Nacherzählung

Essay

von  Quoth


Scrooge tappt also durch das nächtliche London. Er ist ein Geizkragen, und wie es sich für einen solchen gehört, hat er Angst, von Räubern überfallen und beraubt zu werden. Aber wird er nun von Räubern überfallen oder nicht? Das ist eine Frage, für deren Beantwortung ich die Geschichte, die ich nacherzählen soll, gelesen haben müsste. Leider war mir das in der allzu kurzen Pause nicht möglich, und zu Hause war ich durch verschiedene, hier nicht zur Debatte stehende familiäre Zwischenfälle von regulärer Pflichterfüllung abgehalten. Woran ich mich erinnere, das ist der Nebel, der in Dickens' London gerade zu dem Zeitpunkt herrschte, in dem Scrooge durch die nächtlichen Gassen wankte. Komisch, dass die Kombination aus London, Nebel und Weihnachtsnacht auch bei Leuten wie mir, die noch nie in England waren, wohliges Schaudern auslöst. An keinem Ort der Welt kann Kerzen- und Stubenlicht aus einer Wohnung so Heimeligkeit verheißend ins feuchtdunkle düstere Außen fallen wie in London. Bestimmte Whisky-Reklamen machen regen Gebrauch von diesem Effekt, und ich gestehe, dass ich trotz meiner Jugend der Versuchung schon nachgab, im Geschmack der betreffenden Sorte die Lockungen und Verheißungen englischen Wohllebens zu erforschen. Sicherlich werde ich eines Tages nach London fahren und dort in unglaubliche Abenteuer verwickelt werden. Wie Gevatter Scrooge durch die weihnachtlich munkelnden und raunenden Winkel pirschend, werde ich über das Bein eines Liegenden stolpern, dem ich aufhelfe. Er ist völlig beschmutzt, aber trotz seines Schmutzes ist er als feiner, vornehmer Mann erkennbar, den vielleicht nur die Einsamkeit zum schändlichen Weihnachtstrunk getrieben hat. Ich stütze ihn, er gibt mir seine Adresse an, die wir mit Hilfe eines Bobbys, uns im Nebel mehrfach verirrend und noch manchen guten Schluck nehmend, finden. Inzwischen kenne ich die ganze Geschichte des Herrn. Er ist ein reicher Londoner Kaufmann mit Namen Macaulay. Was für ein entzückend nach Whisky duftender Name, vor allem aus diesem Mund! Sein Sohn sollte sein Vermögen erben, erwies sich aber als unwürdiger Verschwender, Macaulay enterbte ihn, und Fredric dampfte nach Amerika ab, um in den Fußspuren eines gewissen Poe zum Dichter zu reifen. Da starb Macaulay auch noch die Frau, und nun war er hoffnungslos vereinsamt. Seine Versuche, in politischen Clubs, beim Altenkaffee oder sonstwo Anschluss zu finden, schlugen fehl. Dann las er in einem Comic-Heft, wie Onkel Dagobert, alias Scrooge, aus der berühmten Familie der Ducks, seinen Neffen Donald im Freundefinden dadurch überflügelt, dass er mit einem Schubkarren voller Geld durch die Straßen geht. Die Leute drehen sich um und sagen: „Reizender alter Herr!“ und „Köstliches Original!“ Das probierte auch Herr Macaulay aus, aber wahrscheinlich zum falschen Zeitpunkt. Ein paar stämmige Kerle nahmen ihm seinen Schubkarren mit den Worten ab: „Na, Alter, wir schieben das Ding schon nach Hause! Plag dich nicht weiter und geh einen saufen!“ Das tat er dann, aber Freunde hatte er nicht gefunden. Wir gingen die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. „Nanu,“ sagte er, „habe ich das Licht angelassen? Das tue ich doch sonst nicht!“ „Vielleicht sind die Schubkarrenschieber auf Besuch gekommen, um Ihnen ein frohes Fest zu wünschen!“ Das war ich, der da, etwas beklommen, im nebelklammen Londoner Treppenhaus redete. Die Tür war offen, Kerzen waren angezündet, es duftete wunderbar nach dem saftigsten Napfkuchen und dem krossesten Flachgebäck, und eine junge Dame in einem Kostüm, wie man es vielleicht vor hundert oder hundertfünfzig Jahren trug, flog und flatterte uns entgegen. Aus dem lieblichen Gezwitscher, mit dem sie uns umgab, war zu entnehmen, dass sie Fredrics Frau gewesen und dass dieser verblichen war, ohne eine einzige Zeile zu veröffentlichen. „Geh und besuche meinen armen alten Vater!“ hatte er auf dem Totenbett geröchelt und ihr den Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt. Sie sei gekommen, um den Vater ihres über alles geliebten Fredric für immer zu versorgen, zu bekochen und zu verwöhnen, und für mich, als seinen Wohltäter, habe sie eine ganz besondere Aufgabe: Die Kiste mit den Manuskripten von Fredric Macaulay junior zu sichten, zu ordnen und herauszubringen. O, was für ein seliges Weihnachten war das! Unsere Augen und Münder flossen über von Liebe und Anis und Kardamom, alles war Bienenwachs, Mistelzweig und natürlich der unvermeidliche Plumpudding, gekocht im Wasserbad und genießerisch im Kerzenlicht unter Liedern und Küssen verschmatzt und verdrückt. Der Alte entpuppte sich als leidlicher Schachspieler, und während Virginia, so hieß das entzückende Wesen, in der Küche klapperte und plätscherte, machten unsere Figuren auf dem elfenbeinernen Brett leise klick und klack, das Feuer im Kamin knisterte und die Welt draußen versank in Nebel und Nacht. Ich muss mich entschuldigen, Herr Dr. Fuß, aber ich dachte, etwas Eigenes sei vielleicht besser als eine weiße Seite, und erwarte gefasst die allerstrengste Benotung!



Anmerkung von Quoth:

Bitte um Verzeihung für einen Weihnachtsaufsatz zur Sommerzeit, aber wenn es allzu warm und sonnig ist, verlockt mich das Kalte und Dunkle, wer das nicht mag, kann mit der Lektüre ja noch sechs Monate warten - falls die Welt dann noch steht.

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Kommentare zu diesem Text


 Lluviagata (28.06.22, 15:04)
Haallo Quoth,

ich für meinen Teil kenne nur Ebenezer Scrooge! Dabei war der auch ein Geizhals. Ein geläuterter, wa? Mit Donald Duck und Konsorten hab ich aus erklärlichen DDR-Gründen nichts am Hut, weiß aber um sie. Deine Geschichte, im unnachahmlich geschmeidigen Quoth-Style geschrieben, ist sehr unterhaltsam und lehrreich, weiß ich doch bis heute nicht, was Ilexblatt ist. Jack the Ripper kam mir in den Sinn - und doch frage ich mich, was an einem Weihnachtstrunk schändlich ist, wenn man einsam ist! ;)

Liebe Grüße
Llu ♥

 Quoth meinte dazu am 29.06.22 um 15:42:
Ersetze das Ilexblatt durch einen Mistelzweig, der in England noch passender ist! Vielen Dank für Kommentar, Empfehlung und Lieblingstext! Gruß Quoth

Antwort geändert am 29.06.2022 um 15:44 Uhr

 AlmaMarieSchneider (28.06.22, 22:09)
Spannend erzählt lieber Quoth. Ich lebe auch in einem Nebelloch.
So nenne ich hier die Gegend. Er verbirgt für mich immer etwas Mystisches.
Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth antwortete darauf am 29.06.22 um 15:49:
Wenn Du mal einen richtig düsteren Londonroman lesen willst, der im 19. Jahrhundert spielt, solltest Du Dir "Die Frau in der Themse" von Steven Price zu Gemüte führen! Vielen Dank für Kommentar, Empfehlung und Lieblingstext! Gruß Quoth

 AlmaMarieSchneider schrieb daraufhin am 29.06.22 um 18:03:
Ich glaube ich kenne diesen Roman. Da spielt doch dieser Detektiv Pinkerton eine Rolle. Ich google mal.
Bin auch ein Edgar Wallace Fan. Der schrieb auch einige "nebligen" Krimis.

Liebe Grüße
Alma Marie
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