Mauer, Brücke, Turm - assoziieren Sie!

Essay

von  Quoth


Was fällt mir zu diesen Begriffen ein? Eine mittelalterliche Burg! Sie ist von einer Mauer umgeben, und vor der Mauer fließt der Graben, d.h. er steht, Entenflott treibt friedlich darauf, ein Schwan segelt gemächlich herbei und will gefüttert werden. Wir aber wenden unser Augenmerk der Brücke zu, die über den Wassergraben führt. Heute ist es eine feste Steinbrücke; vor Jahrhunderten aber war es eine Ziehbrücke; wenn Gäste kamen, die nicht eingeladen waren, zog man ihnen die Brücke vor der erstaunten Nase empor, und dann konnten sie sehen, wo sie Hunger und Durst stillten, jedenfalls nicht in der Burg, die in ihrem Mauerpanzer uneinnehmbar dastand, und vielleicht lachte ihr Inhaber und Besitzer höhnisch aus einer Schießscharte und spottete die unwillkommenen Ankömmlinge weidlich aus, wofür man ihm vielleicht einen spitzen Pfeil hinaufsandte, der am Stein aber wirkungslos abprallte. Eine Mauer schützt! Sie trotzt! Sie ist ein Bollwerk gegen das Unerwünschte, und als solches dem einen eine Freude, dem anderen ein Gegenstand des Hasses. Also wird man die Burg ein wenig belagern müssen. Ringsum qualmen die Lagerfeuer des bösen Feinds, weder bei Tag noch bei Nacht wird jemand hinaus- noch hereingelassen, still, schwarz und trotzig steht weiterhin die Ummauerte, aber in ihrem Innern rumort es wie in einem Leib, der Hunger hat. Aus dem finsteren Trotz wird Scheinheiligkeit; die vorher nur schützenden Mauern sind jetzt auch einsperrende Mauern geworden, und während die Bewohner sie vordem priesen, schauen sie sie jetzt hasserfüllt an und verfluchen sie wie die Mauern eines Gefängnisses. „Sollen wir sterben in deinem Innern, verdammte Burg?“ murren sie, und verzweifelt halten sie Ausschau vom Turm. Da haben wir auch den dritten im Bunde unseres Aufsatzthemas; der Bergfried überragt die Mauern fast um deren Höhe. Sein Dach ist rund und spitz, und unter dem Dach hervor lugt es sich herrlich ins weite Land hinaus, das da ausgebreitet liegt mit Weinbergen, in denen gearbeitet wird, mit einem herrlichen Strom, auf dem Schiffe zuberg gezogen werden von stämmigen Treidelpferden. Aber für all diese vom Dunst des Sommers und der Vergangenheit umwobene Schönheit haben die Belagerten kein Auge, sie suchen nur nach Anzeichen des sich nähernden Entsatzes, nach blaugelben Fahnen, die zwischen Rebbergen auftauchen sollen und Tag um Tag nicht auftauchen wollen, während in der Burgküche schon die Lederkoller der Ritter in Sauer gekocht werden, weil nichts anderes zu essen mehr da ist. So ein Turm ist das Bild eines wilden und unbesieglichen, weil nie schlummernden Recken, der auf dem Felsen steht und mit seiner raubvogelartigen Wachsamkeit jedes Aufbegehren der umwohnenden Bauern schon im Keim erstickt. Ach, das waren noch Zeiten, als die Mächtigen auf den Bergspitzen saßen, so dass man nur den Blick zu erheben brauchte, um sie zu sehen. Eine hübsche und märchenhafte Klarheit war in den Verhältnissen, die Herrschenden saßen oben und schauten hinab, und wir Armen plackten uns in der Ebene und konnten bisweilen angstvoll und träumerisch hinaufblicken, wo der weiße Schleier eines Burgfräuleins verheißungsvoll aus dem Fenster wehte. Heute hingegen haben Mauer, Brücke und Turm ihre alte Sinnbildhaftigkeit verloren. Sie sind nur noch Äußerungsformen einer aufs Praktische, Klimatische und Alltägliche gerichteten Architektur, und wer etwa glauben wollte, eine Mauer schütze, der braucht nur in eine der umliegenden Großstädte zu fahren und kann sich anschauen, wie da an den Ruinen des Bombenkriegs noch so manche hübsche Blumentapete in grausig entblößter Höhe im Winde flattert. Wie Kartenhäuser brechen heute auch die festesten Häuser unter dem Ansturm von Dynamit, TNT und Phosphor zusammen, ganz zu schweigen von der Atombombe, die ein einziges höhnisches Grinsen auf alle Arten von Architektur ist. Und die Mächtigen unserer Zeit, wo hocken sie? Finden wir sie auf den Bergspitzen oder nicht vielmehr in entlegenen Waldwinkeln, an den Ufern versteckter Seen, wo sie ihre zugleich unscheinbaren und innerlich prächtigen Häuser bauen? An die Stelle der herrscherlichen Blickverbindung ist die unsichtbare Verdrahtung durchs Telefon getreten; Herrschaft wird nicht mehr sichtbar, sondern unsichtbar oder nur mittelbar sichtbar – im Fernsehen – ausgeübt, und so tappt der junge Mensch durch eine Welt, in der scheinbar alles durcheinander liegt, in der unter dem Anschein bunter Vielfalt heimliche Macht sich verbirgt und selbst den noch steuert, der seine Freiheit zu genießen meint. Türme kennen wir noch als Fernsehtürme; für die Aussendung des Fernsehbildes ist absurderweise wieder Blickverbindung erforderlich, deshalb werden die Betonkolosse gern auf Bergen oder anderen höchsten Punkten errichtet, um einen möglichst großen Bereich mit ihrer geballten Ladung an manipulierender Langeweile zu bestreichen, ja, sie sind wohl so etwas wie die Bergfriede der Herrschenden. Und Brücken? Oft merkt man es gar nicht, wenn man auf der Autobahn in schwindelnder Höhe ein Tal überwindet. Nicht die Brücke ist das Besondere, sondern sie verkörpert das Vernünftige und Normale, die Landschaft hingegen hat an dieser Stelle eine vielleicht natürliche, aber unpraktische und störende Vertiefung, Knickung oder Senkung, die durch die Brückenführung quasi operativ behoben wird. Ach, wie gern möchte ich einmal an einer Brücke aus Hanfseilen einen schäumenden Urwaldfluss überqueren, um zu erfahren, was eine Brücke zu sein vermag: Verbindung zweier Ufer! Bei uns verbindet sie nicht mehr, sondern erklärt den unten fließenden Fluss zur unsinnigen Störung; am besten würde er gleich noch kanalisiert oder ganz abgeschafft, denn unsere Brücken vernichten. Ist das zu pessimistisch gesehen? Für einen Schulaufsatz vielleicht, in dem es zum guten Benehmen gehört, eine aufmerkende Heiterkeit zur Schau zu stellen. Ich möchte deshalb abschließen mit der Bemerkung, dass es mir Spaß gemacht hat, über die drei Wörter ein wenig nachzusinnen.



Anmerkung von Quoth:

Dies ist ein echtes Originalthema, über das Eduard Eisenpflicht sich den Kopf zerbrochen hat.

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