herkommen ließ. Das Telefon piepst, ich sehe auf das Display. "Ihr Befund ist fertig, laden Sie ihn mit Ihrem Code herunter."

Ich bleibe stehen und mache das. Ich bin gesund, atme auf. 

Wo bin ich hier. Keine Frage, eine Feststellung. Ein Balkon, nur einer, auf Stiege 7 ist begrünt. Es hängen Pelargonien in rosa herab, eine Pracht. Alles ist zugewuchert mit Pelargonien, ein Pelargonienmeer. Ich mag keine Pelargonien, aber in diesem Moment schon. Das einzig Schöne hier. Ich steige wieder über Hundekot. Beim dritten Anlauf hier rauszukommen, sehe ich die betrunkene Frau mit ihrem Hund wieder. Sie lallt noch immer ihren Hund an. Sie trägt ein Rolling Stones T- Shirt und eine dreckige Jeans. Ihr Gesicht ist eingefallen, die Augen sind weit in den Augenhöhlen, beinahe als ob sie sich vor der Welt verstecken wollten. Ihre schlecht gefärbten Haare sehen aus wie von Nena aus den 80er. Mir fällt "Lass mich dein Pirat sein" ein und ich singe kurz leise vor mich hin. 

Wenn ich die Frau sehe, dann weiß ich, dass ich einen Plan D brauche, A, B, C sind verbraucht. Ich gehe nicht nach rechts um die Ecke, gehe nicht mehr nach links um die Ecke, sondern geradeaus und von dort bin ich definitiv nicht gekommen. Während ich es trotzdem wage, wer weiß, wohin es führen wird, ich gehe einfach, denke ich, dass ich hier nicht hingehöre, aber ich gehöre auch nicht höher gelegen hin, ich bin eine Mischform, eine hybride, sozusagen, eine Mischung aus Mittelschicht und Unterschicht. Das kommt davon, wenn man in einem Gemeindebau mitten im Ersten Bezirk aufwächst, dann fühlt man sich nirgendwo zugehörig, bleibt eine Mischform, geht nicht zu Louis Vuitton, sondern in den Beserlpark, wirkt aber so, als ob ich zu Louis Vuitton gehen würde, absurd, das denke ich während ich gehe, lasse mich nicht irritieren, denke, irgendwie muss ich hier raus, sehe eine offene Stelle, eine hellere, eine, die nicht so dicht zusammensteht, eine, die Luft in die Enge hineinlässt, einen Lichtschein, Gott, nein, einen Bus, besser!

Ich stehe beim Bus und weiß jetzt wieder wo ich bin, mich ekelt es, ich schüttle den Mief ab. Denke, dass ich nun zu Fuß gehen werde und gehe zu Fuß nachhause und je näher ich dran bin, desto glücklicher werde ich, die Straße ist breit, die Gärten sind freundlich, es ist nichts mehr erbärmlich.


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Kommentare zu diesem Text


 Regina (14.06.22, 00:46)
Ich kenne ähnliche Zustände aus Paris. Dort liegt es an der Sozialpolitik, dass die "Unterschicht" nur die allerbilligsten Wohnungen anmieten kann oder wie kommt es zu solchen Elendsvierteln?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 14.06.22 um 01:09:
Gemeindebau. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Sowas. Bei uns gibt es aber auch liebe Gemeindebauten mit lieben Menschen. Diese hohen Bauten aus den 70-80er Jahren sind ganz bitter. Die verstellen die Sicht auf die Welt.

Antwort geändert am 14.06.2022 um 01:11 Uhr

 Dieter_Rotmund (14.06.22, 09:22)
Ein Albtraum.

 Mondscheinsonate antwortete darauf am 14.06.22 um 10:22:
Allerdings.

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 14.06.22 um 15:00:
"Betoni" klingt allerdings sehr putzig, wie eine Eissorte.

 Mondscheinsonate äußerte darauf am 14.06.22 um 18:31:
Der Text verharmloste auch, das darfst du glauben.
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