Große Geister sind wie Leuchttürme

Essay

von  Quoth

Ich weiß nicht, ob die Autoren, die mir Orientierung gegeben haben, große Geister waren. Hermann Hesse z.B. war Buchhändler. War er ein großer Geist? Ihm wurde 1945 der Literatur-Nobelpreis verliehen. Aber hatte er ihn verdient? Oder wollte man, kurz nach dem Krieg, nur eine Geste der Versöhnung zelebrieren, indem man den begehrten Preis einem Autor deutscher Zunge, der sich nicht kompromittiert hatte, zuhielt? Die Frage lässt sich zuspitzen: Wenn uns jemand Orientierung gibt, kommt es dann noch darauf an, ob er ein großer Geist ist? Hesse hat mir Orientierung gegeben, aber nicht in dem Sinne, dass ich nach seiner Lektüre wusste, wo es langging. Nein, nach seiner Lektüre wusste ich, dass ich nicht der Einzige war, der nicht wusste, wo es langging. Die orientierungslosen Helden Hesses, seine Landstreicher und Einsamlinge (in der Nachfolge, wenn ich das vermuten darf, des eichendorffschen Taugenichts) waren es, die mich trösteten und mit dem Schicksal versöhnten, zu ihnen zu gehören. Hesse ist ein Autor, der orientiert, indem er tröstet und mit denjenigen Elementen in uns versöhnt, die uns am meisten irritieren. Hierzu gehört die Wut, hierzu gehört aber auch das hilflose Begehren. Hesse hat mit Thomas Mann Briefe gewechselt. Da waren denn die beiden deutschen Nobelpreisträger unter sich und ergingen sich in elegischen Betrachtungen. Auch Thomas Mann hat das Einsamsein in der Jugend gestaltet, und zwar im „Tonio Kröger“, den wir bei Ihnen, sehr geehrter Herr Dr. Fuß, zu lesen verpflichtet waren. Auch diese Erzählung hat mir – wie Hesses „Knulp“, „Demian“ oder „Steppenwolf“ – Orientierung gegeben, vielleicht aber auch Fehlorientierung; denn nach der Lektüre fühlte ich mich zur Kunst nicht nur berufen, sondern bereits als Künstler. Nun gibt es aber mit Sicherheit viele sich einsam fühlende junge Menschen, denen zum Künstler absolut das Zeug fehlt. Thomas Mann schmeichelt ihnen mit der Vermutung, in ihnen sei tragisch umflortes Künstlertum angelegt. Das ist ein Ansinnen, das im Augenblick wohltut, auf Dauer aber auch gefährlich werden kann. Ich will deshalb lieber einen handfesten Beruf ergreifen und z.B. Bäcker werden. „Der Bäcker, der morgens seine Brötchen sieht, weiß, wer er ist.“ Ich glaube, dieser Satz stammt von Hegel. Er verdient einen Platz unter den Leuchttürmen. Was in unserem Alter so schwer zu ertragen ist, das ist die Undefiniertheit. Wer sind wir? Wohinaus geht es mit uns? Was können, was wollen, was sollen wir tun? Alles ist ungewiss, und weder Eltern, noch Schule, noch Kirche, noch Politik vermögen eine glaubwürdige Orientierung zu geben. So schwanken wir haltlos im Winde, aber jener Satz von dem Bäcker eröffnet uns eine Perspektive: Wir müssen lernen, etwas hervorzubringen, wonach Bedarf besteht. Dann werden wir nicht mehr schwanken, wir werden definiert sein und wissen, wer wir sind. Unter meinen Vorfahren sind Schuhmacher, Polizeidiener, Maurer und Seidenblumenmacherinnen. Der Schuhmacher definierte sich durch seine gutsitzenden Schuhe, der Maurer durch seine vor Wind und Wetter schützenden Mauern, die Seidenblumenmacherin durch die Freude in den Gesichtern der Kundinnen, die Putz bei ihr kauften. Und sogar der Polizeidiener, gebe Gott, dass er ein redlicher war, nicht bestechlich und trunksüchtig, produzierte im besten Falle etwas, was wir alle brauchen: nämlich Ruhe und Ordnung. Schon als Kind, als wir hungerten, es war nämlich eben die Zeit, in der Hermann Hesse den Nobelpreis bekam, träumte ich viel von leckeren bunten Kuchen und cremigen Pralinen. Ich hatte dieserart Mundzauber in dem Begleitbuch zu unserem Elektrolux-Kühlschrank aus den 30er Jahren kennengelernt. Warum sollte ich derlei nicht selber herstellen? Man verspottete mich schon damit: „Dieter wird Konditer!“ riefen die Spielkameraden, und obgleich sie alle scharf waren auf Süßes, lag doch auch Verachtung darin, denn einen Konditor stellt man sich gemeinhin dick und dumm vor, obgleich das mit Sicherheit ein Vorurteil ist. Gibt es einen Konditor, der zu den Leuchttürmen gehört? Ich fürchte, nein. Es gibt einen Haufen Juristen unter den Literaten, aber nur wenige Handwerker. Jakob Böhme soll einer von ihnen gewesen sein, nämlich ein Schuster. Er wird von einigen sehr hoch geschätzt, von anderen missachtet, weil er zu viel über letzte und tiefste Fragen nachgedacht hat wie z.B. über die: Woher kommt das Böse, wenn Gott doch gut ist? Ich kenne seine Antwort nicht, will aber nachforschen, dazu habe ich ja noch viel Zeit. Er hatte, wie ich hörte, eine Offenbarung, die man nach der, die aus Saulus den Paulus machte, Damaskuserlebnis nennt. Dabei soll er einen Zinnkrug angeschaut haben, was ich auch schon mehrfach tat, aber mir ging dabei nichts auf. Ein anderer Handwerker, von dem ich hörte, war der Linsenschleifer Spinoza. An ihm gefällt mir, dass er alles auf die Natur bezieht und dadurch nicht in vordergründiges Moralisieren verfällt. Goethe hat ihn geschätzt, also dürfte es meiner nicht unwürdig sein, ihn ebenfalls zu schätzen. Diese Denker, die schon vor über 300 Jahren lebten und schrieben, erscheinen mir besonders vertrauenswürdig. Sie könnten zu Leuchttürmen werden, die mir auf dem Lebensmeer Orientierung geben. Neuere Philosophen hingegen wie der von einigen hochgerühmte Martin Heidegger sind durch ihr Nazitum kompromittiert, um keinen schlimmeren Ausdruck zu gebrauchen. Selbst der größte Denker, wenn er sich in den Dienst einer anmaßenden und grausamen Dummheit stellt, ist für mich nicht diskutabel. Hätte sein Scharfsinn nicht ausreichen müssen, um den Nebel aus schönen Worten zu durchdringen, mit denen sich Ideologien dieser Art bei den Klugen einschmeicheln? Oder ist gerade der Geniale in der Lebenspraxis nur ein Dummkopf? So könnte man es aus Baudelaires Gedicht vom Albatros herauslesen: Der im Luftmeer unglaublich gewandte Flieger ist am Boden oder auf Deck nur ein schwerfälliger Tölpel, den die Schiffsmannschaft verspottet. Dieses Bild soll den irrenden Künstler rechtfertigen – z.B. Gottfried Benn, nicht aber den irrenden Denker. Dieser muss seine Klugheit auch in der Praxis bewähren. Leuchtturm kann nicht werden, wer der Finsternis huldigt.




Anmerkung von Quoth:

Ich staune, wenn ich das lese: Ich bin mir treu geblieben. Oder habe ich meine heutigen Überzeugungen in den 16jährigen Autor hineinprojiziert?

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter Wal (01.07.22, 19:03)
Wie erfreulich, dass Du Deine Schulaufsätze aufbewahren konntest und sie teilst. Viel Text für einen Schulaufsatz. Wie lange durftet Ihr schreiben?

 Quoth meinte dazu am 01.07.22 um 19:43:
Es sind Rekonstruktionen, lieber Dieter Wal, aber die Themen sind - bis auf wenige - original aus den 50er Jahren, Themen von, so hießen sie damals, "Besinnungsaufsätzen". Wir hatten vier oder fünf Schulstunden Zeit. Dank für Empfehlung mit Kommentar! Gruß Quoth

 Dieter_Rotmund (02.07.22, 10:06)
Das Konzept an sich gefällt mir nicht. Aber 'ne runde Geschichte, dein rekonstruierter Schulaufsatz!

 Quoth antwortete darauf am 02.07.22 um 11:56:
Das Konzept vermittelt die Distanz, die ich brauche, um zu schreiben. Danke für die "runde Geschichte"! Gruß Quoth
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