Pudding ist immer ein Fest

Kurzgeschichte zum Thema Abschied

von  Agnete



 

 

 

Als Enkelchen in die Küche stürmt, ist die grüne Masse noch flüssig Und ich sage: So ein Wackelpudding ist kapriziös. Manchmal gelingt er, manchmal nicht. Als der kleine Finger in das Grün eintaucht und Enkelchen schwärmt: Ist aber schon lecker, Oma -  da muss ich lächeln. Und an das Puddingfest denken, das ich vor dreißig Jahren für meine damals auch 6-jährige Tochter zum Abschied vom Kindergarten ausgerichtet habe.

Während ich nun die kochende Vanillesauce rühre, damit sie nicht anbrennt, sehe ich in Gedanken den mit Ballons  und Girlanden geschmückten Garten, die vielen Tische mit den bunten Deckchen, den weißen Pappschüsselchen - und Tellern. Aufgeregt stand meine Tochter am Gartentor und schaute stolz über die fünfzig bunt gefüllten großen Schüsseln mit allen Puddingsorten, die man sich vorstellen konnte. Bis ein Uhr nachts hatte ich am Vorabend gekocht. In drei Töpfen gleichzeitig. Wenn ein Pudding fertig war, hatte mein Mann rasch den Topf gespült- und weiter ging es. Heute waren der stolze Blick meiner Tochter und ihre Worte mein Lohn: Mama, das ist einfach traumhaft schön!

Dann kamen sie. Der Linienbus, der die Kinder sonst zum Sport brachte, hielt direkt vor unserem Haus und nahm die ganze Straße ein. Die Nachbarn staunten, als 25 Kinder heraushüpften, lachten und juchzten. Wir standen am Gartentor und spürten: Dies ist etwas Besonderes.

Gesittet stellten sich die Kinder  in Zweierreihen auf mit einer Kindergärtnerin vorne, einer hinten zur Sicherheit. Nachdem sie erst im Garten waren und ein lautes Oh durch die Reihe ging, verteilten sich die Kinder rasch auf dem großen Gelände. Erst mal toben, spielen. Der Garten war voller Leben und die Nachbarn winkten.

Dann wurde zum Buffet gerufen. Meine Tochter war ganz Gastgeberin und füllte mit auf, sie war so glücklich. Alles löffelte, schmatzte, schleckerte, kleckerte und ich hatte einen Kloß im Hals vor Rührung. Selbst die Erwachsenen nahmen Pudding zu einer guten Tasse Kaffee.

Ich hatte gebeten, dass jedes Kind eine Tüte mitbringt zum Walnüsse-Sammeln, denn unser alter Baum hatte wieder hunderte abgeworfen. Stolz trug jedes Kind sein Tütchen und achtete penibel darauf, dass es bloß nicht verwechselt wurde. Stundenlang war unser Garten erfüllt von Kinderlachen. Und ich genoss es.

Ein paar Mal mahnte die Kindergärtnerin: Wir müssen uns langsam fertig machen. Doch niemand wollte. Alle wollten bleiben. Irgendwann aber hörte man den Bus vorm Haus vorfahren. Mit einem kräftigen Schnauf ging  er in die Bremse. Das war wie ein Schnitt ins Mark und ich sah wie der Blick meiner kleinen Tochter sich veränderte. Ihr Lachen erstarb. Jetzt hieß es Abschied nehmen. Ein Abschied von vielen Jahren der Gemeinschaft, der Geborgenheit. Von der verehrten Kindergärtnerin, vom Umfeld Kindergarten.

Alle Kinder stellten sich wieder in Zweierreihen auf. Meine Tochter und ich stellten uns wieder ans Tor, ich legte den Arm um sie. Jedes Kind bedankte sich, meine Tochter aber kämpfte mit den Tränen. Ich drückte ihre Hand ganz fest. Wir winkten, bis der Bus oben um die Ecke verschwunden war. Und schwiegen.

Schlenderten zurück in den Garten. Die Tische sahen aus wie ein Schlachtfeld. Aber die Ballons wehten nimmer noch im lauen Sommerwind. Schau, sagte ich, Abschied tut immer weh. Und bevor man sich auf das Neue, das beginnt, freuen kann, muss man die Trauer über den Abschied zulassen. So ist das immer im Leben.

Bis heute hat sie den Tag nicht vergessen. Als sie Enkelchen am späten Nachmittag abholen kommt, holt der gerade den Wackelpudding aus dem Kühlschrank. Er schwenkt die Schüssel hin und her und jauchzt: Schau mal wie der wackelt. Meine Tochter sagt : Mama, weißt du noch, das Puddingfest? Wir hatten sogar Gelben. Ja, antworte ich, weiß ich noch. Enkelchen sticht den Wackelpudding an. Der schlürft. Genau so wie ein Wackelpudding schlürfen muss. Und mit vollem Mund lobt der Kleine: Spitze, Oma!

Meine Tochter nimmt keinen Pudding und schaut traurig. Vielleicht, weil sie Enkelchen kein Puddingfest ausrichten kann in der kleinen Wohnung. Ich frage nicht, sage aber: Du wirst ihm eine tolle Einschulungsfeier gestalten. Die wird wunderschön. Und ich drücke ihre Hand ganz fest. So wie damals.

 



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Kommentare zu diesem Text


 Teolein (14.07.22, 12:56)
Ach Agnete,
welch schöne und rührende Geschichte.
Danke dafür!
Liebe Grüße 
Teo

 Agnete meinte dazu am 14.07.22 um 18:51:
freut mich, lieber teo, dass sie dich berühren konnte.
Danke und lG von Agnete

 Taina (14.07.22, 13:03)
Wenn die Oma nicht wär :)
Eine schöne Geschichte!

 IsoldeEhrlich antwortete darauf am 14.07.22 um 14:56:
So etwas hätte man sich in meiner Kindheit gewünscht. Aber bei uns im Dorf gab es ja noch nicht einmal einen Kindergarten, die Mütter waren ja sowieso alle zu Hause.

 Agnete schrieb daraufhin am 14.07.22 um 18:54:
danke, taina, für "die schöne Geschichte".
Ich war auch nicht im Kindergarten, liebe Isolde, aber meine Oma hat jeden Mittag Nachtisch gekocht...Die konnte wunderbare Quarkspeisen machen mit eingeweckten Birnen und Zimt...
Und wie man sieht, bindet es, wenn man für Kinder etwas Schönes kocht... Danke und lG von Agnete

 Dieter_Rotmund (14.07.22, 15:36)
Hier und da würde dem Text etwas weniger Sentimentalität und etwas mehr Realität guttun, finde ich.

 Agnete äußerte darauf am 14.07.22 um 18:56:
du wirst dich totlachen, Dieter, aber es ist ja alles genauso passiert. mehr Realität geht nicht... ;) 
Ich mach dir auch mal einen Pudding, dann kommst du auch besser mit der Sentimanetalität klar. :D
Grins von Agnete

 Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 14.07.22 um 19:02:
Darum geht es nicht, es geht um die literarische Umsetzung des Erlebten.

 Agnete meinte dazu am 14.07.22 um 19:13:
Ach Dieter, du Eisklotz <3
-  ja und wie genau sollte man etwas beschreiben , was sentimental ist - ohne dass es sentimental wirkt? Das wäre ein Erlebnisbericht als Genre. Wo genau sollte hier "literarisch" anders gearbeitet werden?
Im Gegenteil, es werden ganz geschickt zwei Geschichten miteinader vebrunden um genau die Grundaussage zu erstellen. Die tiefere, die über den Wackelpudding hinausgeht. Und findest du den Satz, Dieter?
Oder brauchen wir da Reich-Ranitzky?

Antwort geändert am 14.07.2022 um 19:15 Uhr

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.07.22 um 11:20:
Nein, das Ereignis an sich kann nicht sentimental sein, vielmehr bist du sentimental und schilderst in dieser Stimmung.
Es kann hier ja jeder machen, was er will, aber ich möchte einfach nur bitten, an den Leser zu denken, und für den ist es etwas zu viel süße Soße. KV-user Minze hat oft ähnliche Themen, weiss aber diese realtitätsnäher zu schildern, ohne dass Emotionen verloren gehen.
Weiterhin gilt natürlich außerdem: Show, don't tell.

 Agnete meinte dazu am 15.07.22 um 12:45:
da stehst du aber ziemlich allein mit deiner Meinung, Liebelein. Aber sie sei dir unbenommen. Wenn du also keine Emotionen willst, dann lies doch einfach bei Minze...

 Dieter_Rotmund meinte dazu am 15.07.22 um 13:00:
Das sicher nicht. 
Die Lobhudleien sind nicht in der Mehrheit, man äußert sich nur gerne in dieser Weise. Das führt deine Schreibe in eine falsche Richtung.
Minze schafft ja gerade die angesprochene Kombi von Emotionen und Erlebten besser, beim Puddingfest ist aber nur Friede-Freude-Kinderlachen.

 Agnete meinte dazu am 15.07.22 um 14:33:
jetzt wird es, wie der Kölner sagte "escht läppsch". Du kannst doch nicht eine Schreibe als Laie literarisch höher bewerten als eine andere, Dieter, nur, weil sie dir persönlich besser gefällt.  Das ist doch total unsachlich.
Ja, und Friede, Freude, Kinderlachen, genau das sollte es sein. Das geht dir natürlich ab, weil du mit Kindern und Lachen nix am Hut hast.

 harzgebirgler (15.07.22, 07:06)
fest steht der wangerooger 'PUDDING' immer
und hat von wackelwonnen keinen schimmer. :)

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Wangerooge_Pudding.jpg

lg vom harzer

 Agnete meinte dazu am 15.07.22 um 14:35:
auf was für ideen die Leute so kommen. Nett und wieder was gelernt. Danke Harzer und lG von Agnete

 indikatrix (15.07.22, 12:14)
Die Götterspeise ! 50 Sorten !
So viele Erinnerungen !
Wundervoll.
LG
indikatrix

 Agnete meinte dazu am 15.07.22 um 12:46:
danke, liebe Indi, ja, es sind Erinnerungen und scheinbar auch ein Maßstab... danke dir und lG von Agnete
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