April, April!

Tagebuch zum Thema Abhängigkeit

von  Mondscheinsonate

Eine SMS am 2. April, er habe geheiratet, gestern, also, vor ein paar Jahren schon, dies jetzt erzählt. Ich dachte, das sei ein Scherz. Gratulierte dennoch. Danach kam nie wieder etwas, das war dann der eigentliche Scherz an der Geschichte, nach 25 Jahren.

Nie wieder? Tatsächlich. Grundsätzlich bin ich nicht traurig darüber, obwohl ich mir noch hie und da meine Gedanken mache, aber weniger über die Person als über die Umstände. 

Meine Güte war ich verliebt, aber wirklich, so richtig arg bis über beide Ohren. Das kennt man, ich borge mir Genanzinos "Liebesblödigkeit" aus, das Wort gefällt mir, ja, Teenager verfallen in eine komplette Blödigkeit, manche stürzen sich sogar vor den einfahrenden Zug wegen dieser Blödigkeit, dabei, oft, nicht selten, kommt zwei Wochen später wieder die Liebe ihres Lebens, aber das werden die Zerstückelten nicht mehr erfahren, das ist bitter, aber ich war jahrelang in dieser Blödigkeit gefangen bis ich schwanger wurde und am Telefon hörte, dass man mir nicht glaube, Distanz: München - Wien. 

Kein Geld im Haus, die Mutter meinte, ihr käme kein Kind ins Haus, er kam aus betuchtem Hause, aber auf ihn konnte ich nicht zählen. Die Zeugung stand vor Augen, ein Hotelzimmer in München, wie in einem schlechten Film flackerte das Neonlicht von einer Außenreklame ins Zimmer, es war defekt, eine Seitengasse in der Nähe des Bahnhofs, das Zimmer war moderat, preislich gesehen, sehr sauber, ich war 19, er war 28. Ich liebte, er schwieg bis zum Höhepunkt.

"Frohe Weihnachten, ich bin schwanger!"

Stille in der Leitung, dann ein kurzes "Ich glaube dir das nicht."

Ich legte den Hörer auf die Gabel, wiederholte den Satz: "Ich glaube dir das nicht."

Ich kotzte eine Woche, nach jedem Essen kotzte ich. Dann fühlte ich mich alleine. Ich überlegte, dass ich meinem Kind etwas unter den Christbaum legen möchte. Das konnte ich nicht. Ich sagte zu meiner Mutter: "Dieses Kind wird nicht hier bei dir sein müssen, so wie ich muss."

Ich rief in der Abtreibungsklinik an. Der Termin war kurz nach Silvester. Ich saß mit vielen anderen Frauen im Nachthemd in einem Bett und wartete, dass ich an die Reihe kam. Nach und nach schoben sie die Betten in den OP wie am Fließband, ich hatte Angst, war alleine, hatte den Satz: "Ich glaube dir das nicht" im Kopf, er hämmerte. Dann kam ich an die Reihe. "Wovor haben sie Angst?" "Vor Spritzen." Der Arzt ging auf die andere Seite, sprach, ich drehte meinen Kopf zu ihm, bemerkte nicht einmal, dass dies eine Ablenkung war, damit ich nicht sehe, dass man mich sedierte. Eine Narkose war das nicht.

Stille. Ein Traum. Vielleicht.

Ein Albtraum.


Ich wachte auf und hatte eine dicke Binde zwischen den Beinen eingeklemmt, keine Unterhose. "Sie können sich jetzt anziehen, ihre Kleidung hängt neben dem Bett über dem Stuhl." Langsam. Ich musste noch eine halbe Stunde schweigend zwischen anderen Mädchen und Damen sitzen und Kaffee trinken, es gab auch Kuchen. Ich drehte mich zu einem Mädchen, fragte nach einer Weile: "Wie alt bist du?" Sie sagte 16, das sei ihre dritte Abtreibung. "Drei?" Ja, sagte sie. Ich weinte innerlich, das geht gut.

Ich ging alleine nachhause, es war nicht weit, makaber war, dass die Klinik am Fleischmarkt war. Die Gasse heißt so. Das ist Wien.

Eine Woche später rief er an, ach ja, vorab, mein Vater gab mir das Geld, 5000 Schilling, das war damals viel, sagte: "Wir sind nicht am Kinderspielplatz!" Er war wütend, aber mehr traurig. Wir sprachen nie wieder über das Thema, bis heute nicht. Nun, er rief an, er, der Grund meiner jahrelangen Liebesblödigkeit, rief an und tat so, als ob nichts wäre, ich sagte nichts zu dem Thema. Er wollte ein Bier trinken gehen. Ich sagte: "Ja."

Ein volles Lokal, wir saßen uns gegenüber, die Musik spielte so, dass man gerade noch nicht schreien musste. Er sprach und erzählte von München. Er sagte, er habe eine Frau kennengelernt, schon vor drei Monaten, das hat er ganz vergessen zu erzählen, aber, das wäre egal, weil wir nicht zusammen wären, er meinte mich, redete weiter, sagte, dass sie nun nach drei Monaten schwanger wäre und sie das Kind bekommen wird. Ich beugte mich zu meiner Jackentasche hinunter und holte den Zahlungsbeleg heraus, legte ihn zu seinem Bierglas. 

Er begann zu weinen, nahm meine Hand, meinte, dass er mich liebe, wir hätten eine Familie gründen können. Ich sah ihn an und empfand gar nichts mehr. Als ob ich niemals etwas empfunden hätte. Nichts. Der Gedanke, meinem Vater das Geld zurück zu geben, der kam nicht. 

Ja, man braucht nicht weiter erzählen. Die Tochter ist schon groß, die geheiratete Frau ist eine andere, dazwischen kam noch ein Kind, also sind es zwei und ich empfinde gar nichts.


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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (17.06.22, 12:42)
Naja, ein 08/15-Plot, schon tausendfach gehört, das reißt keinen vom Stuhl ....äh Sessel.  :P

Aber ist ja Tagebuch, vor daher waren meine Erwartungen von vorneherein stark gedrosselt. 

In Genazinos Liebesblödigkeit ist aber keiner schwanger, oder? Genazinos Prosa ist ja Mannheim und Frankfurt, Wien passt da nicht, oder?

 Mondscheinsonate meinte dazu am 17.06.22 um 12:44:
Da steht auch: Ich borge mir das WORT aus, nicht den Plot.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 17.06.22 um 12:46:
Ja. 
Ich mag halt Genazinos Prosa.

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 17.06.22 um 12:48:
Ich auch.

 RainerMScholz äußerte darauf am 21.06.22 um 23:27:
Ja, es gibt halt echte Fleischmarktkommentatoren - und nicht alle sind aus Wien -, wobei mir das Wort Kommentator - ach, vielleicht denke ich nur an Fußballspiele, dritte Liga. Oder drunter.
Ich bin jedenfalls beeindruckt über den Text, fast bestürzt. Sogar sehr.
Grüße,
R.

Antwort geändert am 21.06.2022 um 23:39 Uhr

 Mondscheinsonate ergänzte dazu am 21.06.22 um 23:59:
Dankeschön. Das Argument, dass das schon oft gelesen wurde, lasse ich auch gar nicht an mich heran, bitte nicht falsch verstehen, ich bin offen für Kritik, einfach, weil niemand offen über Abtreibungen schreibt, außer in Selbsthilfeforen. Das ist ein literarisches No-go, falls das noch nicht aufgefallen ist. Man kann wohl meinen, dass es nicht gut umgesetzt wurde, ja, aber schon gar nicht als Mann, der Gefühle einer Frau in dem Moment nicht nachvollziehen kann, irgendetwas behaupten. Das ist das Schlimmste, Erniedrigenste und die allerschlimmste Entscheidung über Leben oder Tod eines Menschen zu entscheiden müssen.

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 22.06.22 um 10:57:
Nun gut, da bist da ja offenbar schon voreingenommen. Man kann ja die Frage stellen bzw. darüber diskutieren, ab wann dieses "Ding" (wertfrei formuliert) überhaupt Leben darstellt...

 Mondscheinsonate meinte dazu am 22.06.22 um 11:07:
Du denkst falsch. Mag sein, ein diskussionswürdiges "Ding", dennoch wird das "Ding" ein Mensch und das wird entschieden.
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